Interview: WOLFCHANT
Titel: Endgültig gefunden

Bot der fulminant instrumentierte Albumvorgänger „Determined Damnation“ noch höllisch rabiate Thrash-Einschläge zuhauf, warten die Pagan Metal-Spitzenkönner aus dem bayerischen Wald jetzt erneut mit sehr Interessantem auf. So offerieren Wolfchant ihren Anhängern auf dem neuen aufwühlenden Hammeralbum „Call Of The Black Winds“ nun auch herrlich hymnische Power Metal-Attacken.

Und das passt perfekt zum Ganzen: Denn in den diesmal wieder berauschend episierten Kriegersound mixten die Protagonisten eine wirklich erstaunliche Vielzahl an geradezu bravourösen Songwriting-Ideen. Vollends integriert wurde glücklicherweise auch die markante Stimme von Michael „Nortwin” Seifert, welcher Frontmann Lokhi nun mit wunderbaren Klargesangs-Darbietungen assistiert.

Nortwins kompetente Kehlenkünste waren bekannter Weise bereits bei den Kraftmetallern von Rebellion zu genießen, und auch bei Wolfchant macht der in allen Tonlagen enorm ausdrucksstarke Heidenmann ganze Sache.

Fast zwei Jahre „Albumpause“ mussten ihre vielen Fans aushalten. Was also hat die bajuwarische Wolfsrotte denn in der Zwischenzeit Nennenswertes getrieben?

„Wir haben viel live gespielt, waren auf Tour oder haben eben an neuen Songs gearbeitet. Da wir ja alle arbeiten oder studieren, zieht sich bei uns ein neues Album einfach immer etwas länger hin. Dazu kommt ja auch noch dass wir nicht schnell irgendwas aufnehmen wollen, sondern das bestmögliche Material auf einer neuen Wolfchant-Scheibe haben wollen“, lässt Lokhi eingangs verlauten.

Er beziehungsweise Wolfchant haben sowieso immer sehr viele Ideen, wie der Kerl nachfolgend erläutert.

„Meist entstehen auch mehr Lieder und Texte als wir letzten Endes brauchen. Es gibt so viele Themen die man bearbeiten möchte, und so viele Melodien die noch verarbeitet werden möchten. Ich denke, was den künstlerischen und den Songwriting-Prozess anbelangt, brauchen wir uns keine Sorgen machen. Es stehen sogar schon wieder Ideen für ein nächstes Album.“

Was die anstehende Album-Tour 2011 von Wolfchant anbelangt, so kann die Gruppe laut Aussage des Sängers aus beruflichen Gründen leidre erst Ende des Jahres touren.

„Mehr als zwei Wochen sind aber dann auch nicht drin. Die Daten gibt es dann bis Mitte des Jahres. Es stehen aber schon die ersten Bands und Locations fest. Das ist aber noch nicht wirklich spruchreif. Wir werden uns erst einmal auf Festivals und Einzel-Shows konzentrieren um das Album so gut wie es geht zu promoten. Im Weiteren liegt uns ein Angebot für die USA Anfang 2012 vor. Wenn die Details passen, schlagen wir da natürlich auch zu.“

Im April spielen die lautstarken Bayern dann in Prag, so Lokhi.

„Sonst stehen noch Gigs in den Niederlanden, Österreich, Schweiz aus. Diverse Angebote liegen uns vor, dazu müssen wir aber noch entscheiden. Wir aktualisieren unsere Gigs dann sowieso wieder wöchentlich. Es sind noch viele Termine die wir noch nicht bekannt geben dürfen.“

Der überraschend frische und dynamische Stil auf „Call Of The Black Winds“ ist sicherlich einzigartig bislang im Bereich des extremen Metal. Wie beschreibt der Frontmann die aktuelle Wolfsmusik einem genrefremden Hörer?

„Es ist die perfekte Mischung aus Power-, Pagan- und Folk Metal mit Scream- und Klargesang. Immer eingängig und nach vorne treibend und in der Schnittmenge aus epischen aber harten Songs, und oben drauf ein ordentlicher Schuss Pathos.“

Ich erkundige mich im Zuge dessen, wie sich besagter „neuer“ Stil entwickelt hat? „Determined Damnation“ offenbarte Thrash-Nuancen, die ja nun aktuell in den Hintergrund getreten sind, zugunsten gesteigerter Epik und Zeitlosigkeit. Lokhi expliziert:

„Wir haben gemerkt, dass wir mit ‚Determined Damnation’ unsere Grenzen in dieser Richtung erreicht hatten. Es war also nicht mehr möglich sich in der Hinsicht weiter zu entwickeln, da wir ja kein Thrash- oder Death Metal-Album abliefern wollten. Das hieß für uns ganz klar einen Schritt zurück zu den Wurzeln, um dann wieder zwei Schritte nach vorne gehen zu können. Wir wollten ganz klar wieder den Fokus auf die Refrains legen, so wie wir es bei ‚Bloody Tales...’ und ‚A Pagan Storm’ gemacht hatten, und statt dem Thrash- den Power Metal hervorheben. Der zweite und ebenfalls eindeutige Schritt für uns war den Klargesang mit Nortwin weiter auszubauen. Dass hatte dann auch die Folge dass wir ihn in die Band aufgenommen haben. Der harte Gesang vereint mit dem klaren Gesang bilden schon einen neuartigen Aspekt bei uns im Sound und verleihen im eine gewisse Einzigartigkeit im Vergleich mit den anderen Pagan-Bands.“

Eigentlich sind Wolfchant mit dem aktuellen Werk deutlich genreübergreifend am Wirken. Ich frage nach, ob die Band beispielsweise schon Zuschriften von Heavy- und Power Metal-Fans, die sich nun für die neuen Songs erwärmen können, bekommt.

„Ja da hast du Recht. Wir bekommen viele sehr gute Reaktionen aus unterschiedlichen Genres und freuen uns darüber sehr. Wir haben ja nicht zwangsläufig damit kalkuliert, jetzt möglichst viele unterschiedliche Stile abzugrasen um erfolgreicher zu sein oder die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Als wir das Endresultat aber dann in den Händen hielten, war uns schon klar, dass wir nicht nur mehr auf den Pagan Metal-Bereich reduziert werden können. Und das war für uns eher ein sehr angenehmer Nebeneffekt der neuen Scheibe.“

Überhaupt, der Stil den man auf „Call Of The Black Winds“ hören kann, so Lokhi, ist auch derjenige, mit dem Wolfchant weiter arbeiten möchten. Wir erfahren hierzu:

„Wir werden nicht mehr großartige Änderungen vornehmen, da ich denke, wir haben unseren Sound nun endgültig gefunden. Es war ein natürlicher Entwicklungsprozess über die letzten Jahre, der uns zu dem gemacht hat was wir heute sind. Wir haben nie versucht, Kompromisse beim Komponieren oder unserem Image einzugehen. Wir sind wer wir sind, und wir machen was wir wollen!“

Hört man den Song „Eremit“ beziehungsweise dessen Text, fragt man sich, was dazu an symbolträchtiger Botschaft wohl genauer dahinter steckt. Ich bringe dazu gegenüber dem Sänger vor, dass der Text wohl schon darauf abzielt, dass der Mensch sein wahres Seelenheil am besten in unberührter Natur finden kann; fernab von religiösen Dogmen etc.

Lokhi merkt an: „Ja, eigentlich brauche ich die Frage nicht mehr zu beantworten, Eckbert, weil du genau das richtige gesagt hast. Ich hoffe mal dass alle so genau hinhören wie Du. Die Einsamkeit gibt mir unglaubliche Kraft und Inspiration. Wenn ich nur eine Woche mal wieder komplett auf die Medien, irgendwelche Nachrichten usw. verzichte, dann bin ich ein komplett anderer Mensch. Ich denke vielen anderen geht es auch so. Den Text hat Nortwin verfasst und er sieht das eben genau so. Wahres Seelenheil findet man in der Einsamkeit und ohne externe Einflüsse von Medien, Kirche oder Politik.“

Danach dreht sich unser Dialog weiter um Einflüsse und Inspirationen wie beispielsweise Historie, Bücher, Filme etc., welche für die Lyriken der neuen Kompositionen herangezogen wurden.

„Meist sind das Filme wie natürlich ‚Herr der Ringe’ oder auch ‚300’, die mich dann wieder zum Pathos triefenden Schlachtentext inspirieren. Dann sehe ich auch viele Dokumentation über unterschiedliche Themen wie beispielsweise Natur, Geschichte usw., die mich oft zu einzelnen Themen inspirieren: Das Ende des Universums beim Zwischenteil vom Song ‚Call Of The Black Winds’ zum Beispiel.“

In welchen Momenten sind Lokhi eigentlich die besten Liedertexte beziehungsweise Ideen für das neue Album in den Sinn gekommen? Er lässt wissen:

„Hört sich jetzt an wie ein Klischee, aber es ist meist beim wandern in den Bergen. Ich bin fast jedes Wochenende, wenn wir nicht spielen, unterwegs auf einem Berg oder einem Wanderpfad. Ich brauche das zum Ausgleich vom Job und dem ganzen Musikbusiness. Dieses Mal hat sich ja der Songwriting-Prozess in den Herbst gezogen. Wenn’s draußen nebelig ist kann mich keiner mehr in der Wohnung halten, da will ich in den Wald und die Melancholie dieser Zeit einsaugen. Meist gehe ich dann entlang der Ilz, denn hier hört man absolut keinen Umgebungslärm mehr. Da entstehen auch ganz viele Ideen.“

Anschließend interessiert mich, was der Frontmann eigentlich mal werden wollte, als er noch ein Kind war. Ich frage Lokhi daher, ob die vollzogene Entwicklung bis hin zum Vokalist von Wolfchant damals bereits schon auf die eine oder andere Weise absehbar war. Er informiert:

„Ich wollte schon immer einen eher handfesten Beruf machen. Ich habe mich als Kind sehr für Computer und Elektronik interessiert und dann erst mal Energieelektroniker gelernt. Erst später hat es mich dann in die Betriebswirtschaft verschlagen. Die Musik hat mich aber schon immer begleitet. Wie die meisten anderen auch hab ich im Alter von 15 Jahren mit Kumpels zusammen meine erste Metal-Band gegründet. Wir haben meist besoffen gespielt und keiner hat sein Instrument wirklich beherrscht. Dies war zwar recht lustig, aber wirklich erfolgreich waren wir nicht. Erst relativ spät, so im Alter von Mitte Zwanzig, kam dann in mir die Entscheidung, der Musik mehr Gewichtung einzuräumen und alles ernster anzugehen. Da habe ich, und zum Glück auch meine Bandkollegen, gemerkt, dass ich beziehungsweise wir ohne auf einer Bühne zu stehen und ohne Musik zu machen und darzubieten irgendwie nicht mehr leben können.“

Das neue Albumwerk hört sich an, als hätten die wölfischen Bajuwaren diesmal künstlerisch, ideell und kräftemäßig alles auf eine Karte gesetzt. Was genau erhofft sich also Stimmbandschinder Lokhi für Wolfchant von 2011? Und, wie wird die Band weitermachen, gesetzt den Fall, die neue Platte findet nicht den erwünschten Anklang bei den Fans?

„Ja, wieder hast du Recht. Wir haben das durchgezogen, was wir unbedingt machen wollten. Auch auf die Gefahr hin, dass es eventuell keinen mehr gefällt. Dies ist ja jetzt nicht so, und darüber sind wir auch ganz froh. Man muss immer auch etwas wagen um zu gewinnen. Vor allem ja dann, wenn man etwas Neues machen will. Ich hoffe dass den Fans die neue Scheibe gefällt, weil vor allem unglaublich viel Herzblut und Zeit hinein geflossen sind. Dann hoffe ich, dass wir das eine oder andere große Festival, mit dem es bis jetzt noch nicht geklappt hat, spielen können. Sonst sind wir sehr zufrieden mit dem was wir erreicht haben.“

Abschließend entspricht der auskunftsfreudige Hüne noch meiner Bitte, den Lesern noch seine liebste heidnische Lebensweisheit zu schenken. Es folgt: „Das ist zwar keine wirkliche heidnische Weisheit, aber eine die mir mein Großvater öfter mal gesagt hat und die mir gut gefällt: Wenn der Klügere immer nachgeben würde, dann würden die Dummen regieren!“

© Eckbert, 22.02.2011

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