Interview: WOLFCHANT
Titel: Musikalische Macht

Spieltechnisch ausdrucksstark, emotional temperamentvoll und vor allem kompositorisch beispielhaft sind diesen urbayerischen Ballerbolzen ihre neuen Heidenhymnen gelungen. Die kraftstrotzend exerzierte zweite Album-Attacke „A Pagan Storm“ trägt ihren Warntitel also vollkommen berechtigt.

Dermaßen ausgefeilte hochmelodische Eingängigkeit, wie sie hier durchgehend dargeboten wird, sucht man im gesamten Pagan Metal-Genre wohl vergebens. Überhaupt, mit ihrer markant spezifisierten Individual-Stilistik spielen Wolfchant sowieso in ihrer ganz eigenen Liga. Bisherige künstlerische Stärken wurden von den jederzeit rittfesten Wolfs-Jockeys barsch angepackt und turmhoch hinaufkultiviert.

Dennoch, eine musikalische Wiederholung des erfolgreichen 2005er Vorgängers „Bloody Tales Of Disgraced Lands“ kann den bissig musizierenden Kerlen niemand nachsagen. Kriegertrommler Norgahd schmiss für eine Weile seine Taktprügel hinter sich, um mir zusammen mit Kampfschreier und Frontmann Lokhi über das neue Epik-Manifest zu berichten.

Den bisherigen Bühnen-Zenit markierte eindeutig der kürzlich absolvierte große Live-Übergriff beim Ragnarök-Festival IV in Lichtenfels. Norgahd frohlockt noch immer:

„Der Auftritt war großartig. Wir haben ja bereits im Vorfeld gewusst, dass es der bislang größte Auftritt für uns sein wird. Wir waren von der Masse an Menschen, welche dann auch teilweise selbst unsere Lieder mitsingen konnten, überwältigt. Die Sache war ein voller Erfolg und wir haben ihn sehr genossen. Auch die Stage-Crew, an der sich andere eine große Scheibe abschneiden könnten, hat ihr Handwerk sehr gut verstanden.“

Und die Meinung des Drummers über die wohl mittlerweile allzu typische Pagan Metal-Klientel dort, welche sich mal wieder in aller Idiotie von ihrer schlechtesten Seite zeigte, soll hier nicht vorenthalten werden.

„Wir wollen nicht 4.000 Menschen über einen Kamm scheren. Dafür sind Menschen allgemein viel zu unterschiedlich. Wir haben jedenfalls einige nette Leute kennen gelernt. Mir selbst war es jedoch ein Dorn im Auge, was sich teilweise auf dem Parkplatz vor der Festhalle abgespielt hat. Ich weiß nicht, wann genau Flaschenzerschmeißen und Müllverstreuen zum Volkssport wurde, und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Diese Umstände herrschen ja leider nicht nur auf dem Ragnarök Festival vor, sondern mittlerweile allgemein auf den Campingplätzen aller solcher Veranstaltungen, was immens schade ist. Ich möchte damit nun nicht behaupten, dass wir selbst auf Festivals Saubermänner sind, bei denen nie was auf den Boden fliegt – aber immerhin kann man sich dann am letzten Tag doch ein paar Minuten Zeit nehmen und mal den Dreck einigermaßen beseitigen. Im Weiteren geht ein großes sarkastisches Dankeschön von unserer Seite aus an all diejenigen Vollidioten, die es sich, gestärkt durch das Wissen um ihre `Trueness` nicht nehmen ließen, diverse verfassungswidrige Grüße oder Parolen darzubieten: Ihr macht die Szene zu dem was sie momentan ist, einer Zielscheibe. Daher begrüße ich das Statement von Veranstalter Ivo Raab sehr, gerade in diesen Bereichen nächstes Jahr noch härter durchzugreifen, um auch 2008 wieder ein gelungenes Ragnarök-Festival feiern zu können.“

Man wünscht es den Beteiligten. Trotzdem, eine eklatante Schande, was da vor sich ging. Ich habe mich gar noch mehr für die überwiegende Anzahl der dortigen Besucher geschämt als im letzten Jahr; ich werde da wohl nicht mehr hinfahren. Die geistige Entmündigung ist viel mehr fortgeschritten, als ich dies in meiner mir zueigenen Art der Blauäugigkeit wahrhaben wollte. Wer soviel Dreck macht, ist in meinen Augen auch nicht mehr wert als Dreck. Harte Worte, gewiss, aber ich empfinde so. Ich liebe die Natur und die Tiere jedes Jahr mehr, im Gegenzug empfinde ich für die allermeisten Menschen immer weniger. „Heide“ zu sein heißt für mich eben nicht, mich mit der Deutung und Bedeutung von einschlägigen Symbolen, Büchern und entsprechend lyrisierter Musik zu befassen - sondern auch, Mutter Natur sowie ihre Geschöpfe zu ehren, und das mit alles verzehrender Leidenschaft und Beseeltheit. Die „guten“ Gruppen werden natürlich auch bei mir auf ewig Gehör finden; die von mir schrittweise geplante Abkehr von der mittlerweile vollständig verkommerzialisierten und von monetären Zielen korrumpierten „Szene“ wird in mir eine noch inniglichere Zuwendung hin zum Gehaltvollen und Zeitlosen mit sich bringen.

Doch rasch zurück zur Gruppe: Leider blieben auch Wolfchant nicht von Besetzungswechsel verschont, Nattulv ersetzt seit kurzer Zeit den vorherigen Bassisten Gaahnt. Und laut Aussage von Norgahd klappt die Zusammenarbeit mit dem „Neuen“ prächtig.

„Gaahnt hat ja die Band aus privaten Gründen verlassen, wir haben uns im Guten getrennt. In Form von Nattulv haben wir einen neuen Mann gefunden, der sein Handwerk sehr gut versteht. Wir kannten uns ja schon seit über einem Jahr, und somit konnten wir ihn zu unserem Glück schnell für uns gewinnen – nicht zuletzt auch deswegen, da ja diverse Auftritte auf uns warteten. Innerhalb nur eines Monats hat er sich unser Set einprägen müssen, was ihm gut gelungen ist. Aber auch neben den musikalischen Aspekten passt er sehr gut in die Gruppe. Man kann also sagen, dass seine Integration in Wolfchant sehr gut vonstatten gegangen ist.“

Nach einem Jahr erstmalig intensiven Eintauchens in dieses Metier sowie dem dahinter stehenden Musikgeschäft beziehungsweise Print- und Online-Medien sind in dem Trommler bleibende Eindrücke entstanden.

„Erfahrungen, die fast genauso erschreckend wie interessant waren beziehungsweise sind. Es ist natürlich spannend Leute kennen zu lernen, die ja, eigentlich durch ihre Arbeit, die Metal Szene prägen. Heute kennen wir viele dieser Leute sehr gut und haben darunter auch ein paar gute Freunde gefunden. Auf der anderen Seite ist eben der schauderliche Aspekt nicht zu leugnen, dass sich auch hier fast alles ausschließlich ums Geld dreht. Von dem großen `Metalgeist`, dem Individualismus und all dem, was eigentlich für den Metal an sich steht, ist ehrlich gesagt nicht viel zu spüren. Vielmehr geht es den allermeisten doch primär darum, sich zu profilieren und dabei möglichst viel Gewinn zu scheffeln. Wir sind daher allesamt sehr froh, dass nicht die gesamte Szene, und vor allem der Konsument in der Regel nicht so denken. Insofern picken wir uns die guten Aspekte heraus und machen das Beste daraus, vor allem wollen wir miteinander eine gute Zeit haben.“

Das Debütalbum „Bloody Tales Of Disgraced Lands“ brachte einen riesigen Erfolg mit sich, was die bajuwarischen Urheber gelinde gesagt vollends überraschte. Norgahd resümiert hierzu: „Im Leben hätten wir das nicht zu träumen gewagt. Als wir 2003 noch im Proberaum saßen und darüber sprachen, was man denn eigentlich erreichen wolle, hätten wir nicht einmal im Traum daran gedacht, einen Plattenvertrag zu ergattern. Wir waren mit unserem selbst aufgenommenen Demo `The Fangs Of The Southern Death` schon überglücklich. Trotz dieser Tatsache haben wir versucht uns immer weiter zu entwickeln und zu verbessern. Wir haben sehr hart und sehr viel gearbeitet und wir denken momentan nicht daran, das Ganze einfach irgendwie laufen zu lassen. Wir sind nach wie vor mit 100%er Einsatzkraft beziehungsweise -Freude dabei und freuen uns, dass unsere Musik so großen Anklang bei den Hörern findet. Hauptsächlich habe ich die neuen Stücke zusammen mit meinem Bruder Skaahl geschrieben. Wobei wir so etwas absichtlich nie in CD-Booklets schreiben, da jeder von uns seinen Teil dazu beiträgt und Wolfchant nicht von einzelnen Mitgliedern geprägt wird, sondern stets als Ganzes fungiert.“

Ja, Wolfchant sind eben mit Leib und Seele Musiker und lieben das, was sie als Band tun, über alles – unter dieser Prämisse ging auch das Liederschreiben für das neue Album vonstatten, so Norgahd. „Ein weiterer Grundgedanke war der Ansporn, den uns die Hörer unserer Musik mit ihrer Unterstützung gaben. Natürlich machen wir die Lieder in erster Linie, um uns damit als Künstler auszudrücken. Aber wer kann schon von sich behaupten etwas jahrelang zu machen ohne irgendwie etwas damit bewegen zu wollen beziehungsweise Einfluss auf irgendetwas zu nehmen – kurz gesagt, ohne beachtet werden zu wollen?“

Eine berechtigte Gegenfrage, welcher der Trommelknecht weitere Ausführungen folgen lässt. „Eigentlich ging es uns das Songwriting für `A Pagan Storm` gut von der Hand, weil wir uns auf das konzentriert haben, was wir können. Auf dem letzten Album waren noch Keyboardklänge zu hören, welche ich selbst eingespielt habe. Meine Fähigkeiten am Keyboard sind und waren jedoch begrenzt. Dieser und der Grund, neues Terrain betreten zu wollen, haben das Songwriting von Wolfchant auf eine neue Stufe gebracht. Wir wollten ein Album `gegen den Strom` aufnehmen. Das Unterfangen, epischen Pagan Metal ohne Keyboards zu erschaffen, ist uns denke ich auch gut gelungen. Spieltechnisch haben wir uns in der Tat verbessern müssen. Diesen Anspruch haben wir an uns selbst gestellt, da wir doch ein zeitloses Werk abliefern wollten. Es wurden also schon so einige Stunden mit Proben und dem erlernen neuer Spieltechniken verbracht.“

Nun bringt sich auch Kreischkehle Lokhi ein: „Diesen Anspruch wollen wir uns auch für das nächste Album wieder stellen. Wir haben uns vorgenommen, uns kontinuierlich in allen Belangen zu steigern. Sei es im Bereich der Instrumente als auch in der Vielfalt des Gesanges.“

Nachfolgend erklärt der kurz geschorene Hüne die Inhalte beziehungsweise Thematiken der neuen Songtexte des aktuellen Albums. „Beim Titelsong geht es um die stetig wachsende Anhängerschaft und die Kraft des Heidentums, die wir imaginär als Sturm bezeichnen. Ein kraftvolles Lied mit Chorpart im Zwischenteil. `The Path` handelt davon, dass man seinen eigenen Weg gehen muss, und sich nicht davon abringen lassen soll, auch wenn das Ziel manchmal schwer zu erreichen ist. Eine Art Erfahrungsbericht der letzten Jahre. `Midnight Gathering` hingegen ist ein typisches Wolfchant-Trinklied, bei dem auch Akkordeon und Flöte zum Einsatz kommen. `A Wolfchant From The Mountain Side`: Hier geht es um die historische Zwangschristianisierung in unserer Gegend. In Form von `Guardians Of The Forest` handelt es sich um eine kleine Fortsetzung der `Old Fields`-Sage aus unserem ersten Album. Das Lied thematisiert einen Zeitabschnitt nach den `Bloody Tales…`, in dem die Weisen bei sagenumwobenen Kriegern aus vergessenen Zeiten Schutz ersuchen. `A Wolfchant From The Mountain Side` ist zudem im aktuellen Cover-Artwork verankert – eines der wohl schnellsten Stücke auf dem neuen Album. `Winterhymn` steht für die Schönheit und die Kraft des Winters – das längste und abwechslungsreichste Lied auf `A Pagan Storm`, mit Akustik Breaks, Maultrommeln und Chor. `Stärkend Trunk aus Feindes Schädel` ist ein Stück, welches vom Text her ironisch gedacht ist. Es handelt von den Wikingern, die aus den Schädeln ihrer getöteten Gegner lustige Becher gebastelt haben. Der Song kann wieder mal als `Trinklied` bezeichnet werden – für den überwiegenden Teil des Liedtextes haben wir dir zu danken, Eckbert. `Voran`: Ein heidnisches Dorf wird wiederholt von einer christlichen Armee angegriffen. Die Einwohner setzten sich jedoch mutig zur Wehr um den Feind zu bekämpfen. Das Thema Glaubenskonflikt sowie die Überzeugung, dafür Unschuldige zu töten, sind ja auch heutzutage leider noch sehr aktuell. Ein sehr hymnisches Lied im Mittempo Bereich. `Feuerbringer` ist eine Vertonung von Loki’s Zankrede aus der Edda. Natürlich handelt es sich nur um einen von uns modifizierten Ausschnitt, da der Text einfach zu lang ist. Neben `Guardians Of The Forest` ist dies der schnellste Song auf dem Album. Bei `The Axe, The Sword, The Wind And A Wolf` geht es um den Wolf Fenrir und dessen Fesselung mit dem Seil Gleipnir. Da es den Göttern nicht gelang Fenrir zu bändigen, beschloss man, ihn zu fangen und festzubinden. Um dem Wolf das Seil Gleipnir umzulegen musste Tyr ja bekanntlich seine Hand opfern.“

Interessiert war ich nachfolgend daran, ob Wolfchant als Musikgruppe den Hörern eigentlich eine Botschaft vermitteln wollen. Norgahd geht ins Detail: „Ideologisch gesehen wollen wir mit unseren Texten den Menschen mitteilen, dass sie endlich anfangen sollen selbständig zu denken. Dass sie ihre eigene Meinung kundtun und eindeutig Stellung beziehen. Dass sie sich vor allem nicht den Zwängen der Kirche oder einer anderen Weltreligion unterwerfen. Wir wollen durch unsere Texte vermitteln, dass der Mensch eben nicht der Herr der Erde ist. Und dass er sie sich nicht zum Untertan machen soll, sondern sich vielleicht – zugegebenermaßen ist dies sehr unwahrscheinlich – irgendwann wieder als ein Teil der Natur sieht und versteht.“

Das Heidentum an sich stellt für den aussagefreudigen Trommler eine Lebensweise dar, die zwar nicht der heutigen entspricht, welcher er sich aber aufgrund persönlicher Vorstellungen bestens verschreiben kann. „Auch wenn ich das Wort `Heide` an und für sich nicht sonderlich positiv empfinde. Sprich, dass vor der allgemeinen Profitgier noch Werte stehen und dass man auch für etwas eintritt – auch wenn es einem eventuell zum Nachteil gereichen wird. Ich versuche so gut es geht im Einklang mit meiner Umgebung zu leben, ohne jedoch auf Annehmlichkeiten der Moderne zu verzichten. Den heidnischen Götterglauben sehe ich genauso wie unsere Vorfahren auch. Nur dass die damalige Zeit eben noch nicht so aufgeklärt war wie eben die heutige. Ich sehe die Heidengötter also als Metaphern für Naturereignisse. Im Weiteren mag ich die so genannte Lagerfeuerromantik sehr und fühle mich deshalb auch auf Mittelalterlagern und -Märkten sehr wohl – auch wenn diese meist nicht der damaligen Realität entsprechen.“

Da lag meine nächste Frage nahe, wie ein absoluter Vollblut-Heide wie Norgahd eigentlich so in einer immer mehr durch Materialismus, massenmedialer Verdummung und künstlich erzeugten Meinungen zurechtkommt. Wir erfahren dazu vom flinken Taktmeister: „Ich sage: Am besten sollte man einfach so wenig wie möglich von diesen ganzen künstlichen Meinungen an sich heranlassen, sondern sich selbst eine Meinung bilden. Die Leute sollten sich daher selbst in den für sie interessanten Themen weiterbilden, um nicht blind die Meinung anderer wiedergeben zu müssen. Also quasi einfach die Dinge herauspicken aus dem ganzen Trubel, die für sie jeweilige wichtig beziehungsweise positiv sind, und das andere ausgrenzen. Warum muss ich, um es mal ganz banal zu sagen, beispielsweise einen Ferrari haben, wenn ich auch mit einem anderen Auto von A nach B komme? Gut, man kann damit vielleicht in der Innenstadt großer urbaner Ballungszentren nicht so toll `rumcruisen`, aber selbst mit dieser `enormen` Einschränkung lebt es sich meiner Ansicht nach sehr gut.“

Diese vorangegangene Aussage führte wohl ganz automatisch zum nächsten Themenkontext – denn Wolfchant sind allesamt Dorfbewohner mit inniglichem Naturbezug, welche Großstädte laut eigenem Bekunden – so gut es geht – meiden. Norgahd: „Ja, ich bin nur sehr ungern in großen Städten zugegen. Es gibt nirgends Ruhe und alles ist immer und überall beschäftigt damit, möglichst viel und profitabel zu arbeiten – um sich in ein paar Jahren den ersehnten Porsche leisten zu können, ohne den man ja heutzutage nichts mehr gilt. Klar ist das nicht für jeden zutreffend, aber so ist eben das Gefühl, das ich dazu habe. Ich habe in Großstädten überwiegend nur negative Erfahrungen gemacht – beispielsweise vor zwei Wochen: Ich war da mit einigen Freunden in einer niederbayrischen Stadt unterwegs um zu feiern. Auf dem Nachhauseweg – ich war mit einer Freundin unterwegs – kam dann eine Gruppe junger Türken des Weges, altersmäßig schätzungsweise so Mitte zwanzig, und meinten mich erst anpöbeln und anschließend verprügeln zu müssen – was in diesem Fall leichtes Spiel für sie war. Reden ließen die nicht mit sich, der erste Faustschlag traf mich noch vor einer angestrebten schlichtenden Kommunikation meinerseits. Den viel zitierten `Dialog` konnte ich in diesem Fall also nicht suchen. Ich trug nicht wenige schmerzende Blessuren davon. Warum ich mir anmaße, die Nationalität der Schlägertypen zu behaupten? Sie haben mir nämlich noch nachgerufen, dass die Türken Deutschland einnehmen werden. Ich habe diese Personen übrigens in meinem Leben noch nie gesehen – geschweige denn habe ich sie in irgendeiner Art belästigt. Tja, so was ist halt leider kein Einzelfall mehr und, nein, ich werde jetzt nicht politisch, da ich nicht alle Menschen aus diesem Kulturkreis in einen Topf schmeiße. Es handelt sich hierbei nämlich lediglich um eine traurige Tatsache. Pauschalisieren werde ich das Erlebte jedoch nicht. Im Gegenteil: Wer einmal in der Türkei im Urlaub war, hat die Einheimischen dort als edle, gastfreundliche und ehrenhafte Menschen erlebt. Die meisten dort schämen sich sehr für das vereinzelt zügellose und respektlose Treiben ihrer Landsleute in Deutschland. Da ist mir unser kleines Heimatdorf in Niederbayern also schon viel lieber als eine Großstadt, wie man wohl nur allzu leicht verstehen kann.“

Lokhi schließt sich dem Wolfchant-Felldrescher an: „Städte üben auf mich zwar einen gewissen Reiz aus, dieser verfliegt aber meist nach sehr kurzer Zeit. Es ist für mich zwar immer wieder notwendig, sei es aus beruflichen oder auch privaten Gründen, Städte aufsuchen zu müssen – ich bin aber immer wieder froh, wenn ich wieder in unserem Heimatdorf St. Oswald bin. Alleine schon der Lärm, die schlechte Luft und die Hektik sind für mich auf Dauer zu viel. Wenn man wie wir mit Wäldern, Wiesen und Bergen aufwächst, hat man eine gewisse Ruhe in sich, die durch solche Einflüsse nur gestört wird.“ Wie Norgahd der Aussage des Sängers anfügt, herrscht im Wohnort der Gruppe Ruhe, vor allem nachts. „Alles ist hier viel gemütlicher und man kann im Sommer auch mal kurz 200 Meter zum Waldrand gehen, um ein Lagerfeuer zu machen – was ich genauso schätze wie unsere Wälder. Gut, der hier typisch ansässige `Waidler` [kauzige niederbayrische Dialektik; frei übersetzt: `Waldmensch` – A.d.A] ist an und für sich etwas eigen und gerade in einem Erz-katholischem Gebiet wie hier wird man schon mal komisch begutachtet – oder auf dem Dorffest auch mal auf die `nichtchristliche` Haltung angesprochen. Aber im Endeffekt sind das alles nette Leute, die es einfach nicht besser wissen und sich darüber auch keine Gedanken machen – weil es schon immer so war, so ist und auch immer so bleiben wird.“ […]

Wir gingen auch noch zum Pagan Metal-relevanten Thema Umweltschutz über. Norgahd konnte beziehungsweise wollte mir eine gewisse wütende Haltung dazu nicht verheimlichen: „Meinst du den Umweltschutz der nicht stattfindet? Von dem halte ich herzlich wenig. Bei uns werden die irrsinnigsten Gesetze verabschiedet um angeblich die Umwelt zu schützen – und gleichzeitig werden auf der ganzen Welt die Wälder nur so niedergemacht. Sei es durch Brandrodung oder Holzfällen. Ich sehe beispielsweise überhaupt keinen Sinn darin, Osterfeuer oder ähnliches zu verbieten, weil dadurch angeblich zu viel Feinstaub in die Umwelt geblasen wird – aber trotzdem wird es in der Politik aktuell diskutiert. Das sind keine Maßnahmen zum Umweltschutz, sondern eine Ruhigstellung der Bürger, da die ja sehen, dass was passiert. Ein echter Umweltschutz würde mir viel bedeuten. Leider gibt es nur wenige, die sich tatsächlich dafür einsetzen.“ Lokhi schließt sich dem voll und ganz an, bekräftigt die Aussagen seines Nebenmannes durch ständiges Kopfnicken. Auch ich bin in diesem Punkt voll auf der Meinungsseite von Wolfchant.

Hierbei füge ich auch gerne noch ein `feines` Beispiel an: Seltsamerweise wird jeder Autofahrer seit Jahren in den systematisierten Kartellmedien als unsägliches Umwelt-Dreckschwein dargestellt, der nicht den neuesten – teuren – Katalysator unter seinem Blechkarren installiert hat. Industrie-Lastkraftwagen hingegen blasen jedoch noch immer tiefschwarze Russschwaden aus ihren dicken Auspuffrohren – bei allzu vielen davon kann man nicht hinterherfahren, ohne einen rauen Hals zu bekommen. Oder nehmen wir doch mal den internationalen Flugverkehr – aus einem Liter Kerosin entstehen laut aktueller wissenschaftlicher Berechnungen durch die Verbrennung circa 2,8 kg CO². Ein modernes Passagierflugzeug verbraucht auf Reiseflughöhe circa 2.500 Liter Kerosin pro Stunde. Nach Spanien beispielsweise dauert ein Direktflug von Deutschland aus circa vier bis fünf Stunden – was hin und zurück etwa 30.000 Liter Kerosin oder 84 Tonnen CO² entspricht. Darüber hat man nie groß etwas in den Nachrichten gelesen beziehungsweise Umweltfilmchen gesehen. Doch lassen wir das, denn die schamvolle Lügen- und Unterschlagungsliste der Medien beziehungsweise ihrer großindustriellen Interessenten geht ewig weiter. Was mich auch oft richtig traurig macht, ist die vielerorts einhergehende Überschwemmung der Landschaften und Wälder mit Müll. Denn das allerletzte klitzekleine Fünkchen Rebellion entzünden viele `Menschen` offenbar nur noch tief nachts in sich, wenn sie heimlich, hämisch grinsend ob ihrer Untat, Müll, Zigarettenkippen und Flaschen aus ihren Autos werfen.

Natürlich galt es für uns drei auch noch, über die einhergegangene Verkommerzialisierung beziehungsweise dadurch bedingte Verwässerung des Genres Pagan Metal zu diskutieren. Norgahd machte gerne den Anfang: „Es geht dadurch natürlich viel den Bach runter. Vor einigen Jahren war es noch ein viel größeres Lebensgefühl als heute. Ich glaube allerdings nicht, dass das ein Effekt ist, der erst heute eingetreten ist. Auch damals war es doch schon so, dass nicht die besten Bands, sondern diejenigen mit dem besseren Label zu Weltruhm aufstiegen. Wie sonst will man beispielsweise erklären, dass Metallica zu dem wurden was sie heute sind – und ein paar dutzend andere, die genauso das Zeug dazu hatten, heute kein Mensch mehr kennt? So merkt man schon, dass immer weniger Leute dabei nach dem Herzen sondern nach dem Geldbeutel handeln, was ich wirklich sehr schade finde.“

Lokhi sieht die Sache ebenso: „Momentan bekommt jede Band, die aus den Bereichen Pagan-, Viking, oder Folk Metal kommt, einen Plattenvertrag. So dumm kann man sich eigentlich gar nicht anstellen, um keinen zu ergattern. Die Labels sehen, dass diese Art von Musik seit einiger Zeit sehr erfolgreich ist und versuchen so viele Bands wie möglich aus dem Genre zu bekommen. Aber spätestens wenn der `Hype` vorbei ist trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Letzteres bleibt zu hoffen. Zeitweise traten Wolfchant in altertümlicher Gewandung auf – welche sie bei neueren Auftritten jedoch nicht mehr tragen. Norgahd nennt den Grund, angelehnt an den vorherigen Gesprächskontext. „Nun, das ist einfach zu beantworten: Als wir damit anfingen, war es noch etwas Besonderes. Wir wollten optisch etwas bieten. Mittlerweile hat sich das allerdings so verselbständigt, dass wir uns dazu durchgerungen haben es wegzulassen. Außerdem ändern sich Menschen, sammeln Erfahrungen.“

Abschließend legt der spielfreudige Trommler noch Zukunftspläne dar. „Momentan sind wir dabei, uns live möglichst gut zu präsentieren. Sicherlich wäre es sehr erfreulich, in Zukunft auch auf den großen Bühnen mitzumischen – aber das wird die Zukunft zeigen. Momentan laufen ja die Vorbereitungen für das Walpurgis Metal Days Festival in Hauzenberg, welches Ende April stattfindet und welches wir organisieren. Neben dem WMD versuchen wir dieses Jahr auch das Pagan Nights Festival wieder zu stemmen und somit auch in unserer Region dem Metallerherz etwas zu bieten. Eckbert, wir danken dir für das Interview, den ständigen Support und die ganze Unterstützung!“ Ehrensache.

© Eckbert, 21.04.2007

[ zur Übersicht ]