Interview: VARG
Titel: Mit Biss

Ihr vorhergehendes Album, die gezielt geführte 2009er Viking Metal-Attacke „Blutaar“, offenbarte neben Durchhaltewillen auch gesteigerte musikalische Reife. Nicht gänzlich unumstritten, aber breitenträchtig immer erfolgreicher und dabei vor allem auch genreübergreifend überraschend populär sind Varg damit geworden. Vor einigen Monaten machte sich der bekanntlich streitbare Coburger Heidenhaufen an die Arbeit zum dritten Langschlag, der brandneuen Liederveröffentlichung „Wolfskult“. Mittels dieses dritten Drehers stellen die Beteiligten samt neuem Gitarrenkrieger eindeutig klar, wie ernst es ihnen musikalisch mit ihrem heftigen Treiben ist.

„Privat hat sich wohl bei jedem von uns der Musikgeschmack breiter gefächert. Unser neuer Gitarrist bringt da auch nochmals zusätzliche eigene Einflüsse mit, auch wenn diese sich bislang noch nicht auf das Songwriting ausgewirkt haben. Unterbewusst beeinflusst einen als Musiker meiner persönlichen Ansicht ja alles ein bisschen. Auch das, was man beispielsweise im Tourbus so hört und da läuft bei uns von Danzig bis Darkthrone eigentlich alles. Im Tourbus wird sogar Power Metal gespielt, weil unser Fahrer der absolute Sabaton-Freak ist. Direkt auf das Songwriting bezogen haben wir uns natürlich mehr Erfahrung beziehungsweise im Speziellen mehr Gefühl für Spannung angelernt. Wir können somit nun vermehrt Liederteile bieten, die massiv knallen und wir verspüren zudem mehr und mehr Mut für Soli“, eröffnet mir Gitarrist und Vokalist Philipp `Freki` Seiler.

Im Anschluss drehte sich unser Dialog um die größten Stärken auf dem neuen Albumwerk, und der Varg-Anführer weiß dazu zu berichten: „Unsere musikalischen Interessen, Vorbilder und Geschmäcker haben sich weiterentwickelt, unsere Technik verbessert. Es klingt anders als früher, was auch an den fünf Halbtönen liegt, die unsere Kreationen nun tiefer gestimmt sind. Trotzdem, unverkennbar Varg!“

Seit jeher trotz vieler Schwierigkeiten konnten sie sich als eine Durchhalte-Truppe bekannt machen. Sehen Varg sich selbst auch gegenwärtig noch immer so? „Wir haben die letzten sieben Wochenenden mit Touren verbracht und im Zuge dessen ganze 15.000 Kilometer an Busfahrten absolviert. Und das bei teilweise zehn Grad Minus durch Europa mit einem Minimum an Schlaf. Aber wir gaben trotzdem jeden Abend 100% bei den Shows. Ich denke der Titel `Durchhalte-Truppe` ist immer noch gerechtfertigt, ja.“

Ob Varg nun also aus dem Untergrund an die Spitze des Genres gekommen sind, muss laut nachfolgender Aussage von Freki jeder für sich selbst beurteilen. Wir erfahren: „Mir fällt es schwer, mich mit nur einem Genre zu identifizieren. Denn wir sind musikalisch in die Breite gewachsen und haben gleichzeitig gewissermaßen ein eigenes Genre, den `Wolfskult` aufgezogen.“

Ich erkundigte mich, welche Ideale diese Gruppe am besten zusammen halten. Freki gewährt Einblick: „Wir verbringen wohl mehr Zeit miteinander als mit der Familie oder den Freundinnen, so etwas schweißt eben zusammen. Dennoch ist es natürlich nicht immer einfach, auf so engem Raum so lange zusammenzuhalten, aber ein paar Rudelkämpfe hier und da gehören einfach auch zum Wolfsein dazu“, gibt er mit grinsender Miene zum Besten.

Zum neuen Plattentitel – der Gitarrist und Sänger konkretisiert gerne, was genau unter dem „Wolfskult“ zu verstehen ist. „`Wollt ihr als Lamm oder Wolf, zwischen den hungrigen Wölfen sein? ` (Textzeile aus dem Varg-Song `Wir sind die Wölfe`) Den `Wolfskult` kann man eindeutig als unsere Interpretation des Heidentums in der Neuzeit verstehen. Wir gehen unseren Weg, leben nach unseren Werten. Das fordert manchmal Opfer, ist aber der Weg in die wahrhaftige Freiheit.“

Historisches spielt in den Lyriken von Varg nur noch eine sehr kleine Rolle, wie aktuell in Erfahrung zu bringen war. Freki hierzu: „Es geht vielmehr um das Leben selbst, um Gefühle, um innere und äußere Kämpfe. Die alten Geschichten wurden oft genug breit getreten. Wir erzählen vom Leben, damit können sich viele Fans identifizieren und das schafft die wichtige Nähe zur Hörerschaft.“

An das Songwriting zu den neuen Kompositionen sind die Musiker laut Freki diesmal nicht viel anders herangegangen, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Der Saitenspieler erinnert sich: „Wir sind von meinem Keller weg und rein in den neuen Proberaum gewandert. Wie schon auf `Blutaar` haben sich unser Bassist Managarm und ich zum Sonwriting verschanzt und wir hatten in der Zeit recht wenig Kontakt zur Außenwelt, mit Ausnahme von unseren musikalischen Mitstreitern Fenrier, Hati und Skalli. Dieses Flüchten in eine eigene Welt wirkt sich doch stark auf das Songwriting aus. Das Ausarrangieren der Songs lief allerdings diesmal wieder ganz genau wie bisher ab.

Der Biss in der Band ist härter, die Leidenschaft größer denn je, bringt der Kerl das Selbstverständnis seiner Rotte jetzt auf den Punkt. „Von der `wir machen auch Viking Metal`-Einstellung zur `wir sind der Wolfskult!`-Selbstsicht war es ein langer Weg und ich möchte keinen Schritt dieser Entwicklung missen.“

Varg haben wieder, so Griffbrettmann Freki stolz, mit Andy Classen zusammengearbeitet, welcher auch schon beispielsweise Belphegor und den Apokalyptischen Reiter gute Sounds zauberte. Der Varg-Frontmann resümiert: „Nachdem wir bei den `Blutaar`-Aufnahmen vereinzelt aneinander geraten sind (das war wichtig und gut so, keine Sorge) verliefen die `Wolfskult`-Aufnahmen doch deutlich harmonischer. Es war eine gute Sache mit jemandem zu arbeiten, der uns kennt, der weiß, wie wir klingen wollen und der uns trotzdem jeden Freiraum zum Experimentieren lässt. Da war Andy Classen also definitiv der richtige Mann für uns. Mit seiner megafetten Produktion hat er das alles nur unterstrichen, wir danken ihm dafür!“

Wenn er an 2011 denkt, ist Freki laut eigenem Bekunden sehr gespannt, was die Zukunft so bringt. Er konstatiert abschließend: „Und ich freue mich auf die Reaktionen der Fans zum neuen Album und natürlich ganz besonders auf die anstehende Paganfest-Tour! Dort werden wir eine Menge alter Freunde treffen und neue Freunde machen, und wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich eines schon ganz genau: 2011 wird ein Jahr des Wolfes!“

© Eckbert, 20.12.2010

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