Interview: ODROERIR
Titel: Auf eigenen Füßen

Beseelte Bardenkehle, kompetenter Multiinstrumentalist, inniglicher Altertumsverehrer. All diese Beschreibungen treffen auf ihn zu. Die Rede ist hier erneut von Fix, seines Zeichens enorm spiel- und singfreudiger Frontmann der langjährig veritablen ostdeutschen Folk Metal-Spitzenkönner Odroerir. Dieser absolute Idealist und Vollblutkünstler lebt und atmet die Inhalte der gebotenen Musik sozusagen auf Schritt und Tritt. Odroerir dient seinen Visionen somit als exzellente Entsprechung. Letztes Jahr veröffentlichten die sechs ostdeutschen Genre-Vorreiter das dritte Odroerir-Album „Götterlieder II“, welches abermalig mit großer Bravour dargeboten wird. Der musikalisch höchst wonnige Silberling bietet erneut ergebene Notenmeisterei im Sinne der alten Götter. In den kommenden Monaten wollen die beteiligten Akteure zusammen mit XIV Dark Centuries geneigte Hörer erneut mit einer ausgedehnten Tour beglücken, wie von Fix in Erfahrung zu bringen war.

„Jenes hat einfach nur einen pragmatischen Zweck, damit Manuel, der ja unweigerlich in beiden Bands aktiv ist, nicht zweimal im Jahr Urlaub machen muss. [lacht] Mit XIV Dark Centuries haben wir eigentlich schon so viele gemeinsame Konzerte erfolgreich bestritten, dass es langsam Zeit wird für eine gemeinsame Tour. Wir kennen uns nun ja auch schon so lange und beide Seiten wissen um die Macken und Saufgewohnheiten der anderen ziemlich gut. Jenes hat zudem den Vorteil, dass wir komplett auf die Kennlernphase beim Tourauftakt verzichten können. Eigentlich sollte es ja schon im letzten Herbst zur Sache gehen, unter anderem mit Skyforger und Gernotshagen, aber aufgehoben ist ja bekanntlich nicht aufgeschoben“, proklamiert der spielfreudige Frontmann in aller Entschlossenheit.

So erhofft er sich für Odroerir von 2011 primär, dass diesmal die geplante Tour auch klappt und konsequent durchgezogen wird, wie er vorgibt. „Denn so ein Highlight darf einem einfach nicht entgehen.“

Bis jetzt stehen auch sonst schon ein paar einzelne Auftritte fest, so Fix, wie beispielsweise das diesjährige Ragnarök Festival in Lichtenfels, das von Trollzorn Records initiierte dreitägige Black Troll Open Air, welches passend auf einem Burggelände stattfindet, und noch ein paar einzelne verstreute Gigs. Mehr dazu: „Letztes Wochenende waren wir übrigens in Paris beim Cernunnos Pagan Festival, wo wir eigentlich schon letztes Jahr spielen sollten, was aber aus organisatorischen Gründen irgendwie dann doch nicht klappte, weswegen wir für dieses Jahr gleich von Anfang an gebucht wurden. Dies war unser erstes Konzert für das Jahr 2011 und gleichzeitig eine Premiere für unser neues und mittlerweile mit Abstand jüngstes Bandmitglied namens Karlson. Jener übernimmt nämlich ab sofort bei Live-Aktivitäten die zweite E-Gitarre in den Liedern, wo ich mit irgendwelchen anderen Zupfinstrumenten schon ausgelastet bin. Darüber hinaus beherrscht er auch noch etliche andere Instrumente aus dem Folk- und Mittelalterbereich, welche er auch demnächst bei neueren Songs feilbieten muss.“

Interessant ist es zu erfahren, was Gevatter Fix eigentlich einmal werden wollte, als er noch ein Kind war beziehungsweise ob die vollzogene Entwicklung damals bereits absehbar war. Er erklärt: „Meine Verwandten und Bekannten haben mir damals öfters zugetragen, wenn ich so weitermache, werde ich noch n richtiger ‚Nichtstöger’. Das habe ich natürlich konsequent durchgezogen, denn ich wollte sie doch nicht enttäuschen. So richtige Pläne, wie beispielsweise eben ‚dies und das will ich mal später werden’, habe ich als Wanst eigentlich nicht so sehr gehegt. Konkret auf die Musik bezogen, habe ich mich jener Sparte auch erst ziemlich spät gewidmet und das Gitarrespielen begann ich gar erst mit 24 Lenzen. Was ich aber noch ziemlich genau aus der Kindheit weiß, ist, dass ein paar Kumpels und ich mit einem selbst gebauten Segelboot die Welt erkunden wollten. Und das hegten wir zu tiefsten DDR-Zeiten, wo man sich ja bekanntlich noch nicht einmal ohne einen gültigen Passagierschein auf einem Baggersee herumtreiben durfte. Eine von mir selbst erstellte und ziemlich infantile Zeichnung von dem Boot, wie es mal aussehen sollte, war das einzige Produkt, was von diesem Vorhaben erledigt wurde! Naja, zumindest das Fernweh ist mir im Erwachsenenalter erhalten geblieben!“

Ich erkundigte mich im Weiteren, was genau die Hörer künftig auf musikalischer Ebene bei Odroerir erwarten dürfen. Fix bekennt: „Ich versuche momentan krampfhaft, am Nachfolger für ‚Götterlieder II’ zu arbeiten. Ein paar Ideen sind ja schon fertig, aber so richtig zufrieden bin ich mit den Resultaten noch lange nicht. Ansonsten steht noch eine Adaption von der berühmten ‚Beowulf’-Sage aus. Außerdem wollen wir unser Debüt auch nochmals komplett neu aufnehmen und hierbei viel Bonusmaterial mit drauf packen. Wie, wo und was genau fertig gestellt wird, kann ich dir aber leider nicht bekannt geben, da der Zeitfaktor bei uns in keiner vernünftigen Relation steht. Wie erwähnt ist erst mal ein Konzeptalbum über ‚Beowulf’ geplant, einem Heldenepos aus dem achten Jahrhundert, in altenglischer Sprache. Des Weiteren werde ich die ‚Götterlieder’ irgendwann komplettieren. Da ich nun mal altenglisch, genauso wie isländisch nicht beherrsche, bekommt auch ‚Beowulf’ abermals eine rein deutsche Interpretation. Textlich inspirieren mich hauptsächlich die historischen Fakten beziehungsweise jene uns erhalten gebliebenen Überlieferungen aus der von mir fokussierten Ära. Für spintisierte oder gar romantisch verklärte Eigen- und vor lauter Klischee triefenden Neuinterpretationen besteht bei mir kein Bedarf.“

Zum Komponieren braucht Fix laut eigener Aussage nach wie vor hauptsächlich genügend Zeit. Er weiß mir zu erzählen: „Wenn die nicht vorhanden ist, funktioniert es einfach nicht, da ich mir die Ideen leider nicht so einfach aus den Ärmeln schütteln kann. Auch die polyphonen Arrangements, die immer mehr Zuwachs bei mir bekommen, sind auch eine für meine Verhältnisse ziemlich schwere Kopfarbeit. Da sitze ich manchmal etliche Stunden an einer Stelle, bis sie mir denn endgültig gefällt und auch noch dementsprechend zusammen passt. Die jeweiligen Stimmungen zum Komponieren sind unterschiedlichster Natur. Erfahrungsgemäß reizt es mich am meisten, nach schönen Erlebnissen etwas aufs Band zu bekommen, aber auch depressive Phasen oder Unstimmigkeiten veranlassen mich öfter, dies in Tonfolgen auszudrücken. Die Lieder entstehen auch immer bei mir, so richtig schön introvertiert, im stillen Kämmerchen, wo mich keiner stört, nervt oder ablenken kann. Nur hier vermag ich mich voll auf die Arbeit beziehungsweise Musik zu konzentrieren. Falls dies auch mal wieder erfolgreich war und ein kompletter Song vielleicht noch dabei entstanden ist, wird’s irgendwann der gesamten Band gezeigt und im Proberaum für live oder für Aufnahmen einstudiert.“

Aus den bislang bei Odroerir lyrisch abgehandelten Bereichen besteht natürlich auch weiterhin der größte Teil seiner Büchersammlung, so der Frontmann. „Aber in den letzten Jahren habe ich mich dann auch öfter mal mit anderweitigen Thematiken beschäftigt, beziehungsweise belesen, welche weit ab von oben genannter liegen. Meine Intention beruht freilich auch weiterhin auf geschichtlichen beziehungsweise mythologischen Ereignissen, zumindest im literarischen Abteil, aber nicht mehr so intensiv wie zu Anfangstagen, wo einen mehr die Neugierde und der Wissensdurst stetig angetrieben hatten. Zu pseudoneuheidnischem Philosophaster-Geschwafel habe ich mich eigentlich auch schon zur Genüge skeptisch ausgelassen und es bedarf hierzu keiner weiteren Bemerkungen. Für mich zählen hier aus diesem Gebiet nur die Tatsachen und kein romantisches Sehnsuchtgehabe, um ein selbst kreiertes, verschrobenes, neuzeitliches Gedankengebilde zu erklären. Mein größtes Anliegen ist es, in der Freizeit so oft wie möglich die Gelegenheit zu nutzen, um in der Natur zu verweilen und dementsprechend auch geschichtsträchtige Orte zu besuchen. So erkundete ich abermals im letzten Jahr etliche neue Gegenden und verweilte bei interessanten uns überlieferten Stätten. Im August überquerten Stickel und ich mit den Trekkingrädern ganz und gar die Alpen. Von Landsberg am Lech bis nach Venedig fuhren wir durch schönste Berglandschaft bis zum Meer. Zum größten Teil ging es auf der Via Claudia Augusta entlang, einer historischen Handels- und Heeresstraße, welche von den Römern von der Adria bis zur Donau einst angelegt wurde.“

Ich zeigte mich nachfolgend daran interessiert, was eigentlich seine Eltern und Freunde zu dem sagen, was er mit Odroerir so macht, und inwiefern deren Meinung überhaupt für einen Idealisten wie Fix etwas zählt. Er gibt dazu aufrecht von sich: „Andere Meinungen, egal von wem, interessieren mich eigentlich so gut wie gar nicht, da sie meistens eh subjektive Anschauungen rüberbringen. Da mein Gefühlsleben manchmal schon einer Ataraxie gleicht, können sie da auch nicht viel bewegen. Als ‚schizoider’ Einzelgänger zählt hauptsächlich die eigene Person plus die eigenen Interessen. Man kann und will sich nicht in die normale Gesellschaft integrieren und vorgeschriebenen Normen anpassen. So gab es dementsprechend schon immer bei mir Probleme, egal ob Schule, Freunde, Arbeit oder Familie. Aber das Schöne dabei ist, dass sie sich entweder daran gewöhnt haben und es zu schätzen wissen. Oder, und das kommt natürlich oftmals vor, versuchen, einen zu meiden, womit ich natürlich auch kein Problem habe und was mir eigentlich auch ganz recht ist! Mittlerweile haben sich die meisten Bekannten oder Verwandten daran gewöhnt, dass ich nicht den ‚normalen’ Weg eingeschlagen habe; gemeint ist, Karriere machen, heiraten und Kinder kriegen, teure Autos fahren und den Rest des Lebens den scheiß Hauskredit abzahlen zu müssen. Sondern, dass ich immer noch lange Haare habe, dementsprechend Musik mache (O-Ton: ‚mit der man doch eh kein Geld verdienen kann!’), mal hier, mal dort wohne, keiner geregelten konventionellen Arbeit nachging oder noch immer ökologisch überzeugt mit dem Fahrrad die meisten Wege erledige beziehungsweise damit Mehrtagestouren abseits des Pauschaltourismus absolviere.“

Aus diesem Anlass heraus bat ich den ostdeutschen Querdenker um eine Lebensweisheit. Er lässt sich nicht lange bitten: „Mädchenreden vertraue kein Mann, noch der Weiber Worten. Auf geschwungnem Rad geschaffen ward ihr Herz, Trug in der Brust verborgen.“

Wir beschlossen den erneuten Dialog mit einer sehr persönlichen Frage, und zwar damit, ob mein Gesprächspartner bei all seinem ungewöhnlichen Tun manchmal auch an seinen eigenen dereinstigen Tod denkt beziehungsweise ob er Angst oder Ängste davor hat. Es folgt wie zu erwarten die pure Ehrlichkeit: „Da man ja nun unweigerlich nicht jünger wird, stellt sich einem doch schon ab und zu mal die Frage. Aber dies ist ein sehr unschönes Thema, welches ich auch so gut wie möglich vermeide, denn genaue Antworten darauf habe ich eh keine, sondern nur noch viel unschönere, rationelle Tatsachen. Da mir Iduna leider keine von ihren Äpfeln vorbeibringt, werde auch ich mich diesem Schicksal unterwerfen müssen. Ein Leben nach dem Tod ist für mich, auch wenn ich mich mit verschiedensten Mythologien und Religionen auseinandergesetzt habe, keine Alternative, um mir die Strapazen im Diesseits schönzureden oder mir gar Hoffnungen für später aufzubauen. Deswegen gestalte ich auch mein Leben hier und jetzt so gut und schön wie nur erdenklich, eben nach meinem Ermessen und Möglichkeiten.“

© Eckbert, 31.01.2011

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