Interview: NEBELHORN
Titel: Weckruf an die Götter

Mit seinem 2004er Klangwerk, dem vollauf hörenswerten Kurzspieler „Utgard“, bot Hauptinitiator und Streitaxtschwinger Wieland seinen Hörern betont atmosphärischen Viking Metal mit einfühlsamen Einlagen von stimmungsvoller Folkmusik. Mit riesengroßem Herz und vollkommen ergebener Seele war der schwäbische Vollblutheide auch für seine aktuelle mächtige Liederscheibe „Gen Helwegs Grund“ am Werke, dieses durch und durch erhaben anmutende Kriegeralbum atmet puren altnordischen Spirit in großen Zügen. Mit kraftvoller Kehle inniglich zelebrierte, spannend zu hörende Liedverse fügen sich da bestens ein. Wer so dermaßen gute schwermetallische Wikingermusik kreiert und dabei so kräftig ins geheimnisvolle Nebelhorn bläst, der berichtet mir mit Sicherheit nur zu gerne darüber – so sollte es sein und so geschah es dann auch.

„Ich denke, „Gen Helwegs Grund“ ist für Nebelhorn ein großer Schritt nach vorne in Ausdruck und Abwechslung. „Utgard“ war ein würdiger Beginn von Nebelhorn, doch jetzt hatte ich die Möglichkeit mehr Zeit und Liebe in das Liedgut und dessen Aufnahmen zu stecken. „Gen Helwegs Grund“ ist meiner Meinung nach kraftvoller und dynamischer geworden. Die CD hat letztendlich ein Lied mehr erhalten, als ich eigentlich versprochen habe. Es sind nun acht anstatt der angegebenen sieben Lieder, was einige Hörer bestimmt freuen wird; vor allem auch mich, da ich es vorher nicht verraten habe. Das neue Werk hat eine Gesamtspielzeit von über 45 Minuten und wie gewohnt findet man im CD-Büchlein fast alle Liedtexte vor.“

Wie Wieland, rückblickend, weiter berichtet, hatte er Zeit seines Lebens mit der harten Musik zu tun. „Schon als Kleinkind habe ich von meinem Vater alles, was es damals an Hardrock, wie beispielsweise Black Sabbath, Deep Purple und Uriah Heep, aus seinem Kassettendeck um die Ohren geblasen bekommen. Die Dynamik und Hingabe, mit der diese Musiker das dann auch noch im Fernsehen rüberbrachten und die kraftvollen, drückenden Lieder haben mich einfach in ihren Bann gezogen und wahrscheinlich auch geprägt. Dass ich da gern selbst auch nicht nur als Zuhörer daran teilhaben wollte, sondern diese damit verbundenen Emotionen auch erleben wollte, hat mich schon mal zu den Instrumenten gebracht.“

Schon als Kind hat er gerne Gewittern zugesehen, wie er anschließend bekundet – die Überleitung zu den alten Wikingern war damit vorprogrammiert: „Auf meine Frage hin, wie Gewitter entstehen, hielt es meine Mutter für eine gute Zeit mir eine Geschichte zu erzählen, die sie von meinen Großeltern gekannt hat: Wenn es donnert, fährt ein Gott mit seinem Wagen über die Wolken. All das erzählte beziehungsweise zeigte mir dann der Zeichentrickfilm „Walhalla“: Zwei Geschwister schauten darin ängstlich in den Himmel, aus dessen dunklen Wolken es zu regnen begann, dann wichen die Wolken beiseite. Eine Silhouette brach hervor – ein Wagen, gezogen von zwei schnaubenden, rotäugigen Ziegen und darauf: Thor, der Gott des Donners, der seinen Hammer in die Nacht erhebt und daraufhin aus demselben helle Blitze entweichen lässt. Und dazu erklingt noch eine erhabene, tragende und feierliche Orchesterbegleitung. Es war um mich geschehen, dieses Ereignis und diese Musik erfassten mich dermaßen, dass mir eine Gänsehaut über den Rücken lief und es mich von dem Tag an die Wikinger binden sollte. Seitdem gingen mir auch immer neue Melodien durch den Kopf. Tja, so hatte ich erst Metal, später Black Metal, als Lieblingsmusik – und Wikinger als Lieblingsthema. Ich wollte auch mit meiner eigenen Musik dieses Gefühl von Ehre, Erhabenheit, Kampfeswille und Stärke entstehen lassen. Stärke, die einem eine Gänsehaut auf den Körper treibt, die einen erfasst und mitreißt.“

Das Cover für das aktuelle Album entdeckte Wieland laut eigener Aussage auf einer Webseite, die sich mit Naturbildern eines Landschaftsfotografen und Wanderers schmückt. Der Musiker erinnert sich: „Und da war dieses Bild, ein verschneiter Pfad ins Tal. Ich sah darin die Verbindung zum Namen des aktuellen Albums, das war der perfekte Helweg. Das Bild zeigt meiner Ansicht nach die letzte Schönheit und Anmut, die man noch am Anfang des Weges sieht, um danach weiter und weiter in das düstere Helheim hinab zu steigen. Ich schrieb dem Eigentümer der Fotografie, dass ich dieses Bild gern verwenden würde und er willigte ein. Daraus habe ich dann das Cover-Artwork gestaltet.“

Bislang ist der gute Wieland mit Nebelhorn noch nie live aufgetreten, wie der Wikinger-Fan bedauert. Doch: „Das könnte aber irgendwann geschehen, wenn sich Musiker für Bühnenaktivitäten finden. Diese müssten natürlich auch die Wikingerkluft mit Ehre im Geiste tragen und mit Herz bei der Sache sein. Und mit mir mit gemeinsamer Kraft die Götter wecken wollen“, platzt es überraschend impulsiv mit einem lauten Kampfschrei aus meinem Gesprächspartner heraus. Fest steht für ihn: „Für mich muss ein Song entweder mitreißend oder aussagekräftig sein, und gegebenenfalls eine bestimmte Emotion oder Atmosphäre erzeugen. Wenn er mich erfasst, mitreißt oder berührt, ist es für mich ein guter Song.“

Am Altertum und den alten Naturreligionen fasziniert den Urheber von Nebelhorn in erster Linie Freiheit. Er verrät mir: „Ich verbinde sehr viel Freiheit mit beidem, in dem Wort „Naturreligion“ sehe ich eigentlich zwei Aussagen, zum einen die Religion verbunden mit der Natur die uns umgibt, andererseits diejenige, die meiner eigenen Natur entspricht – mich also weder einengt noch verpflichtet. Und ich behalte mir meine eigenen Interpretationen vor. Die Götter um etwas bitten, wenn man sich etwas wünscht, und man nicht glaubt es selbst zu schaffen, und es ihnen danken, wenn es in Erfüllung geht, wenn nicht über sie fluchen, seien sie nun da oder nicht – das sind für mich überaus reizvolle Handlungen. Oder die Erholung unter dem rauschenden Blätterdach der Wälder, auf einem Baumstumpf oder Rentierfell sitzend. Nebenbei schnitzen, zeichnen oder ein neues Lied entstehen lassen. Am Altertum fasziniert mich die Lebensweise, das Handwerk, die Kriegsführung, die Musik und vor allem das Wissen um Naturheilkraft und Lebensweisheit, die das Leben trotz aller Widrigkeiten in einem viel einfacheren Licht erscheinen lassen, als wir uns das mit unserem heutigen Gejammer eingestehen wollen.“

Die Grundideen zu den Liedern von „Gen Helwegs Grund“ existierten laut Wieland schon vor dem Minialbum „Utgard“. Vor „Utgard“? „Es dauert eben seine Zeit, bis alles so zusammensteht, das es für mich ein Ganzes ist und ich damit von Grund auf zufrieden bin, was wohl die meiste Zeit beansprucht hat. Ich habe mich gleich nach „Utgard“ daran gemacht, die neuen Lieder entstehen zu lassen und circa eineinhalb Monate vor der Aufnahme war ich dann mit allem fertig.“

Sein Ziel war es, wie er mir weiter berichtet, die volle Macht aus Nebelhorn zu holen. Mit Liedern, die ihm als Musiker spielerisch gleichermaßen wie als Musikhörer Spaß machen und Emotionen wecken, auf die man berauscht abgehen oder denen man einfach beherzt zuhören kann. Mehr darüber: „Also, zum ersten sind die Kompositionen auf „Gen Helwegs Grund“ zeitlich schon mal viel länger als die Lieder auf „Utgard“ – was viele Hörer, die dieses im wahrsten Sinne des Wortes „Minialbum“ kennen, wie bereits erwähnt sicher freuen wird. Ein wichtiger Unterschied ist aber wohl auch der, dass ich mich dazu entschlossen habe, das Mikrofon mit meinem Geschrei zu quälen und mit Patrick Damiani im TidalWave Studio die Chöre einzusingen, natürlich nur die Männerchöre. So konnte ich meine eigenen Vorstellungen darüber, wie der Text sich in die Musik fügt, bis aufs Kleinste verwirklichen. Zum anderen habe ich nun auch Gebrauch vom Keyboard gemacht, mit dem sich eine dichtere Atmosphäre aufbauen ließ. Rückblickend war es richtig genial. Wir hatten richtig viel Spaß. Dank der zwei Wochen Zeit im TidalWave Studio kam nur selten Hektik auf. Patrick und ich konnten uns in Ruhe um jede Feinheit kümmern, und uns sogar noch ein paar Verbesserungen aus den Ärmeln schütteln, die noch einiges mehr aus den Songs rausgeholt haben. Ich habe auch dazugelernt: Wie man singt, was man mit einem Mischpult machen kann. Und wie man einen Klappgrill anmacht. (lacht) Es war eine sehr schöne und spaßige Zeit und ich werde dort immer einkehren, wenn die Musik ihr endgültiges Gesicht erhält und auf einen Silberschild gebannt werden soll. Eine der wichtigsten Komponenten war sicherlich wie gesagt die Zeitspanne, die wir zur Verfügung hatten um alles zu verwirklichen. Während der zwei Wochen im Studio kamen so einige Ideen zustande, die den Charakter einzelner Lieder noch mehr prägten. So bin ich mit „Gen Helwegs Grund“ selbst bis ins kleinste Detail zufrieden. Ich höre mir die Scheibe immer wieder an und der sonstige Drang etwas zu verbessern ist schlichtweg nicht vorhanden. Kurz: ich bin richtig stolz auf die Lieder!“

„Wallhall“ ist sein momentanes Lieblingslied, da es seiner Meinung nach vor Dynamik und Kraft nur so strotzt. „Es lädt mich förmlich mit Energie auf, wenn ich mal im Eimer bin und denke, dass ich mit meiner Kraft am Ende bin. Dann lasse ich das Lied laufen oder denke daran, lasse geschwind einen Kriegsschrei los und dann geht es wieder aufs Neue an die Arbeit.“

Die Songtexte der aktuellen Silberscheibe drehen sich sowohl um überlieferte, als auch um selbst erdachte Ereignisse aus Mythologie und wirklicher Welt der Wikinger. „Beispiele für die überlieferte Mythologie: `Gen Helwegs Grund`: Ich habe Baldurs Tod in der Edda nachgelesen, um auch wirklich alle Ereignisse ins kleinste Detail wiederzugeben, seit Hermod nach Helheim aufbrach um Balder wieder nach Asgard zurückzuholen, bis zu dem Punkt als Loki dies vereitelte. Sprich, diesen Teil der Edda in eigen Wort und Vers zu fassen. Das Songgerüst und die Abfolge des Liedes standen bereits fest und ich fügte meinen Text ein, den ich mit meinen eigenen Vorstellungen und Emotionen versah, wie es in Helheim und der Halle Eljudnir aussehen könnte. Mit `Wallhall` verhielt es sich ähnlich, ich las die Texte aus der Edda, nahm sie in mein Herz, und schrieb dazu den Song, der mir aus der Seele wuchs. So musste es für mich klingen an der Tafel der Götter: Hart, erhaben, von Kampfeslust durchtrieben, aber doch warm und freundschaftlich-festlich.“

Recht so. Wieland liefert noch ein Beispiel für selbst Erdachtes: „`Das Nebelhorn` ist eine reine Erfindung meinerseits, ich wollte damit einen eigenen Mythos erschaffen. Das Nebelhorn ist ein verwunschener Gegenstand, ähnlich dem Tyrfing – also das Schwert, welches seinen Besitzern erst Macht verleiht, doch irgendwann verrät und tötet. So geht es darum, dass ein Wikingerstamm einen anderen überfallen will, doch das Nebelhorn seinen Besitzer während dichtem Nebel zwingt, es zu blasen und sich somit zu verraten. Mich haben einige gefragt, warum ich meine Texte so `einfach` gehalten habe und ich möchte an diesem Punkt auch gerne darauf eingehen: Ich möchte mit den Texten möglichst viel direkt aussagen. `Der Bug schneidet das Wasser` ist für mich kraftvoller und klarer formuliert als geschönte Prosa wie `von schäumend Gischt umreigt`; ich finde, allzu prosaische Wortfolgen würden die Stimmung bremsen.“

Die Liste dessen, was sich unser Held privat so anhört, ist sehr lang – da es seiner Meinung nach sehr viele gute Bands gibt. Wieland hierzu: „Musik hat so eine große Bandbreite, dass alles bei mir Gehör findet, was ich als sehr gut erachte – egal, aus welcher Musikrichtung. Meine absolute Domäne ist ganz klar Viking und Pagan Metal sowie Folkmusik, aber auch Thrash und Black Metal bin ich nicht abgeneigt. Im Übrigen mag ich auch Filmmusik, welche sehr ausdrucksstark ist, da sie zur Untermalung bestimmter Emotionen und Situationen komponiert wurde. Die Klänge mittelalterlicher Instrumente wissen mich genauso einzufangen, wie stimmungsvolle Folk-Einlagen. Die besten Pagan Metal-Truppen sind für mich Skyforger, Enslaved bis „Eld“, Thyrfing bis „Urkraft“, Einherjer, Windir, Finntroll mit „Jaktens Tid“, Helrunar und Glittertind.“

Das Vorgängerwerk „Utgard“ hat nach Einschätzung von Wieland großen und positiven Anklang gefunden. „Ich bin sehr glücklich darüber, dass die Leute die CD nicht einfach nur gekauft, sondern sich mit der Musik auseinandergesetzt und mich oftmals persönlich kontaktiert haben. Dadurch sind viele nette Bekanntschaften entstanden. Natürlich gab es auch so einige, die etwas zu bemängeln hatten – das lustigste Review-Statement war für mich dabei, dass das Torknarren vom Song `Asgard` sich anhören würde, als ob jemand „in die Gartenlaube nebenan“ gehen würde. Gelobt wurden vor allem die atmosphärische und doch kraftvolle Melodik und die gute Produktion. Als Lieblingslied vieler wurde neben „Asgard“ und „Midgard“ das von den Hörern selbst ernannte und viel propagierte „Sauflied“ `Wintersfest`, welches wegen seiner folkigen Einflüsse, eingängiger Melodie und „sehr ausgelassenen“ Chöre beinahe Kultstatus bekam. Auch der Gesang fand seine Anhänger, was mir trotzdem schon ein laues Gefühl im Magen verpasste, beim neuen Album selbst zu singen.“

Ich fragte abschließend noch nach den urinnersten Beweggründen des Meisters, genau diese Art von Musik zu kreieren und was genau ihn antreibt. „Ich fühle mich im innersten meiner Seele der Natur und den Wikingern verbunden, ebenso dem Metal. Die Emotionen und Eindrücke, die sie für mich ausstrahlen, fangen mich ein und daraus wird meine Musik.“ Pläne für die nähere Zukunft sind schon geschmiedet: „Ich werde mich bald wieder ans Werk machen und neue Lieder entstehen lassen. Außerdem spiele ich mit dem Gedanken, ein neues T-Hemd drucken zu lassen, welches sich nur auf Nebelhorn und Wikingerkunst an sich, nicht auf ein bestimmtes Album bezieht.“

© Eckbert, 18.11.2005

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