Interview: MOONSORROW
Titel: In guter alter Frische

Im einzigartigen nordisch-visionären und episch überweit ausladenden Moonsorrow-Stil lassen die beflissenen finnischen Musikmeister und Folkloreliebhaber um den Bassgitarre spielenden Sänger Ville Sorvali auch ihr allerneuestes Liedgut erschallen. Und auf der aktuellen „Tulimyrsky“-EP bemerkt der Zuhörer erneut den lustvoll ausgelebten Hang zu Überlängen in Sachen Spieldauer der Kompositionen. Wo andere Gruppen sich nicht selten in übermäßig aufgeblähten Kreativblasen verzetteln, versteht es dieses wahrlich begnadete skandinavische Viking Metal-Quintett jedoch wieder mal bestens, Anspruch und Spannung zum ergiebigen Duell antreten zu lassen. Letzteres gilt selbstverständlich auch für die beiden erlesenen Coverversionen von Metallica’s 1984er Ewigkeitsklassiker „For Whom The Bell Tolls“ und „Back To North“, im zehn Jahre später erschienenen Original von den schwedischen Death Thrash-Teufeln Merciless. „Tulimyrsky“ bedeutet übersetzt „Feuersturm“ – und einen ebensolchen in den Ohren entfachen die fünf passionierten Nordmannen mit ihren heldenhaft übermächtigen Schwerttriumph- und Altgötterepen.

„Die eigentliche Idee zu genau einer solchen EP hatten wir schon vor längerer Zeit, allerdings ließ sich das Ganze nicht so rasch realisieren. Doch wir behielten das Vorhaben erstmal in der Hinterhand. Das Metallica-Coverlied entstand beispielsweise bereits 2005. Mit der Zeit stauten sich dann die Stücke an, welche nun auf `Tulimyrsky` vertreten sind, und als uns die Zeit reif schien, gingen wir die Angelegenheit eben ganz konkret an“, eröffnet mir Moonsorrow-Gitarrenprofi Mitja Harvilahti.

Wie der im Zentrum von Helsinki Lebende im Weiteren ausführt, erfuhr die gesamte Band beim Einspielen und sonstigen Erstellen des Materials für die aktuelle Veröffentlichung eine belebend erfrischende Arbeitsweise.

Mitja, hierzu frohgemut resümierend: „Das galt aber nicht nur für die beiden Coverversionen, sondern auch für die Moonsorrow-Eigenkompositionen. Auch der überaus lange Titeltrack ` Tulimyrsky` beispielsweise vereint genau das, was wir uns für diese EP vorgenommen hatten: Eine perfekte Mischung aus älterer musikalischer Anmut und neuen frischen Ideen. Um es ganz genau auszudrücken – wir wollten das Ganze wie so eine Art großen epischen Filmsoundtrack anrichten. Daher hören sich die neuen Stücke auf der EP auch so dermaßen machtvoll und großklanglich an.“

Sich an eine derart berühmte, zeitlose und allseits riesig respektierte Metal-Übernummer wie „For Whom The Bell Tolls“ zu wagen, dafür braucht es zweifellos gleichermaßen musikalischen Mut wie gigantisches Einfühlungsvermögen in das Eigentliche des Liedes, um sich nicht am Ende zu blamieren. Und für Saitenkünstler Mitja zählt dabei auch in hohem Maße signifikante Eigenständigkeit, denn bloße Kopien verabscheut der hoch gewachsene Finne. „Daher haben wir den Song auf unsere ganz eigene Art und Weise umgesetzt, und so fügten wir eine ganze Menge an typisch skandinavischer Sehnsucht und Epik hinzu.“

Über das musikqualitativ recht befremdliche Treiben von Metallica kann man gerne denken wie man will, in einem waren sich Autor und Musikus jedoch einig: „Sie verloren ganz einfach gesagt über die Jahre massiv an Wert. Anfänglich waren Hetfield & Co. mordshungrig und hochgradig rebellisch drauf – aber erst nach dem großen Erfolg zeigt sich ja in aller Tragweite, ob man sich als Künstler auch selbst kompromisslos treu bleiben kann. Genau das zeichnet die wahren Meister doch aus. Metallica hingegen entfernten sich immer weiter von sich selbst, ihre wahren Beweggründe kennen vermutlich nur sie selbst. Letztlich bleibt dem Fan guter alter Tage eben nur, sich an den Klassikern zu erwärmen. Deswegen wählten wir diesen Song auch aus, denn wir lieben ihn noch immer allesamt von ganzem Herzen“, lässt mein Gesprächspartner recht redefreudig und in aller Offenherzigkeit verlauten.

Dass unseren finnischen Fachmännern für altnordische Historienvertonung Ähnliches wie den angesprochenen kalifornischen Alltime-Cash-Flow-Garanten passiert, wollen und müssen wir auch nicht hoffen – denn wie Moonsorrow mit ihren jüngsten Liederlyriken unter Beweis stellen, haben sie nicht das Geringste von ihrer Faszination für Wikingisches eingebüßt. Mitja erläutert: „Die Scheibe ist eigentlich eine durchdachte Konzeptplatte. Wir erzählen mit unseren eigenen Texten primär die fiktive Story von tapferen Wikingern, welche mit ihren Drachenbooten bis nach Irland segeln, um von Christen begangene Gräueltaten zu rächen. Dass das Ganze auch so gewesen sein könnte, fanden wir immens reizvoll.“

Und der belgische Pinselkünstler Kris Verwimp fing diese imaginative Altertums-Geschichte perfekt ein: „Kris malte uns ein wirklich fantastisches Bild im Längsformat dazu. Von rechter nach linker Seite wird es immer farbenfroher und detailreicher – wir entschieden uns dazu, das einfachste Motiv des Gemäldes vorne drauf auf `Tulimyrsky` als Frontcover zu platzieren. So überrascht es die Käufer der CD, wenn sie das Weitere des Bildes erst im Innenteil der Veröffentlichung entdecken. Denn, obwohl die Platte im Midprice-Format angedacht ist, wollten wir den Konsumenten trotzdem etwas ganz Besonderes darbieten.“ Löbliche Intention, und, apropos „etwas ganz Besonderes“: Das trifft auch auf die enthaltene neue Musik von Moonsorrow an sich vollends im positiven Maße zu.

© Eckbert, 07.04.2008

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