Interview: HEL
Titel: Der Perfektion auf der Spur

Im Kern sind Valdr und Skaldir, die beiden höchst anspruchsvollen Initiatoren dieser großartigen epischen Tragic Pagan Metal-Offenbarung, noch immer ein Duo. Denn beide spielen im Grunde genommen alle Instrumente auf dem neuen meisterlichen Studioalbum „Falland Vörandi“, welches nichts weniger als eine tiefen Respekt einflößende musikalische Großtat geworden ist. Doch haben allerdings noch 16 andere Gastmusiker mitgewirkt, zumeist als Sänger und Sängerinnen. Wie schon auf dem von einzigartigen atmosphärischen Zwischenspielen geprägten und berauschend theatralisch inszenierten 1999er Albumvorgänger „Orloeg“ zeigen sich Hel auf der aktuellen Veröffentlichung wieder kompositorisch vielfältig, neoklassisch opulent und offenbaren erneut ihren ausgesprochenen Hang zu abgründiger und verzehrender Tragik. Ging es zuvor noch um Johann Wolfgang Goethes berühmtes Thema vom Erlkönig, so wurde für „Falland Vörandi“ die germanische Sage vom Tod des Sonnengottes Balder, auch Baldur genannt, vertont. Und während Balder der Überlieferung nach ein Sohn von Odin und Frigg ist, scheinen die beiden Lüdenscheider Ausnahmemusiker Valdr und Skaldir zwei Söhne von wahrhaft genialen künstlerischen Eingebungen zu sein.

„Am Anfang fehlte uns noch die Erfahrung und es mangelte uns an Technikkenntnissen, um das umsetzen zu können, was wir uns von Anfang an vorgestellt haben. Von Veröffentlichung zu Veröffentlichung kommen wir dem aber näher und haben mit dem neuen Album einen großen Sprung geschafft. Perfektion wird man wohl nie erlangen, aber gerade deshalb ist es auch immer wieder spannend, es weiter zu probieren“ offenbart mir Skaldir.

Valdr hat das Projekt Hel 1994 geboren und angefangen Stücke zu schreiben, so der Multiinstrumentalist.

„Dabei half ihm ein Keyboarder aus, jedoch entsprach das Ergebnis nicht wirklich seinen Vorstellungen. 1997 trafen wir uns dann, und warfen fortan zusammen einen großen Schatten. Es gab Demos und 1999 wurde bekanntlich unsere CD „Orloeg“ veröffentlicht. Wir waren damals ja noch ziemliche Neulinge im Musikgeschäft, und waren einfach froh darüber, überhaupt eine CD veröffentlichen zu können. Viele Gedanken über Verträge und Sonstiges haben wir uns nicht gemacht, und es lief etwas unglücklich für uns, als plötzlich der Kontakt zu Ars Metalli abbrach. Aber das ist alles Vergangenheit, und man hat ja auch gesehen dass der Label-Inhaber Christoph Dobberstein scheinbar Probleme mit seiner Person hatte. Wir hoffen dass es ihm/ihr gut geht und sind froh mit Det Germanske Folket ein neues Label gefunden zu haben. Letztes Jahr 2004 wurde noch eine 10-Inch-Scheibe namens „Pagan Midgard Art“ veröffentlicht und dieses Jahr eben „Falland Vörandi“.“

Gerade durch die ungewöhnlich lange Arbeit am neuen Album musste Skaldir Hel für sich persönlich neu definieren, wie er mir berichtet. Dabei ist er zu dem Schluss gekommen, dass das Album nicht hätte so werden können, wie es ist, wenn er und Valdr nicht so gute Freunde wären.

„Eine Band mit nur zwei Mitgliedern ist für mich das Beste was ich mir vorstellen kann. Ganz alleine zu sein, da besteht schnell die Gefahr sich in etwas zu verrennen. Zu Mehreren erhöht sich anderseits die Anzahl der Kompromisse, die man finden muss. Wir haben keine Zwänge oder Zeitvorgaben mit einem neuen Album daherkommen zu müssen, wir können uns die Zeit lassen, die es unserer Meinung nach braucht.“

Als stilistische Beschreibung für die edle Musik des Lüdenscheider Zweiers kam mal der Begriff „Pagan Midgard Art“ auf. „Keine Band möchte natürlich in eine Schublade gesteckt werden, aber wir sind auch nicht böse, wenn man uns als Pagan- oder Viking Metal Band bezeichnet. Jedenfalls ist unsere Musik episch, abwechslungsreich, melodisch als auch aggressiv, enthält sowohl klaren als auch Black Metal-Gesang, sowie tiefgründige Texte, welche sich meistens der nordischen Mythologie widmen. Das neue Album ist beispielsweise auch ein Konzeptalbum. Leute die die epischen Alben von Bathory mögen, werden uns wahrscheinlich auch nicht ganz schlecht finden. Wir freuen uns zwar über jeden Hörer, der Gefallen an unserer Musik findet, aber in erster Linie machen wir es für uns selbst, und das soll auch so bleiben. Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch an uns selbst, der von der Musik bis zur Gestaltung der CD reicht. Hel ist der Sage nach die Göttin des Totenreichs oder der Unterwelt. Die destruktive und konstruktive Kraft, die ihr Wesen darstellt, ist eigentlich auch die Essenz der Musik von Hel“, so Skaldir.

Ich spreche ihn in diesem Zusammenhang auf seine Meinung zur neuzeitlichen Veröffentlichungsschwemme im Pagan Metal-Sektor an. Skaldir äußert sich:

„Das ist mir allerdings auch schon aufgefallen. Aber ich denke es ist wie in anderen Musikrichtungen auch, es wird immer bessere und schlechtere Alben geben, nur ist es vielleicht schwieriger diese zu finden. Für mich ist allerdings auch nicht jede Band mit `Pagan`-Texten auch automatisch eine Pagan Metal-Band, weil da meiner Meinung nach schon etwas mehr dazu gehört. Aber das muss ja jeder für sich selbst entscheiden.“

Als Valdr damals mit den ersten Texten für „Falland Vörandi“ ankam, haben die beiden Künstler gleich gemerkt, dass es diesmal mehr für sie sein wird, als nur in zwei Wochen am Stück ein neues Album einzuzimmern, wie sich Skaldir zurückerinnert.

„Wir arbeiteten immer nur an kleinen Teilen, Lied für Lied, und ständig fielen uns Sachen auf, die wir noch machen mussten damit das Album als Ganzes stimmig wird. So zogen sich die Aufnahmen über sage und schreibe vier Jahre hin, bis wir wirklich zufrieden waren. Da man sich schlecht vier Jahre in einem fremden Studio einnisten kann, nahm ich das Album selber auf. Dabei brauchten wir auch immer mal wieder Auszeiten um das Geschaffene bewerten zu können. Es ging uns darum eine Atmosphäre zu erschaffen, die dem lyrischen Thema `Balders Tod` auch würdig ist, deshalb hört man auch die verschiedensten Geräusche als Untermalung der Musik. Die unterschiedlichen Rollen wurden auch von verschiedenen Personen gesungen. Wir waren auch des Öfteren an einem Punkt angelangt, an dem wir am liebsten alles hingeschmissen hätten – was wir zum Glück aber nicht getan haben.“ Letzteres kann er laut sagen.

Im Moment unseres Dialoges läuft ja gerade noch die Promotion-Phase für das neue Klangspektakel, und es wird haufenweise Reviews geben. „Um ehrlich zu sein möchte ich die gar nicht lesen. Ich kann mir vorstellen, dass es für einen Redakteur anstrengend ist, im Monat 20 Reviews zu schreiben und sich dabei wirklich vernünftig mit der Musik oder dem Gesamtkunstwerk auseinanderzusetzen. Gerade deshalb ist es uns gleich, was nun zu unserer Musik geschrieben wird, denn was zählt, ist, dass wir das Album für uns perfektioniert haben und damit glücklich sind.“

In der Vergangenheit war es eher so, dass jeder der beiden Protagonisten von Hel seine eigenen Songs erarbeitete und diese fast komplett alleine arrangierte und spielte.

„Mittlerweile kommt einer von uns mit einem Grundgerüst eines Liedes an und wir arbeiten dann zusammen daran weiter. Bei einem Lied war es sogar nur eine einzelne Melodie, die Valdr mir zeigte und sagte: `Mach´ da mal was draus!`. Speziell beim neuen Album war es sogar so, dass die Texte vor der Musik entstanden sind und wir dadurch eine gute `Stimmungsvorlage` für die Musik hatten. Im Grunde ist es aber so, dass alles, was aus unserer Feder kommt, typisch Hel ist. Ich halte Valdr für einen wirklich begnadeten Texter, denn gerade in deutscher Sprache zu texten, und das dann noch zu singen, kann schnell `daneben` wirken. Er schafft es stets, mit wenigen Worten einen gut klingenden Text mit Tiefgang zu schreiben, der auch immer eine gewisse Atmosphäre transportiert. Wie gerade schon erwähnt handeln die Texte auf „Falland Vörandi“ von der Geschichte von Balders Tod, einem Thema aus der Mythologie. Man kann sagen, dass gerade durch die Wichtigkeit des Inhalts die Texte für das ganze Album genauso wichtig sind wie die Musik, würde das eine in diesem Fall doch nicht ohne das andere wirken können.“

Ich hake nach, ob es Skaldir wichtig, dass sich der Hörer mit den Texten auseinandersetzt. Durchdachte Antwort:

„Ich würde es so beschreiben, dass der Hörer sich damit selber einen Gefallen tut.“ Die beiden Eigenständigkeitsverfechter sind sich noch nicht sicher, welchem Thema sie sich auf dem nächsten Album widmen werden. „Vielleicht nehmen wir uns auch erstmal eine Auszeit von Konzeptalben und schreiben an einem Akustikalbum, was uns auch sehr reizen würde. Aber das sind alles nur Vermutungen – erstmal sind wir froh, dass nach der langen Zeit endlich „Falland Vörandi“ erschienen ist.“

Hel beschäftigen sich laut meinem Gesprächspartner schon seit vielen Jahren mit der germanischen Mythologie, sehen sich aber nicht dazu genötigt, irgendwelche Dinge oder Riten selbst zu praktizieren.

„Weil unsere heutige Zeit ein Leben im wahren Sinne eines Heiden nicht zulässt. Vielleicht auch ein Grund für uns könnte es sein, darüber Texte zu schreiben, um den Leuten, denen zu viel fremde Mythologie beigebracht wird, ihre eigenen Wurzeln näher zu bringen.“

Skaldir hat jedoch festgestellt, dass es noch eine Menge von Leuten gibt, die sich mit solchen Dingen ernsthaft auseinandersetzen. „Nur ist es bei so genannten richtigen `Paganisten` meist aber so, dass sie ihre Interessen nicht an die große Glocke hängen und es einfach für sich selber ausleben. Und das finde ich auch sehr angenehm.“

Zum einen erfährt das begnadete Doppel laut Skaldir Einflüsse und Inspirationen von Dingen, welche die beiden direkt umgeben, beispielsweise Natur und Personen, die ihnen nahe stehen. „Andererseits spielt auch die Musik anderer Künstler eine große Rolle, bei mir sind das beispielsweise Bathory und Moonsorrow aus dem Pagan-Bereich, aber auch Musik aus anderen Bereichen. Ich höre beim Beantworten des Interviews übrigens gerade Marillion´s „Seasons End“.“

Das Lüdenscheider Duo, welches laut nachfolgendem Statement noch niemals live aufgetreten ist, nutzt das Internet mit Freuden. „Es ist für uns eine tolle Art, um interessierte Leute zu informieren und mit ihnen zu kommunizieren. Man findet auf unserer Seite auch MP3-Samples von unseren Alben.“

Eines seiner Lieblings-Metal-Alben, welches Skaldir laut eigenem Bekunden relativ früh besaß, ist Metallica’s „Ride The Lightning“. „Und ich mag es bis heute. Auch die „Keeper Of The Seven Keys“-Alben von Helloween und „Human“ von Death gehörten zu meinen Einstiegsalben in die jeweiligen Musikstile, und sie sind über die Jahre nicht schlechter geworden. Ich habe selber dann diverse Bands gehabt und viele Stile ausprobiert: Death Metal, Gothic Rock, Darkwave, Dark Folk, Irish Folk und sogar mal Emo Punk. Über die Jahre hat sich dann herauskristallisiert, wo ich wirklich hin möchte, und geblieben sind Hel und Elane. Wir danken Dir, Eckbert, dass unserer Musik hier eine Plattform geboten wird. Wir freuen uns, wenn das Interview bei dem einen oder anderen Interesse an Hel geweckt hat. Hört euch das Album an und besucht uns im Internet unter www.pagan-midgard-art.de – dort gibt es eine Menge über uns zu erfahren.“

© Eckbert, 24.11.2005

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