Interview: HELRUNAR
Titel: Aggression, Dunkelheit und Sehnsucht

Ihr vorhergehendes Albumwerk, die Eigenpressung „Grátr“, war in einschlägigen Pagan Metal-Zirkeln ein riesengroßer Erfolg. Nun legen die drei grimmigen Skalden von Helrunar nach: Das neue Werk „Frostnacht“ stellt eine weitere heidnische Musikperle dar, erfüllt von abgründiger Emotionalität. Verpackung, Image, Klänge und Texte bilden eine fest verschworene und anspruchsvoll-ästhetische künstlerische Einheit, die von massiv bezwingender Dominanz scheint. Damit darf sich das Trio um den charismatisch agierenden Sänger Skald Draugir erneut zu den eigenständigsten und besten Vertretern dieser Zunft überhaupt zählen.

„Wir begannen mit den konkreten Kompositionsarbeiten im letzten Dezember 2004, Ende Februar gingen wir in das Docmaklang.de-Studio um alles aufzunehmen. Einige letzte Schliffe erhielten die Stücke im Studio. Die Arbeiten im Studio gingen recht schnell voran, die Aufnahmen waren innerhalb von fünf Tagen abgeschlossen. Dann begannen wir mit dem Mix. Mit dem ersten Mix war das Plattenlabel nicht zufrieden, also machten wir zwei weitere Versuche. Die waren aber auch noch nicht zufrieden stellend. Um einmal etwas völlig anderes auszuprobieren gingen wir dann zum Endmix in die Klangschmiede, das war im August. Zusammen mit Markus Stock erhielten wir dann einen Sound, der für alle zufrieden stellend war. Letzten Endes hat sich das lange Warten auf jeden Fall gelohnt, wir sind nun sehr glücklich mit dem Sound und auch das Label ist einverstanden. Im Nachhinein betrachtet ist es wirklich gut gewesen, dass der Labelchef Martin Koller darauf insistierte, die Platte noch mal neu zu mixen. Wenn es um so etwas wie den richtigen Sound für eine Platte geht, ist es nicht immer ganz leicht. Man muss oft viel experimentieren. Es ist dann ganz gut, wenn ein Außenstehender, in diesem Falle waren das Martin Koller und Markus Stock, seine Meinung dazu mitteilt. Wir hatten schon eine konkrete Vorstellung, wie der Sound sein sollte, aber da mussten wir halt einen Kompromiss mit dem Label finden. Und der ist gut gelungen“, ist sich Skald sicher.

Bereits mit dem neuerdings viel gesuchten Vorgängeralbum „Grátr“ lief es für Helrunar sehr gut, wie der Sänger mir berichtet: „Die Kritiken und Reaktionen waren alle sehr positiv. Ich kann mich jetzt an gar keine Situation erinnern, in der die Scheibe irgendwie negativ kritisiert wurde. Wenn, dann waren das eher einige Personen, denen die Platte halt nicht so gut gefiel, aber das ist nun mal eine reine Geschmacksfrage. Wir wollen es ja gar nicht allen recht machen. Wenn wir das wollten, würden wir bestimmt andere Musik machen. Mittlerweile ist „Grátr“ auch seit langem ausverkauft. Wir erhalten aber immer noch Emails von Leuten, die sie gern kaufen möchten. Sorry, aber da ist wirklich nichts mehr zu machen.“

Wir sprachen im Weiteren darüber, welche wohl die urinnersten Beweggründe für das Trio sind, diese ganz spezielle Art von Musik zu kreieren und was genau die Beteiligten dazu antreibt – Skald geht in sich: „Wir haben Emotionen in uns, die wir herauslassen wollen und müssen. Wir drei verehren den alten norwegischen Black Metal von Anfang bis Mitte der Neunziger. Diese Musik ist sehr emotional, sehr direkt und kraftvoll. Es gibt wohl nur wenig andere Musik, die uns so sehr bewegt und beeinflusst hat. Darum wählen wir dieses Medium, um unsere eigenen Vorstellungen umzusetzen. Da ist viel Aggression, die sich einen Weg nach außen bahnen will, viel Dunkelheit, viel Sehnsucht. Es ist nicht ganz leicht zu sagen, warum wir eigentlich genau diese Musik machen. Man tut es halt einfach, weil man es tun muss. Manchmal hat man auch gar nicht das Gefühl, dass man die Musik macht. Irgendwie macht sich die Musik selbst und benutzt einen nur als Werkzeug.“

Der Entstehungszeitraum für die neuen Songs dürfte laut Aussage des Vokalisten insgesamt etwa ein Jahr umfasst haben. „Nachdem „Grátr“ veröffentlicht war, begann jeder von uns nach und nach neue Sachen zu schreiben. Endgültig zusammengestellt, geformt und getextet wurden die Stücke aber erst ab Dezember 2004. Für die endgültige Komposition der Stücke wie sie jetzt sind haben wir circa zwei bis drei Monate gebraucht.“ Hauptsongwriter bei Helrunar sind seine Kollegen Schlagwerker Alsvartr und Axeman Dionysos, so Skald: „Ich schreibe zwar auch Material, aber von ihnen kommt da bei weitem mehr. Beide haben ihren eigenen Stil, was Musik und Kompositionen betrifft. Im Proberaum fließt dann alles zusammen. Die Songtexte sind von mir. Ab und zu verwende ich Quellen wie beispielsweise Texte aus der Edda, die ich in meine Texte einfüge wenn es passt, aber das meiste schreibe ich selbst.“

Ein wirklich guter Song muss emotional sein, muss den Hörer berühren, entführen und mit sich reißen, so Skald. „Er sollte auch interessant und abwechslungsreich sein, die Lyrics sollten sich gut in die Stimmung der Musik einfügen. Das lässt sich aber eigentlich gar nicht so gut beschreiben. Wenn man einen guten Song hört, dann weiß man es einfach. Außerdem kommt ja noch bei jedem der persönliche Geschmack dazu. Unsere eigenen Ziele? Ich weiß gar nicht, ob wir irgendwelche Ziele hatten, außer guten Black/Pagan Metal zu machen. Wir haben zunächst einmal einfach darauf los komponiert. Erst später feilt man dann an den Feinheiten. Man verwirft Riffs, die nicht so emotional sind, arbeitet ab den Übergängen bis das Ganze einen guten Fluss hat. Auf jeden Fall versuchen wir immer sehr emotionale Musik zu komponieren, die den Hörer mitreißt, so wie ich es gerade schon gesagt habe. Dann schreibe ich passende Lyrics dazu, oder füge fertige Lyrics ein, die zur Stimmung passen. Alles muss in einem guten Zusammenhang stehen. Erst in der Schlussphase der Komposition eröffnet sich vielleicht so etwas wie ein `Ziel`, wenn man sieht, dass sich alles in einem Konzept, lyrisch wie musikalisch, zusammenfügen lässt. Und dann legt man die Reihenfolge der Songs fest, sieht was noch fehlen könnte, wo noch Lücken sind. Das einzige Ziel ist wohl, am Ende eine Platte zu haben, zu der man stehen kann, die einem auch selbst gefällt, für die man sich nicht verstellen oder schämen muss. Es soll halt etwas Besonderes sein, nicht klingen oder wirken wie jede 0815-Band, von denen es sowieso schon Tausende gibt.“

„Frostnacht“ ist laut Ansicht des Sängers etwas technischer und ausgereifter als der Vorgänger „Grátr“, allerdings nicht so sehr, dass Stimmung oder gar Druck verloren gegangen wären. „Einige sagen auch, dass „Frostnacht“ düsterer ausgefallen wäre. Das trifft aber nicht auf alle Stücke zu. Die Chöre, die viele Leute auf der „Grátr“ und dem letzten Split-Release mit Nachtmahr sehr mochten, fehlen diesmal, was aber nichts zu bedeuten hat. Wir haben einfach beschlossen, dass es diesmal kein Stück gibt, wo die Chöre gut passen würden. Beim nächsten Mal sind sicher wieder welche dabei.“ Die neue Silberscheibe ist insgesamt voll und ganz nach Vorstellung des Dreiers ausgefallen – und wäre sie es nicht, so stellt Skald eindeutig klar, dann hätten Helrunar sie so nicht veröffentlicht. „Man muss zwar immer kleinere Kompromisse eingehen, besonders band-intern, wenn die Vorstellungen doch mal ein wenig voneinander abweichen, aber keiner dieser Kompromisse hat sich so ausgewirkt, dass hier jemand von uns ein schlechtes Gefühl hat. Stolz sind wir, glaube ich, auch genau darauf: Das wir die Platte hören und selber dabei ein gutes Gefühl haben.“

Persönliche Favoriten unter all den aktuellen Stücken hat mein Gesprächspartner eigentlich zwei, wie er mir bekundet: „`Frostnacht` mit seiner Aggression und Dunkelheit und `Mímis Brunnr`, weil es echt episch und sehr mitreißend ist.“ Die Zeit der Aufnahmen für „Frostnacht“ im Studio gestaltete sich sehr gut, gibt die Kreischkehle Skald preis – sowohl mit Matze, ihrem Produzenten im Docmaklang.de-Studio, als auch mit Markus Stock lief die Zusammenarbeit hervorragend: „Natürlich gibt es immer mal kleine Reibereien. Musik machen ist eine sehr emotionale Angelegenheit, man hat immer konkrete Vorstellungen, was man gerade erreichen will. Und wenn da die Ideen eines anderen Bandmitgliedes mal abweichen, kann das schon eine aufgeladene Stimmung geben. Aber dann muss man sich einkriegen und einen Kompromiss finden, so ist es nun mal. Jeder, der Musik macht wird dieses Problem kennen.“

Der Sänger redet eigentlich recht ungern über die Bedeutung seiner Songtexte, da es ihm laut eigenem Bekennen lieber ist, wenn sich der Hörer selbst Gedanken macht und sich im Text wieder findet, so wie es ihm selbst am besten gefällt. Doch: „Grob gesagt geht es auf dem neuen Album textlich teilweise um negative Erfahrungen und Erinnerungen wie bei `Frostnacht` und `...Bis die Seele gefriert`. Es wird auch mythologisch gedeutet wie in `Unten und im Norden`, aber auch um Erinnerung gebeten, im Sinne von kollektiver Überlieferung oder unbewusstem Wissen, wie in `Älter als das Kreuz`, `Der Trank des Gehängten` oder `Mímis Brunnr`. Es geht viel um Psychologie, wenn man so will, um das Unterbewusstsein, wie es sich auf uns auswirkt und welche Kräfte dort wohnen. Da ist dann auch der Kontakt mit den Mythen gegeben, wegen ihrer archetypischen Symbole, die das Unterbewusstsein kennt und versteht.“

Aber das ist nicht alles, wie zu erfahren war: „Lyrische Einflüsse? Der Text von `Der Trank des Gehängten` ist sehr stark von altnordischer Skaldendichtung beeinflusst und enthält auch eine Strophe des Skalden Eyvindr Skaldaspillir. `Mímis Brunnr` ist inspiriert von Edda-Material. In `Frostnacht` und `...bis die Seele gefriert` habe ich Passagen von Mauritz Hansen, einem norwegischen Schriftsteller aus dem 19ten Jahrhundert, eingefügt. Ich empfand sie einfach als passend. Sie stammen aus einer Geschichte namens `Novellen`, die man stilistisch dem `Gothic Horror` zuordnen kann und die davon handelt, dass eine Frau lebendig begraben wird. Insgesamt bin ich stilistisch sowohl von altnordischer Dichtung als auch von ganz moderner, zeitgenössischer Dichtung beeinflusst. Beides lässt sich erstaunlicherweise sehr gut kombinieren. Den Rest an Einflüssen und Ideen liefert dann das Leben.“

Privat konsumieren Helrunar ganz verschiedenes musikalisches Zeug, wie sich offenbart. „Wir hören alle viel Black Metal, allerdings meist die älteren Sachen. Heute kommt nicht mehr so viel Gutes heraus – das letzte Album, dass ich wirklich genial fand, war „Zyklus“ von Lunar Aurora. Dann hören wir viel Metal im allgemeinen Sinn. Im Moment sind wir alle sehr angetan von der neuen CD von Nevermore. Ferner höre ich viel Neofolk, Dark Ambient, aber auch experimentelle Sachen, Klassik und mittelalterliche Musik – die muss dann aber bitte möglichst authentisch sein, sowie skandinavischen Folk. Unser Gitarrist Dionysos greift auch gern zu 70er-Musik und noch zu ganz anderen Sachen, die bisweilen mit Metal gar nichts zu tun haben. Eigentlich hören wir wirklich recht viel verschiedene Musik.

Den Hintergrund für das Album-Cover zu „Frostnacht“ liefert eine Vielzahl von Fotos, die Drummer Alsvartr geschossen hat. Helrunar hatten vorab einige grobe Vorstellungen, wie das Ganze aussehen soll, und haben dann die Fotos Lukasz Jaszak, dem Designer von Prophecy geschickt. „Er hat daraus mit einiger Nachbearbeitung ein Cover gemacht, das genau unseren Vorstellungen entspricht. Mit ihm zusammenzuarbeiten macht jedes Mal großen Spaß. Irgendwie scheint er intuitiv zu verstehen, was wir wollen und macht daraus immer etwas, das einfach hervorragend passt. Uns gefällt das neue Cover sehr.“

Einige ihrer Songs müssen live auf der Bühne leider immer wieder etwas von der ursprünglichen Album-Version abweichen, weil sich auf der Bühne für Helrunar nicht immer alles so machen lässt, wie sie es gerne hätten. „Den größten Wert legen wir darauf, dass die Stücke in erster Linie fehlerfrei, mit gutem Sound und emotional dargeboten werden. Daher proben wir vor Live-Auftritten intensiv. Wie eine Show von uns nun genau aussieht, kann ich nicht sagen. Ich stand da bisher immer auf der falschen Seite. Probiert es aus!“ Abschließend nennt der Sänger noch Pläne für die nähere Zukunft: „Wir werden erst mal sehen, wie die „Frostnacht“ läuft. Frühestens im Winter dieses Jahres 2005 werden wir dann anfangen, neue Stücke zu schreiben. Mehr kann ich im Moment noch nicht sagen, die Zukunft ist immer ungewiss.“

© Eckbert, 24.09.2005

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