Interview: HELHEIM
Titel: An den Wurzeln nordischer Vorväter

Bereits seit 1992 geben sich diese Viking Metal-Maniker voll und ganz ihren musikalischen Trieben hin. Erschienen sind seitdem sechs Studioalben, ihr neues und sechstes Werk „Kaoskult“ inbegriffen. Schon seit jeher für Individualismus und Eigenständigkeit im Genre aufrecht stehend, überraschen Helheim die Hörerschar auch diesmal trotz aller stockdunklen Attitüde wieder mit einer ganzen Fülle an überraschenden Einfällen. Die Band macht hier sogar so einige Grenzerfahrungen. Dabei von den stilistischen Experimenten ihrer berühmten Landsmänner Enslaved nicht gänzlich entfernt, exerziert auch das Quartett um Gitarrist und Sänger H’grimnir mittlerweile ganz gerne in verästelt progressiven beziehungsweise dezent psychedelisch angehauchten Gefilden. Dabei gebärden sich unsere beständigen Vorläuferhelden auch im aktuellen Fall wieder jederzeit glaubhaft und nachvollziehbar – und vor allem noch immer dem fanatischen Untergrund des Metiers verbunden. Tieftoner Ørjan Nordvik alias Vgandr zögerte daher erwartungsgemäß keine Sekunde, als er seiner Interviewpflicht für mich nachzukommen hatte.

Er, der bei seiner eingeschworenen Mannschaft auch als Hauptkomponist- und Lyriker fungiert, steht voll und ganz hinter dem aktuellen Heidendiskus: „Mann, die Scheibe ist echt verdammt gut geworden! Jeder, der auf dunklen und avantgardistischen Pagan Metal steht, sollte „Kaoskult“ mal antesten!“

Denn, so Vgandr, Helheim, fügen ihre Musik außergewöhnlich ernsthaft mit tiefgründig ausgearbeiteten Songtexten zusammen – was der Mann als Ausnahme in der Branche ansieht. „Klar, Musik an sich zu bewerten, sollte natürlich immer dem Hörer und seinen diesbezüglichen Empfindungen obliegen. Leute im heidnischen Metal, die ein wirkliches Faible für obskur anmutende Texte mit Tiefgang innehaben, könnten an Helheim wirklich Gefallen finden. Trotzdem, schlussendlich sind wir bestimmt nicht jedermanns Band und auch keine Band, die man sich jeden Tag anhört“, so der Bassist mit einer gesunden Portion Realismus im Sinn.

Seine Neugier hat sich der Norweger über all die Jahre seit der Bandgründung von Helheim erhalten können, wie er mich wissen lässt. „Ich habe mir daneben glücklicherweise auch noch die wichtige Fähigkeit bewahrt, in Bahnen `außerhalb von mir selbst` zu denken. Reine Ich-Menschen haben es beim Komponieren meiner Ansicht nach nämlich immer wieder ganz schön schwer. Ich trage daher den unabdingbaren Willen in mir, mich ständig weiterzuentwickeln und niemals zu stagnieren. Musik zu atmen, um es mit anderen Worten zu formulieren. Dennoch ist Helheim in allererster Linie eine demokratische Künstlervereinigung, in der jeder von uns etwas mitzureden hat.“

Sein größter Stolz in Bezugnahme auf die Helheim-Horde ist nach wie vor die Sammlung von Songtexten, welcher Vgandr für das 2006er Vorgängeralbum „The Journeys And The Experiences Of Death“ mühevoll ausgearbeitet hat. Er blickt mit Gefühl in der Stimme dahin zurück: „Ich steckte wirklich eine Unmenge an Zeit und Nerven in diese Lyriken, mir ist so was immer überaus wichtig.“ Und somit gestaltete sich auch die Arbeit an den Texten fürs aktuelle Werk „Kaoskult“ erwartungsgemäß alles andere als einfach für diesen Anspruchsvollen, wie er dazu nachträglich noch anfügt.

Apropos: An andere Bands der Branche stellt der Bassist einen umfassenden Anspruch: „Eine wirklich gute Gruppe sollte das gesamte überzeugende Paket aus Musik, Texten und Bühnenpräsenz bieten können, falls sie live überhaupt spielen. Ich verlange ja wirklich von keiner Band, dass sie eine neue Art von Metal erfindet oder dass sie einzigartig originell sind, denn gerade Letzteres ist ja heutzutage schon beinahe unmöglich geworden. Doch Originalität kann man in Zeiten wie diesen doch auch durch Persönlichkeit und Willen zeigen. Den Willen zu künstlerischer Kraft, könnte ich es in gewissem Sinne auch formulieren.“

Und genau den hatte Vgandr schon immer für Helheim – wir erfahren: „Exakt dieser Sound passt einfach am besten zu uns und unseren Persönlichkeitsprofilen. Ehrlich gesagt waren wir alle schon immer ein wenig seltsame Typen – und wir wollen uns als Kreative nicht wiederholen, zumindest versuchen wir das stets. Unsere Ansprüche an uns selbst sind daher immens hoch.“

Kommerzielle Ambitionen sind daher bei diesen querköpfigen Norwegerseelen unterhalb der Nullgrenze zu suchen: „Ich möchte auch in einigen Jahren lediglich am Leben und gesund sein – und hoffentlich noch in vielen anderen Kontinenten mit der Band auftreten, lediglich vor größerem Publikum. Ja, für viele bin ich aus diesem Grunde wohl ein naiver Trottel.“

Ansichtssache. Weitaus naiver mutet es doch an, sich von der heutigen MTV-Plastikkultur, gezielt vorangetriebener Denaturierung und der voranschreitenden Aufhebung sämtlicher Moral- und Sittenvorstellungen die Weltanschauung diktieren zu lassen. Denn für die Liebe an sich, die wohl mächtigste mentale Kraft im Universum bleibt da freilich immer weniger Platz in den Herzen der so arglistig medial Verführten – wobei ich hier in diesem Kontext natürlich gezielt auf die Liebe zur Lieblingsmusik der Leser dieses Heftes anspiele.

Auch Vgandr bevorzugt ja absolut einen individuellen und möglichst weisen Lebensweg – wie er mir abschließend noch zu berichten weiß, bemüht er sich ständig, die Wurzeln seiner Vorfahren weiter zu erforschen. „Dies mache ich jedoch nach meinen eigenen Prinzipien. Denn ich möchte alles sein, was ich kann – und darüber hinaus will ich ein aufrichtiger Charakter sein: Gegenüber meinen Ideen und meinen Überzeugungen.“

Genau: Während gegenwärtig Ehen also immer häufiger geschieden werden, Freundschaften immer schneller zerbrechen und echte Vertrauensverhältnisse mittlerweile nur noch mit der Lupe zu suchen sind, kann man als aufrichtig passionierter Verehrer solcherlei Klangkunst wie derjenigen von Helheim recht problemlos lebenslang haltende Bindungen zu unendlich lieb gewonnenen Platten kultivieren. Ganz nach meinem Motto: Menschen kommen und gehen, die Musik bleibt.

© Eckbert, 27.10.2008

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