Interview: HELFAHRT
Titel: Unbeirrbarer Idealismus

Bassist Max Marquardt, zuvor auch noch bei den Münchener Schwarzmetallern Sycronomica mit von der Partie, gründete das Projekt Helfahrt im Jahr 1999. Zunächst als reine Einmann-Sache am Laufen, wurden anfangs noch lupenreine Folk-Kreationen in aller Andacht zelebriert. Mit der nachfolgenden instrumentellen Verstärkung durch weitere beherzte Mitstreiter wandelte sich das Ganze dann schließlich zur Pagan Metal-Gruppe. Von der vorherigen stilistischen Direktive künden auch heute noch reizvolle Folk-Parts in den ebenso tiefgründigen wie düsteren und epischen Helfahrt-Kompositionen. Dem ersten Demo-Tonträger namens „Aufbruch“ ließen die beteiligten Protagonisten kürzlich das gehaltvolle Debütalbum „Sturmgewalt“ nachfolgen. Auffallend eigenständig gehen die bajuwarischen Helfahrer darauf zu Werke, was aus der nicht wenig interessanten Heidenscheibe eine lohnenswerte Angelegenheit macht. Überhaupt, dass man es hier auf musikalischer wie auch thematischer Ebene mit stark idealistisch gesinnten Überzeugungstätern zu tun hat, erschließt sich auf dem aktuellen Silberteller eigentlich durchgehend. Ausgeprägtes Interesse an der eigenen Kultur und vor allem Vorfahren-Historie geht bei ihnen vor, Kopieren nordischer Genrevorgaben überlassen sie also nur zu gerne den ganzen anderen Thorhammer-Truppen aus diesem derzeit immer populärer werdenden Metier. Helfahrt sind zweifellos mit riesengroßer künstlerischer Hingabe am Musizieren, wovon mir Max als Sprachrohr seiner Horde im Weiteren persönlich kündet.

„Einfluss und Inspiration kann so vieles sein als nur das Schaffen gewisser anderer Bands. Ich selbst höre viel dem Genre fremde Musik. Diese inspiriert mich ebenfalls immer sehr wenn es ans Komponieren geht. Manchmal schwirrt mir auch wochenlang eine Melodie oder ein bestimmter Lauf an Tonfolgen im Kopf herum, bevor dies überhaupt realisiert wird. Bandtechnisch wurde ich auf jeden Fall von Gruppen wie Kampfar, Helheim und Ulver beeinflusst. Ich denke dass man diesen Fakt auch auf „Sturmgewalt“ heraus hören wird“, eröffnet der Tieftoner den Dialog.

Grundsätzlich behandeln die lyrischen Aspekte Helfahrt´s die dunkle Seite der Natur sowie ihre Kräfte und ihre finstere Schönheit, so Max. „Wir versuchen diesen Mystizismus, wie er noch vor circa 100 Jahren vorhanden war, neu zum Leben zu erwecken, um den Menschen heutzutage wieder etwas mehr Respekt vor Nerthus´ Reich zu geben, wo andere Regeln herrschen. Wir besingen dabei oft Orte wie beispielsweise Moorlandschaften. Diese waren unseren Vorfahren heilig und schon so mancher Wanderer wird noch heute von Irrlichtern auf weichen Grund geführt. Wir haben daher alle einen sehr naturverbundenen Glauben und genieren uns auch dafür nicht. Ebenfalls behandeln wir natürlich unser Perchten-Brauchtum, welchen es in Bayern, Österreich und Baden-Württemberg schon seit Jahrtausenden gibt. Der Rückkehr der Sonne und damit des Lichts und der Fruchtbarkeit wird ab dem 21ten Dezember gehuldigt und die bösen Geister werden zurück in Hels´ Grund vertrieben, da ab diesem Zeitpunkt nicht nur das Julfest anfängt, sondern auch die Tage wieder länger werden. Wir haben lediglich zwei Lieder gemacht, in denen unsere direkten Vorfahren besungen werden. `Lewwer Duad Üs Slaav`, wobei dieses Lied eher ein Ideal anspricht, und `Markomannenzorn`.“

Max selbst liest eigener Aussage zufolge sehr viel und ist sich sicher, dass dies auch für den Rest seiner Band gilt: „Wir beschäftigen uns eben gerne mit unserer alpenländischen Kultur, welche trotz vieler christlicher Bräuche nichts von ihrer Ursprünglichkeit und ihrer Mystik für uns verloren hat. Wir sind davon fasziniert und da ich neben der Musik noch vehement `Living History`, also erlebbare Geschichte betreibe, komme ich gar nicht drum herum mich eingehend genug mit Themen wie der germanischen Mythologie oder dem Leben unserer Vorfahren zu beschäftigen. Zum kommenden Album kann ich jedoch schon vorab sagen, das es noch dunkler ausfallen wird als „Sturmgewalt“. Es wird düsterer, mystischer, geheimnisvoller werden, jedoch aber auch in gewissen Teilen fröhlicher, ja stellenweise gar heiter werden. Wir haben gerade erst „Sturmgewalt“ fertig gestellt, daher ist noch viel Zeit für das nächste Album vorhanden. Texte werden wir jedoch ab nächstem Jahr auf unserer Seite online stellen. Der geneigte Hörer kann sich dann somit auch schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf den nächsten Output von uns machen. Eines der neuen Stücke trägt den Titel `Die Erde birgt den Tod` – mehr muss ich da sicherlich nicht hinzufügen.“

Da der Bassist nun nicht mehr bei Sycronomica dabei ist, wie er mir berichtet, findet sich natürlich wieder mehr Zeit für derlei Dinge. Wir erfahren: „In zwei Bands zu spielen ist schon eine Belastung – wenn die eine davon auch noch im Profi-Sektor angesiedelt ist, wird es natürlich zu viel. Ich gehe relativ oft hinaus in die Wälder und Täler in denen ich heimisch bin. Das ist hier kein Problem, da ich mitten auf dem Land lebe und nur die Haustür aufmachen muss, um die Intensität der Gezeiten mitzubekommen. Die Chemie stimmt bei uns sehr gut und ich kann mich noch genau an mein erstes Treffen mit Helfahrt erinnern. Es war als ob man sich schon ewig kennen würde. So etwas habe ich noch nie erlebt. Daher denke ich, dass unser privater Enthusiasmus was diese Musik betrifft, live auf jeden Fall auch auf das Publikum überschwappt. Zumindest habe ich das schon relativ oft als Feedback bekommen. Privat unternehmen wir ebenfalls sehr viel, feiern jedes Jahr die Winter und Sommersonnenwenden, fahren gemeinsam zu Gigs oder treffen uns bei mir Zuhause, wo wir uns meist bescheuerte Poser Rock-Scheiben reinziehen und trinken bis zum Umfallen.“

Helfahrt haben soeben die „Viking Warriors Crusade Tour 2006“ absolviert – zehn Auftritte, die sie zusammen mit Helheim, Atanatos und Punish durch fast ganz Mitteleuropa geführt haben. „Eine unglaubliche Zeit! Für 2006 sind daher auch keine weiteren Gigs mehr geplant. Der erste Gig 2007 wird am 20.01.07 in Traun in Oberösterreich stattfinden. Danach sind noch diverse Sachen im März geplant. Unter anderem das „Ragnarök“-Festival. Natürlich werden wir 2007 auch auf dem einen oder anderen Festival zu sehen sein. Allerdings wird unser Hauptanliegen für 2007 erstmal das Komponieren an unserer neuen Scheibe sein. Ende 2007 beziehungsweise Anfang 2008 planen wir wieder eine Fortsetzung der „Viking Warriors Crusade Tour“ um dann unser neues Album promoten zu können. Wer Interesse hat uns zu buchen, kann dies jederzeit über unsere Website tun. Wir kosten nicht allzu viel!“

Nachfolgend sprach ich einmal mehr meinen Unmut darüber aus, dass auf Pagan- und Black Metal-Konzerten nicht allzu viel von der in dieser „Szene“ so plakativ gepriesenen Naturverbundenheit zu verspüren ist. Müll wird überwiegend gedankenlos in der Gegend herumgeworfen, Bierflaschen nach allen Richtungen zerschmissen und dergleichen mehr – alles andere als positiv wirkendes und vorbildliches Heidentum also. Max bezieht hierzu Stellung:

„Tja, dieses Problem trifft auch bei mir auf einen wunden Punkt. Ich war selbst schon als Besucher auf dem „Ragnarök“ und gebe dir vollkommen Recht! Eine Schande war das! Live spielen wir grundsätzlich für jeden! Jeder hat das Recht unsere Musik zu konsumieren, ganz gleich welches Verhalten er an den Tag legt, welchem Land er zugehörig ist, welche Musik er eigentlich hört oder wie alt diese Person ist. Die Leute bezahlen um uns zu sehen, und wir bieten ihnen dafür Unterhaltung nach bestmöglichem Schaffen. Aber mal davon abgesehen, begrüße ich diese „neue“ Pagan Metal-Szene schon etwas, da diese weniger mit Vorurteilen behaftet ist als dies bei vielen Alteingesessenen der Fall ist. Live-technisch muss ich zugeben, dass mir Leute, die eine Party vor der Bühne machen und sich benehmen wie sie nun mal sind, wichtiger und lieber sind als Ego-polierende, Modeschau-mäßige pseudo-Euronymuse, die meinen das die Länge der Haare und die Augenvertiefung wichtiger ist als ihre Natürlichkeit. Dass jedoch vor allem die heidnische Szene immer größere Punk-Anleihen entwickelt, ist uns natürlich nicht entgangen. Da gebe ich Dir recht! Dies liegt aber vielleicht auch daran, dass der Altersdurchschnitt beträchtlich gesunken ist. Und, Hand aufs Herz? Wie waren wir denn so drauf, als wir mit 16/17 Jahren auf Metal-Konzerten waren? Nüchtern bestimmt nicht! Die Sache mit dem Müll, der Pöbeleien und anderen Nebenwirkungen lasse ich da jetzt mal außen vor. Das ist einfach nicht die Norm und ich möchte hier niemand über den Kamm scheren. Mir wäre persönlich einfach wichtig, dass sich die Leute etwas mehr mit ihrer eigenen Geschichte und Tradition auseinandersetzen würden, anstatt sich immer nur die Texte von Amon Amarth und Konsorten zu verinnerlichen und nachfolgend zu adaptieren. Wir haben hier so viel Kultur vor der Haustür – letztens erst bin ich beispielsweise beim Recherchieren auf ein Reihengräberfeld aus der Völkerwanderungszeit gestoßen, welches sich tatsächlich 800 Meter von meinem Haus entfernt befindet. Die geborgenen Gegenstände kann man sich heute im bayrischen Volkmuseum ansehen. Das ist doch echt der Hammer! Da braucht doch keiner mehr auf Wikinger machen! Wer aufmerksam ist, wird erfahren, dass die „tollen“ Wikinger beziehungsweise Nordgermanen in Wirklichkeit ganz arme Würstchen waren und ich ganz sicher nicht mit ihnen tauschen wollen würde. Nichts gegen Bands wie Amon Amarth, aber die Texte finde ich zum Kotzen! Ich versuche bei Gesprächen mit dem einen oder anderen auf Konzerten immer eine „aufklärende“ Rolle für diese Personengruppe zu spielen und die Person damit zu animieren, sich in Form von Literatur etwas zu bilden und damit dem klischeehaften „Wikinger-Hörnerhelm-Kuhhorn-Axt-Schwinger“-Syndrom entgegen zu wirken.“

Der Bassist benötigt keinen Antriebsmotor um sich künstlerisch zu entfalten, wie er mir auf meine entsprechende Fragestellung hin – in aller Ehrlichkeit – im weiteren Gesprächsverlauf erläutert. „Benötigte ich diesen, würde es ja bedeuten, dass ich diese Kunst aus einem äußeren Zwang heraus machen würde. Wie man beispielsweise einen Antrieb braucht um jeden Morgen zur Arbeit aufzustehen. Ich bin was ich bin und kann gar nicht anders als das zu tun was mir gefällt. Und das ist nun mal in einer Band zu sein und Musik zu machen. Sicherlich gibt es Phasen in denen man echt überhaupt nicht vorankommt. Ein kreatives Loch sozusagen. Aber zwanghaft diese Kreativität herbeizuführen halte ich für äußerst töricht. Man sollte den Dingen Zeit lassen und gute Ideen kann man nicht erzwingen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich Dank der Musik, welche schon von Kindesbeinen an für mich eine bedeutende Lebensrolle eingenommen hat, immer noch am Leben bin. Ich bin ein sehr depressiver Mensch – und die Energie, die ich durch das Komponieren, die Zusammenarbeit mit der Band und den Live-Shows zurückbekomme, wirkt sich sehr positiv auf meine Psyche aus. Ich brauche dies alles wie die Luft zum Atmen und würde ohne diese Dinge sicherlich vor die Hunde gehen.“

Nach der Veröffentlichung ihrer anfangs von mir erwähnten Demo-CDR „Aufbruch“ im Herbst 2005 trudelten mehrere Angebote von Plattenfirmen ins Haus – Helfahrt beschlossen daher erstmal, als Band weiterzumachen, so Max. „Wir unterzeichneten schließlich bei Northfire Records, welche uns ein Sprungbrett schufen, unser Debütalbum zu produzieren. Die Kooperation mit dem Inhaber Andreas gestaltet sich phantastisch und wir sind stolz eine seiner ersten gebuchten Bands dort zu sein. Es könnte echt nicht besser laufen. Da schon genügend Songmaterial vorhanden war, machten wir uns daran, an den Songs zu feilen und das Endprodukt ist dann im Spätsommer 2006 in die Läden gekommen. „Sturmgewalt“ ist also unser erstes, volles Album und stellt eine Art Querschnitt unseres Schaffens dar. Es sind insgesamt zehn Stücke auf dem Album vertreten und wir sind relativ zufrieden mit unserer ersten Scheibe. Als Perfektionist hänge ich mich immer noch an ein paar Sachen auf, aber das ist normal, glaube ich. Seit dem Sommer 2006 haben wir leider schwere Probleme mit der Staatsanwaltschaft, da diese uns vorwirft, bezüglich der Verwendung des Futharks und diverser Swastikas, nationalistisches Gedankengut zu vertonen und zu verbreiten. Insgesamt hat es bisher zwei Anzeigen gegeben. Ich habe schon in vielen Interviews Stellung zu diesem Thema bezogen und bin es jetzt einfach leid. Entschuldige, Eckbert, aber ich habe keine Lust mich mehr dazu zu äußern – der Staatsanwaltschaft können wir hier in Bayern noch hundertmal sagen, dass wir keine politische oder rassistische Band sind, sie wissen es ja doch immer besser. Wer mehr darüber wissen will: Auf unserer Website sind genügend Statements zu diesem Thema.“

Ich fragte im Anschluss daran gezielt nach, was hat sich bei Helfahrt musikalisch gegenüber dem Demo geändert hat, beziehungsweise in welche Richtung sich die musikalischen Ziele und Interessen seit der damaligen Gründung der Gruppe entwickelt haben. Und die Antwort von Max kommt prompt: „Natürlich entwickelt man sich weiter. Die neuen Stücke sind wieder etwas härter und wie schon bereits erwähnt, düsterer! Am meisten haben wir uns auch in Sachen Bühnenpräsentation verbessert. Für mich war ja die Position des Sängers nach sieben Jahren Bass bei Sycronomica auch völliges Neuland. Dadurch, dass der Rest der Band so gut wie keine Bühnenerfahrung hatte, glich sich das wieder aus. Auch wenn ich anfangs evtl. ein bisschen geholfen habe. Aber ich bin sehr stolz auf uns und auch auf die Entwicklung der anderen. Die Ziele und Interessen sind nach wie vor dieselben und es wird sich an diesem Fakt auch so schnell nichts ändern. Wir alle in der Band gleichen uns in vielen Belangen, daher bin ich mir in diesem Punkt so sicher.“

Helfahrt haben laut Max circa zehn Tage damit verbracht, die aktuelle Albumscheibe aufzunehmen und zu mastern. „Das heißt, die Aufnahmen selbst haben lediglich vier Tage in Anspruch genommen. Es hat länger gedauert als wir dachten, da wir relativ unvorbereitet ins Studio gegangen sind was uns sicherlich kein zweites mal passieren wird! Das Helion-Studio hat sich in den letzten Jahren sehr etabliert und die Atmosphäre dort ist einfach einmalig. Man kann gut und konzentriert arbeiten und das Team ist einfach supernett und hilfsbereit! Auch die traumhafte Lage, direkt am Schloss Nymphenburg, Münchens schönstem Stadtteil, ist beeindruckend. Mit dem Endresultat sind wir generell schon zufrieden, auch wenn wir einige Dinge beim nächsten Album anders machen werden. Doch es ist gut wenn noch Platz für Verbesserungen da ist. Diese Chance werden wir auch ganz bestimmt nutzen und ich kann jetzt schon sagen, dass das nächste Album eine klare Steigerung darstellen wird.“

Für die Cover- und Booklet-Gestaltung von „Sturmgewalt“ zuständig war Helge Stang von Equilibrium. „Ein alter Kumpel von mir und ein sehr begnadeter Künstler! Eines Abends haben wir uns alle bei ihm Zuhause getroffen und das Booklet zusammen besprochen und gestaltet – also sozusagen eine Helfahrt/Stang Produktion.“

Wir zwei philosophierten danach über die Gründe für das offenbar urplötzlich erstarkte Interesse der vielen Metaller an dieser spezifischen Art von heidnischer Klangkunst – die Ursachen dafür sind der Auffassung von Max nach eigentlich ziemlich einfach darzulegen. „Pagan Metal ist ein Trend geworden und Trends entstehen eben, wenn sich die Leute an irgendwas satt gehört haben. Mit Finntroll kam etwas Innovatives in die Plattenläden und somit begann dieser ganze Humppa-Boom. Eläkeläiset hat es auch schon Mitte der Neunziger gegeben. Hat damals keine Sau interessiert. Seit es Bands wie Finntroll, Korpiklaani oder Turisas gibt, ist das anders. Den ursprünglichen, düsteren Pagan (Black) Metal gibt es schon seit 1994, als Helheim ihr Debut „Jormundgand“ veröffentlichten. Daher ist es eigentlich auch nichts wirklich Neues. Auch Thyrfing gab es bereits 1997. Dass das Interesse auch wieder an diesen Bands gestiegen ist, liegt eben an dem Trend, den erstgenannte Bands erschaffen haben. Wenn ich mir Jazz anhöre, dann könnte ich mir auch vorstellen Free Jazz oder Blues zu hören – es bewegt sich eben im selben musikalischen Umfeld. Das ist das Geheimnis. Ob da jetzt Kernkonflikte in der Frage der Zugehörigkeit oder der Identität stattfinden, weiß ich nicht. Bei einigen Fans sicher. Und manchem mag eben jene heidnische (Metal) Musik auch die Augen geöffnet haben. Wer weiß?“

Trotz der Schwemme werden sich die wirklich guten Bands auch weiterhin behaupten können, wenn dieser Trend schon längst durch einen neuen abgelöst wurde – der Meinung ist zumindest mein Gesprächspartner, welcher mir Folgendes hierzu erzählt: „Ein Beispiel hierfür war der extreme Black Metal Trend Ende der Neunziger beziehungsweise Anfang 2000-2002. Ich habe mir letztens mal wieder eines meiner alten Ablaze (R.I.P.) Hefte angesehen und war schon fast überrascht wir viele Bands es mittlerweile gar nicht mehr gibt. Das waren damals teils junge, aufstrebende und sehr erfolgreiche Gruppierungen, die jedoch in diesem ganzen Trend mit schwammen. Daher kann ich aus Erfahrung sagen, dass von zehn aufkeimenden Pagan Metal- oder Viking Metal-Bands eine übrig bleiben wird. Der Rest bleibt auf der Strecke. Das ist nun mal einfach Fakt! Wie ich Helfahrt dabei sehe? Nun, mir ist es absolut scheißegal ob wir gut oder schlecht ankommen. Ich habe angefangen naturverbundenen (Pagan) Metal zu machen als es den Begriff noch nicht einmal gab. Als Solist und Eigenbrötler. Und das ist vielleicht auch der Unterschied zu uns und anderen Bands. Wir sind nicht auf Erfolg aus. Natürlich freue ich mich, wenn ich Leute sehe die unser Shirt anhaben oder wenn wir in vollen Clubs spielen und mir danach jemand die Hand schüttelt und sagt „Alter, du bist der King!“ Wem würde das nicht gefallen? Doch wir würden auch weitermachen wenn dem nicht so wäre. Was meinst du denn, welche negativen Kommentare ich mir noch im Jahr 2000 anhören durfte? Weitergemacht habe ich trotzdem, weil das eben ganz genau die Musik ist die ich und wir machen wollen. Und nicht die Musik die eben mal gerade boomt. Nur um einen Rockstar zu spielen. Ich beobachte in der Szene, dass sich viele Leute einen Raketenstart wie den von Equilibrium wünschen und alles daran setzen ihre Band an die Öffentlichkeit zu drängen, ganz egal wie das musikalische Endprodukt ist. Das hat zur Folge, dass wirklich qualitative und gute Musik eine Seltenheit wird und Bands in den Medien und von den Fans hoch gelobt werden nur weil sie heidnischen Metal machen der eben gerade im Trend liegt. So etwas hätte es vor zehn Jahren nie gegeben! Solche Bands erkennt man immer beim Soundcheck: Fette Bühne, geiles Equipment, aber keinen Plan, null Erfahrung und eine Arroganz bei der sogar Gene Simons mit den Ohren schlackern würde. Den meisten Fans geht es oft nur noch um Party feiern und Saufen. Hauptsache das klischeehafte Germanen- und Wikingerbild wird ausgelebt. Das ist schade. Da müsste mehr passieren und getan werden. Ich verlange ja nicht, dass sich jetzt jeder vor zehn Bücher setzt und anfängt diese auswendig zu lernen. Nein. Aber ein bisschen „Niveau“ habe ich mir schon bei so einigen Pagan Metal-Konzerten gewünscht. Andererseits sind mir diese Leute tausendmal lieber als Ende der Neunziger dieses ganze „true“ Gelaber! Diese Veränderung in der Szene ist schon sehr positiv im Hinblick auf damals, wo eine Rückentwicklung stattfand!“

Helfahrt machen als Musikgruppe jedenfalls solange weiter bis sie keine Lust mehr dazu haben. „Zum Sklaven machen wir uns sicherlich nicht. Momentan läuft es gut und es spricht nichts dagegen aufzuhören. Doch wer weiß schon was morgen sein wird. Vielleicht lebt einer von uns morgen nicht mehr. Wir haben alles erreicht was wir einst erreichen wollten und sind somit zufrieden. Alles Weitere wird sich zeigen. Ich freue mich jedoch immer, wenn ich mich auf Gigs mit ein paar netten Besuchern unterhalten darf. Das ist toll und vermittelt mir ein familiäres Gemeinschaftsgefühl! Wir haben dir für das Interview zu danken, Eckbert, für Deine Unterstützung. Ich bin der Meinung, dass wir unser Gespräch weiter führen sollten. Du scheinst mir ein angenehmer und anspruchsvoller Gesprächspartner zu sein. In meinem Haus bist du jederzeit willkommen. Großer Dank gebührt auch noch unseren treuen Fans, ohne die wir heute nicht da wären wo wir sind. Ihr seid unser Ursprung und wir sind euer Selbst!“

© Eckbert, 27.11.2006

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