Interview: GERNOTSHAGEN
Titel: Gegen den Kulturverfall

Die beflissenen Thüringer Pagan Metal-Recken Gernotshagen brillieren auf ihrem neuen Albumwerk „Weltenbrand“ mit riesiger musikalischer Ausdrucksstärke und nicht minder gewaltiger epischer Opulenz. Heidnische musikalische Inbrunst sozusagen, deren idealistische Flammen in höchste Notenhöhen hinauf lodern. Stellte bereits der vorher gegangene Langspieldreher „Märe aus wäldernen Hallen“ eine vollauf hörenswerte Veröffentlichung dar, so liefert der beständige ostdeutsche Haufen nun eindeutig sein vorläufiges Meisterwerk ab.

„Musik ist ein guter Weg, um Leute zu erreichen und um etwas zu vermitteln. Eine Sprache die in der ganzen Welt verstanden wird. Deshalb ist es auch für uns, selbst nach so vielen Jahren, noch immer eine Leidenschaft die uns sehr viel Spaß bereitet“, vermittelt mir Lead-Gitarrist Maik Pomplun das künstlerische Credo seiner Truppe.

Und er knüpft daran an: „Was uns dabei kreativ am Leben hält, ist ganz einfach gesagt der Spaß an dem Ganzen. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wo man in drei oder fünf Jahren ist. Musik ist und war für uns alle schon immer unser wichtigstes Hobby, das wir stets intensiv ausgebaut haben. Und mit dem wir nunmehr viele Fans begeistern. Fans, welche nach all den Jahren immer noch die Einstellung mit uns teilen, dass Musik einfach mehr ist als nur im Rampenlicht zu stehen.“

Der nachfolgende Dialog befasste sich mit der Bedeutung des neuen Plattentitels beziehungsweise welcher Themenkontext dahinter steckt. Der ostdeutsche Saitenreißer erläutert: „Im Grunde genommen befasst sich das Album mit unseren Eindrücken, die wir in den letzten Jahren über das gesellschaftliche Leben beobachtet haben. Und der damit verbundenen Probleme. Wir greifen aber kein speziellen Bereich dessen auf, was uns missfällt, denn das würde den Rahmen jedes Albums einfach nur sprengen, sondern beschreiben im Allgemeinen sehr sozialkritisch das Fehlverhalten der heutigen Gesellschaft in ihrer doch recht unnützen und eigensinnigen Art, ständig nach Besserem zu streben.“

Allerdings, so Maik, verarbeiten Gernotshagen besagte Thematik nicht auf die konventionelle Art und Weise, also mit einfacher Darstellung im bildlichem Sinne, sondern sie verpacken dies in gewohnter Gernotshagen-Manier in paganistischen Stil: „Mit Elementen, die sowohl den Text als auch die Musik betreffen. Das heißt nichts anderes, als dass man zwischen den Zeilen lesen muss, sie verstehen muss und sich selbst schon seine Gedanken machen muss beim Hören der Musik und hauptsächlich auch beim Verstehen der Texte.“

Es geht also laut Aussage des Saitenmannes nur oberflächlich wieder um alte Geschichten, Mythen und Auffassungen vom damaligen Leben und dessen Regeln.

„Inhalte, die aber bei jedem Lied gut erkennbar Bezug auf die heutigen Probleme unserer Gesellschaft und das darin vor sich hin vegetierende Leben nehmen. ‚Weltenbrand’ bezieht sich einfach gesagt auf den Verfall unserer alten Kulturen und den letzten Aufschrei derer, die noch um das Alte wissen und welche besorgt in die Zukunft blicken. Menschen also, die machtlos zusehen müssen, wie alte Werte durch neue kommerziellere Werte ersetzt werden. Menschen manipulieren und werden manipuliert, Menschen beuten aus und werden ausgebeutet. Es ist einfacher, seinen Verstand auszuschalten und sich führen zu lassen, als selbst zu denken und damit Problemen gegenüber zu stehen. Als abschließender Gedanke in Bezug auf die Frage wäre noch hinzu fügen: Es ist es ein Album, in dem sich jeder seiner eigenen Interpretation hingeben kann, darin aufgehen kann und dabei erkennen kann, dass Alte stets zu wahren und in seinen Herzen zu tragen. Also seine Lebensprüfungen zu bestehen, seinen eigenen Verstand zu benutzen und das zu schützen was man liebt.“

Der eigentliche Prozess für das neue Album „Weltenbrand“ begann laut Bekunden des Gitarristen schon unmittelbar nach Beendigung des „Märe aus wäldernen Hallen“-Albums:

„Wir haben so viel Zeit damit verbracht Musik zu kreieren, welche uns voll und ganz erfüllt, bis wir wirklich mit unseren Songs zufrieden waren. Wir haben aus einer endlosen Masse an Ideen immer das Beste heraus selektiert, vieles wieder verworfen und sogar ganze Songs aussortiert. Wir hatten einige Diskussionen in Bezug auf Texte, Titel und bestimmte Passagen. Askan kam eines Tages mit einem Schwung an Texten vorbei, welche durchweg genial waren. Es lang an uns diese in ebenwürdiger Qualität zu vertonen. Ich würde behaupten, dass wir mit Weltenbrand schon ein ganz besonderes Album geschaffen haben, wenn man sich nur mal damit auseinander setzt.“

Gernotshagen agieren auf der neuen Scheibe epischer und erhabener als je zuvor. Und die Klargesänge wurden merklich angehoben. Wie entstand dies? Maik erläutert:

„Das Stimmliche wird den atmosphärischen Gegebenheiten des Textes gerecht. Es war unser selbst abgestecktes Ziel, die kompletten Melodien, Passagen, Riffs usw. genauestens auf die den Inhalt abzustimmen. Diesem Produktionsstil sind wir bis jetzt immer treu geblieben und es macht unsere Musik zu einem soliden Produkt unserer Kreativität. Auf jeden Fall denke ich, dass es ein sehr gut gelungenes Album geworden ist, dass sich weit von dem ‚Normalen’ in diesem Metier abgrenzt. Wir waren circa ein halbes Jahr im Studio und wenn ich ehrlich bin, brauche ich jetzt erst einmal eine ‚Gernotshagen-Songs-Hörpause’! [lacht] Man sollte als geneigter Hörer auf jeden Fall versuchen, diese neuen Lieder zu verstehen, und wir werden auch nicht viel darüber sagen … jeder sollte das Album für sich interpretieren.“

Ich wollte dazu noch wissen, ob so viel majestätische Epik für die Kompositionen eher schwer zu kreieren war. Wir erfahren: „Na ja, also wenn man die Zeit bis von den Anfängen der Songs bis hin zur Fertigstellung betrachtet, ist schon eine gigantische Arbeit in das Album geflossen. Wir haben uns viel Zeit genommen und auch viel von dem, was wir entworfen haben auch wieder verworfen. Wir haben einen hohen Anspruch an uns selber, was die musikalische Arbeit angeht. Wir machen uns viele Gedanken über die Details welche wir in unserer Musik mit einbeziehen. Die Texte sind abgestimmt auf die Musik, Musik sollte auch ohne Text aussagekräftig sein etc.“

Und die aktuelle Besetzung von Gernotshagen ist erfreulich stabil und glücklicherweise auch sehr harmonisch im Miteinander, wie dem Gitarristen anschließend noch zu entlocken war.

„Überall gibt es mal Unstimmigkeiten bei uns, aber nie wirklich Streit. Dazu machen wir das alles schon zu lange und sind eher dicke Freunde, die auch so zwischendurch mal ein Bierchen zusammen trinken gehen. Wir sehen uns nicht als Profiband, und daher dauern auch die Arbeiten an unseren Veröffentlichungen etwas länger. Aber dafür hat aber jeder noch Spaß an der Musik und das alles ohne Druck. Wir mussten uns ja erstmalig seit nunmehr über zehn Jahren von einen Mitglied trennen. Unser Drummer schlägt beruflich einen anderen Weg ein und kann uns so nicht weiter begleiten. Mit Marcus Röll haben wir einen neuen Drummer gefunden und hoffen, dass so diese Besetzung ewig bleibt.“

Wir sprachen im Weiteren auch gleich noch darüber, ob und wie sehr Gernotshagen eigentlich mittlerweile weltweit erfolgreich sind. Maik informiert: „Ich denke, dass sich Gernotshagen in den letzten Jahren schon einen guten Ruf erspielt hat. Wir spielen auf großen Konzerten, werden da auch meistens vom jeweiligen Veranstalter aus gebucht und vertreiben mittlerweile weltweit unsere CDs. Auch bekommen wir oftmals viele positive Resonanzen. Wir haben eine eingefleischte Fangemeinde und sind auch sehr stolz auf diese. Unsere Fans haben uns dahin gebracht, wo wir heute stehen und wir danken jeden einzelnen dafür.“

Der Musik möchte der Gitarrenmann für die nächsten 30 Jahre auf jeden Fall treu bleiben, wie er enthusiastisch konstatiert. „Nur, ob jeder dann noch diesen Weg geht ist eine gute Frage … warten wir es ab. Es ist auch der Weg, der frei gemacht werden sollte für Neues. Ich finde es nicht gut, wenn es Bands gibt, welche 40 Jahre profimäßig Musik machen und immer noch so hochgehoben werden. Wenn wir dann noch Musik machen dann nur im kleinen Rahmen mit langen grauen Haaren und jede Menge Erinnerungen an die vergangene Zeit“, verlässt es den Mund des Befragten unter einem lauten Lachen, und er knüpft daran an:

„Auf jeden Fall wollen wir uns in musikalischer Ader auch treu bleiben und damit weiter für den Namen Gernotshagen stehen. Was nun als nächstes genau kommt ist schwer zu sagen, da wie auch beim aktuellen Album, viele Diskussionen erforderlich sind um am Ende wieder etwas Besonderes zu schaffen. Angedacht ist aber auf jeden Fall schon mal ein Konzeptalbum.“

Der quirlige Kerl blickt voller Hoffnung in den verbleibenden Rest des aktuellen Jahres: „Auf jeden Fall möchten wir viel Touren und viel live spielen, um uns von der Arbeit zum aktuellen Album zu erholen. Wir wünschen uns gute Konzerte mit einem gemütlichen Ambiente und dazu ein paar gepflegte Bierchen und null Stress. Das wäre der Idealzustand.“

© Eckbert, 25.03.2011

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