Interview: FJOERGYN
Titel: Notentiefe voller Seele

Neben gewohnten zahlreichen Arrangement-Exzellenzen bietet das neue Studioalbum dieser thüringischen Ausnahmeavantgardisten auch auf lyrischem Terrain mal wieder Anspruchvollstes.

Die von der ostdeutschen Bombastformation einst beflissen ersonnene Veröffentlichungstrilogie, welche 2005 opulent mit dem feinen Debüt „Ernte im Herbst“ begann und zwei Jahre später weiter über „Sade et Masoch“ führte, wird nun aktuell mit „Jahreszeiten“ thematisch finalisiert. Düsterfeierlich zelebriert, klanglich höchst symbolschwanger ausorchestriert sowie von schier grenzenloser Naturliebe bis ins Mark beseelt: Eben der urtypische Fjoergyn-Avantgarde Dark Metal. Dazu erfüllt von dramaturgisch dichter Großepik, wie man sie in solcherlei aufwühlender Anmut nur allzu selten zu hören bekommt.

Mehr noch, das weltkritische Quartett frönt seinem lodernden Künstlerpläsier auf „Jahreszeiten“ in gar schwelgender Selbstvergessenheit – weit reichende Gefühlsfülle, die einen unweigerlich in ihren Bann zieht.

„Ich denke es waren mehrere Dinge, die uns insbesondere bei diesem Album am Herzen lagen: Auf der einen Seite war es sicherlich der Wunsch ein Album zu erschaffen, welches in sich nicht kopierbar ist. Diese Einmaligkeit sollte auch in jedem Song fühlbar werden, so dass wir größtenteils auf Reprisen verzichtet haben und uns viel intensiver der Themenverarbeitung hingegeben haben. Das macht das Hören etwas schwierig aber gleichsam interessanter, da man die ganze Zeit einem klanglichen roten Faden folgen muss. Aus beiden Punkten ergab sich der dritte. Im Mittelpunkt dieses Albums steht der Affekt. Ich bin der Meinung, dass wir noch nie zuvor einen derartigen Wert auf das Wahrnehmen von Emotionen gelegt haben. Emotionen, die wir der Natur aus unserem Verstehen heraus angehängt haben und die sich tatsächlich auch in den Stücken finden“, weiß Gitarrist und Vokalist Stephan Löscher zu berichten.

Apropos emotionaler Horizont – die meisten Leute auf dieser Welt ziehen mittlerweile das Falsche dem Echten vor, was sich leider auch in musikalischen Belangen immer mehr bemerkbarer macht. Entweder aus reiner Bequemlichkeit, oder weil sie keine andere Wahl haben. Auch Kehlenarbeiter Stephan setzt sich schon länger mit Erwägungen dieser Art auseinander:

„Authentizität steht im Mittelpunkt aller Kunst. Um sie leben zu lassen, muss man ihr eine Seele geben. Diese Seele überträgt sich mit jeder Note, die aus Leidenschaft geboren, ein Stück zur Auflösung oder auch eben nicht führt. Ein Steinmetz weiß das Material genau so sehr wie seine Skulptur zu schätzen. Jeder Schlag ist überlegt und lässt nach und nach ein Bild erkennen, beziehungsweise überträgt ein Stück Seele des Künstlers auf das Material. Dies kann man sehen und hören. Einigen Leuten, als auch den Protagonisten ist jene Verrohung von Kunst egal. Sie assoziieren Musik mit einer Gruppenzugehörigkeit, gleich jenen Leuten, die sich eine weiße Leinwand mit drei blauen Punkten kaufen. Sie sind keine Kunstliebhaber, da sie sonst erkennen würden, dass es sich um lebloses Material handelt. Sie haben aber Geld und damit genug Möglichkeiten sich in diesen Kreisen zu bewegen. Das Kapital entscheidet, was Kulturgut ist. Leider sind die aufzubringenden Möglichkeiten in unseren Kreisen noch leichter zu erfüllen. Das Plagiat kann existieren, eine Seele jedoch hat es nie.“

Ich erkundige mich im Weiteren, was mein Gegenüber wohl empfindet, wenn er sich die aktuellen Programme der global führenden modernen Jugend-Musik-TV-Sender mit ansehen muss. Ich persönlich ertrage die dortig ansteigend zu sehende Primitivisierung, Kulturnivellierung, Verrohung, Brutalisierung und gezielte Sexualisierung der weltweiten Heranwachsenden keine Sekunde, ohne massiven inneren Unmut zu verspüren. Sie rennen mit wehenden Fahnen in den eigenen kulturellen beziehungsweise seelischen Untergang, geht es einem durch den Kopf.

„Tatsächlich muss man hierbei die Intention der Darstellung im Auge behalten“, so Stephan dazu. „Es handelt sich um reine Unterhaltung. Wir setzen dies mit Alltagskultur gleich, deformieren aber im selben Moment den Begriff der Kultur. Im eigentlichen Sinne haben die Protagonisten etwas erschaffen. Ihre Beweggründe sind aber derart minimalistisch, dass sie meines Erachtens nach in den wenigsten Fällen etwas mit Kunst gemein haben. Alle Emotionen werden auf Spaß und eben Unterhaltung heruntergefahren, so dass alle dem Menschen innewohnenden Affekte ausgeblendet werden. Diese einseitige Betrachtung könnte zu deiner angesprochenen Verrohung führen. Der Geist liegt brach und wird nicht mehr gefordert. Die Medien legen fest, was uns zu gefallen hat und welche Emotionen uns innewohnen sollen. Das Kapital und die Konzerne diktieren den Menschen ein Bild auf, wie er zu sein und zu denken hat. Ich verurteile sie nicht mehr so schlimm wie ich es früher getan habe, amüsiere mich aber köstlich über die Leichtigkeit, mit der ihnen diese Annektion gelingt.“

Wir diskutieren im Zuge dessen noch weiter über emotionale Belange. Mittlerweile würde der auskunftsfreudige Sänger sich sogar als glücklichen Menschen bezeichnen, wie er mir ergänzend zu Protokoll gibt:

„Was zweifelsfrei auch daran liegt, dass ich mein Umfeld und meine Eindrücke mit denen ich mich abgebe, selektiere. Meine Rebellion verläuft im Stillen mit jenen Menschen, die gewillt sind selbige zu hören. Wir haben ein sehr anstrengendes Jahr mit der Band überstanden und sind in jener Zeit unglaublich gewachsen. Es beruhigt mich, da ich weiß, dass wir noch mehr schaffen können und dass ich mich auf jeden einzelnen meines Umfeldes verlassen kann. Alle Menschen, die mir am Herzen liegen sind gesund. Die Welt werde ich nicht verändern können, aber ich kann einen Teil dazu beitragen ihre Mitglieder zum Nachdenken zu bringen.“

Wir gehen noch ein wenig tiefer und ich stelle die Frage, was sich auf diesem Planeten ändern müsse, damit es Stephan besser geht?

„Genau diese Rückmeldung macht mich glücklich. Wir machen es der „Szene“ nicht gerade leicht. Weder kann man uns musikalisch noch menschlich richtig einordnen. Dennoch findet sich ein großer Teil von Zuhörern, die gerade dies schätzen. Sie befürworten unsere Anklage und sehen sich mit ihr verwachsen. Ihre Rebellion trägt keine Zeichen. Ihre Rebellion trägt den Wunsch etwas zu verändern. Ich denke, dass einige unserer Hörer über den Gedanken ihres Stellenwertes innerhalb dieses Systems nachgedacht haben und womöglich empathischer durch ihre Gefilde wandern. Dies mit unserer Musik erschaffen zu haben stimmt mich glücklich. Die Dummheit und erwähnte „Primitivisierung“ kann ich nicht stoppen. Aber einen Pulk dem gegenüber zum Nachdenken anzuregen, lässt ein breites Lächeln in meinen Augen stehen.“

Das Digipak zur neuen Veröffentlichung von Fjoergyn sieht einfach toll aus, auch grafisch also ein Spitzenprodukt – siehe vor allem das Layout des Booklets. Hätte man aber die CD-Aufnahmeplatte mit dem zentrischen Zahnkranz im Digipak selbst nicht auch gleich schön weiß statt schwarz machen sollen? Dies würde ein noch homogeneres Gesamtbild mit sich bringen. Stephan hat das gesamte graphische Konzept zum ersten Mal aus der Hand gegeben, wie er mir erzählt.

„Pluspunkt-Gebrauchsgrafik hat eine hervorragende Arbeit erledigt und ich denke, dass dies im Einklang mit der komplett schwarzen CD beabsichtigt gemacht wurde. Wir wollten das Schwarz auf der CD auch beim dritten Album beibehalten, obgleich Pluspunkt einen anderen Vorschlag hatte. Leider musste er sich beugen und hat dahingehend auch den Hintergrund farblich angeglichen. Der Kontrast zwischen beiden Farben, also schwarz und weiß, lässt einigen Spielraum für Interpretationen und jeder der uns kennt, weiß, dass bei uns nichts einfach so geschieht.“

Die thüringische Gruppe hat ihre aktuelle dritte CD nun beim dritten Label auf den Markt gebracht. Und Stephan stimmt mir zu: „Nein, besser hätten wir es tatsächlich nicht treffen können. Trollzorn stehen zu 100% hinter unserer Arbeit und räumten uns einen riesigen Spielraum ein. Ihr Vertrauen unserer Musik gegenüber hat sie mächtig in meinem Ansehen wachsen lassen. Bis zum Mastering hatten sie nichts vom neuen Album gehört und ahnten, dass es auch sehr extrem ausfallen könne. Wir selber wussten ja nur bedingt, wie die neue Scheibe wird. Dennoch fanden sie genau dies reizvoll. Sie schätzen den Künstler hinter der Musik und halten auch privat mit ihm Kontakt.“

Er ergänzt seine Aussage: „Was könnte man sich mehr wünschen? Bereits nach dem ersten Telefonat waren wir uns insgeheim einig, dass wir zusammenarbeiten werden. Dass sich daraus dies entwickelt, hätte ich aber auch nicht gedacht. Bei großen Labels bin ich ja nur eine Nummer. Und mit genug entsprechend gezielter Werbung kann jede schlechte CD verkauft werden. Trollzorn werben ebenso großartig für uns, doch steht die Qualität der Musik stärker im Vordergrund, da wir als Band erst noch beweisen müssen, dass wir es auch ohne tausend Anzeigen geschafft hätten.“

Der Gesang von Stephan auf dem neuen Werk ist ebenso ungewöhnlich wie auch reizvoll inbrünstig – der Fjoergyn-Vokalist erläutert gerne, welche Intentionen genau dahinter stecken. „Wir haben sehr lange überlegt, wie genau meine Stimme klingen soll. Auf den beiden ersten Alben haben wir besonders die cleanen Gesangsparts stark nachbearbeitet und alle Fehler bis ins kleinste ausgebügelt. „Jahreszeiten“ ist seinem Gesamtsound aber derart natürlich, dass wir eben auch dies in den Vocals einbringen wollten. Eigentlich handelt es sich größtenteils um First-Take-Aufnahmen. Es wurden keine weiteren Effekte benutzt, so dass meine Stimme viel näher an meiner eigentlichen Sprachstimme erklingt. Das ist im ersten Moment ungewöhnlich, untermauert aber den natürlichen Charakter dieser CD. Womöglich bedarf es einiger Hördurchläufe, aber final findet man es besser als zuvor. Besonders die Schreie lagen mir bei diesem Album am Herzen. „All Orange Music“ haben alles daran gesetzt, dass alle Growls der Seele entspringen. Niemand wollte ein statisches „vor dem Mikro posieren“. Man drückte es mir in die Hand, machte mich auf die gepolsterten Wände aufmerksam und erinnerte mich daran, alle Emotionen blind herauszuschreien. Dahingehend tobte ich durch eine auch visuell isolierte Gesangskabine und konnte in meiner Stimme viel intensiver aus mir heraus gehen. Es war ein wunderbares Arbeiten.“

Sich Außenstehenden als künstlerischer Mensch beziehungsweise als kreativer Charakter selbst zu beschreiben, empfindet der Sänger als schwierig: „Eigentlich würde ich mich als niemals ruhend beschreiben. Immer wieder finde ich Eindrücke, die ich gerne verarbeiten würde. Die Band zieht dort gerne mit. Sie haben das neue Album derart geprägt, dass mir eine Zusammenarbeit mit anderen Musikern alle Freude am Komponieren nehmen würde. Wir denken mittlerweile sehr synchron und wissen, wohin sich ein Gedanke entfalten soll. Ich kann mich auf sie verlassen, was meiner Kreativität sehr entgegen kommt. An sich brauche ich Ruhe, konnte aber besonders in den letzten zwölf Monaten feststellen, dass selbst die Arbeit unter Stress sehr ergiebig sein kann.“

Denkt Stephan, dass gerade den deutschen heidnischen beziehungsweise naturverbundenen Metal-Horden im Gegensatz zu mancher überbewerteter Band, beispielsweise aus Skandinavien, bislang überhaupt ausreichend Popularität beziehungsweise Anerkennung aus der Szene zuteil wurde? „Oftmals frage ich mich das auch. Leider ist diese Musikrichtung schon sehr alt, weshalb sich der gewählte Hörer nur selten auf Neulinge dieser Gattung einlässt. Gleichzeitig muss ich aber auch das Meer aus Bands betonen, dass es einem sehr schwer macht den Überblick zu behalten. Früher gab es zehn, zwanzig Bands und man genoss es durch das Booklet zu blättern während einem beispielsweise Ancient Wisdom „Northland“ entgegen brüllten. Mittlerweile kommen täglich hunderte neue Bands raus, die alle gleich der Überzeugung sind, das Rad zu verbessern, obgleich es bereits vorher einwandfrei rollte. Bei mir stellte sich dahingehend eine ungemeine Sättigung ein, da sich diese Musik scheinbar ausverkauft. Leider verpasse ich dabei auch ab und an wirkliche Perlen, die es zu hören wert wäre. Alles in allem denke ich aber, dass es primär an der Authentizität liegt. Ich liebe eine Band dafür, weil sie klingt wie sie klingt. Sie gaben ihrer Musik eine Seele und einen Charakter der einmalig ist. Oftmals gehen Musiker mit der Einstellung heran: „Es sollte klingen wie diese oder jene Band. Und nur selten lässt sich der Name der als Impuls herangezogenen Bands dann überhaupt noch in der Musik finden. Man beschließt nicht avantgardistisch zu sein, man wird es einfach. Das Niveau und der Anspruch zeigt sich in der Tiefe der Gesamtheit und gleichsam im Hörerkreis. Eine anspruchsvolle Band findet meistens anspruchsvolle Hörer, da diese in der Lage sind die einzelnen Facetten heraus zu hören.“

Wir gingen über zum Thema Leidenschaften – wie ist in dieser Hinsicht aktuell bei den Thüringer Avantgarde Dark Metal-Heroen bestellt? „Das ist eine schwierige Frage. Leidenschaften verspüre ich definitiv in vereinzelten Zweigen der Kunst. Besonders muss ich dabei die Band Ahab erwähnen, die scheinbar jeden einzelnen Ton auf der Bühne leben. Es war ein Genuss ihnen beim Spielen zuzusehen, da sie scheinbar ihre Musik aus dem Grundgefühl der Location empor steigen ließen und das Publikum irgendwann ausblendeten. Das war wirklich leidenschaftlich! In dem Moment, wenn die Leidenschaft stirbt, egal für was sie zuvor auch brannte, stirbt aller Bezug zum Leben. Kunst wäre Abbild und schlichte Dienstleistung ohne sie. Verliert ein Volk seine Leidenschaft, verliert es den Drang etwas zu verändern und für seine Freiheit aufzustehen. Leidenschaft ist die Grundessenz um einer guten Idee Gestalt zu geben. Ohne sie wäre alles Leben wertlos. Hoffen wir, dass sie sich niemals der Welt entzieht.“

Seine großartige musikalische Entdeckung der letzten anderthalb Jahre an sich sind Wolves In The Throneroom, so Stephan. „Was für eine Band! Hier findet sich alles, was Musikalität ausmacht. Ich weiß nicht, wie sich jene Musik stilistisch nun genau nennt, aber das interessiert mich auch nicht. Lässt man sich auf sie ein, erlebt man sich selbst in einem Universum aus Klang und Farben. Wundervoll. Aber wie gesagt: Ahab – zweifelsfrei eine der besten Doombands des Jahres 2009! Doch auch Secrets Of The Moon sind meiner Ansicht nach eine Superband. Und mein lang erwarteter „Alltimefave“? Katatonia! Doch leider, so muss ich zugeben, habe ich mich seit längerer Zeit schon nicht mehr besonders tief mit der Szene beschäftigt. Womöglich auch dem verschuldet, da ich ihre neue Intention scheinbar nicht mehr erkenne. Auch hier scheint sich das reine Entertainment-Sortiment breit zu machen, was den Wodka schneller und intensiver im Kopf rumoren lassen soll. Es geht den Fans mittlerweile offenbar vorwiegend um eine Zugehörigkeit, die sich durch das Auftragen von 150 Patches auf Jacken generieren lässt. Man brüstet sich mit dem Onlinestellen neuen Wissens über eine Band und der gleichzeitigen Bitte, alle verfügbaren MP3s auf einen russischen Server hoch zu laden. Manchmal scheint es, als würden Bands und Fans mittlerweile getrennt von einander leben. Schön zu sehen, dass es aber auch Ausnahmen gibt. Die Szene entwickelt sich weiter.“

Fjoergyn entschieden sich, nach zwei Aufnahmen im Blue House dieses Mal ein Studio in ihrer geografischen Nähe zu entern: „All Orange haben ihren Sitz ganz in der Nähe von uns, was den logistischen Teil stark vereinfachte. Im Weiteren machten sie einen beachtlichen Job, was man der Qualität des neuen Outputs zweifelsfrei anhört. Marcel Wicher und Thilo Farr sind hervorragende Produzenten. Wir arbeiteten einige Wochen zusammen, entschlossen uns aber dann, den Mix aus der Hand zu geben, da wir nach all der Zeit an Aufnahmen kein ruhiges Ohr gefunden haben, um das Material weiter zu bearbeiten. Es hatte sich eine Art Burn Out eingestellt, weshalb wir „Jahreszeiten“ zum Mix in die Hände von Patrick W. Engel ins Rape of Harmonies Studio legten. Besser hätte man den Mix nicht machen können. Insgesamt gestaltete sich die Aufnahmezeit sehr interessant. Wir entwickelten ein komplett neues Gefühl für die Songs, da wir sie erstmals richtig hören konnten und ein Bild von dem bekamen, was wir über fast zweieinhalb Jahr erschaffen haben. Es war vorab eine sehr anstrengende Zeit, die sich meines Erachtens nach aber mehr als nur gelohnt hat. Am wichtigsten erscheint mir daneben auch der persönliche Charakter dieser Veröffentlichung. Wir haben uns in den Melodien als auch der gesamten Grundstimmung sehr ehrlich verhalten, so dass wir jene Momente einfangen wollten, wie wir sie vor unserem Auge sahen. „Jahreszeiten“ ist ein sehr natürliches Werk und man muss sich darauf einlassen. Gelingt einem dies, so wird man ganz sicher belohnt.“

Welche Einflüsse und Inspirationen nun so ganz genau für das neue Fjoergyn-Werk behilflich waren, kann der Frontmann mir nicht explizit gar nicht beantworten: „Bis zum Schluss wurden die Songstrukturen immer wieder aufgebrochen und verändert. Als wir begannen das Album zu schreiben, hörten wir andere CDs wiederum als ein halbes Jahr zuvor. Wenn Einflüsse da sind, so sind sie derart vielfältig, dass ich sie leider nicht einmal mehr ausmachen kann. Die größte Inspiration war tatsächlich der Wandel des Jahres. Wir konnten alle notwendigen Stimmungen einfangen und uns eine Vorstellung darüber machen, wie beispielsweise das Frühjahr klingen könnte – beziehungsweise warum es eben gerade so nun klingt.“

Unser Interviewgespräch befasste sich im Folgenden mit dem neuen Albumtitel „Jahreszeiten“ – wohnt ihm hypothetische beziehungsweise schicksalsschwangere Bedeutung inne? „Eigentlich lässt sich beides ableiten. Auf der einen Seite ist es der Abschluss unserer Trilogie, als Hommage an die Natur. Die andere Seite zeigt eine Eigenschaft des Lebens, die allem Dasein, aller Kultur, allem Denken zueigen ist. Der Wandel als Einziger ist beständig. Niemals identisch, niemals konstant. Stets ähnlich, sich auf altes berufend, doch gleichsam immer wieder neu.“

Mich persönlich interessierte noch sehr die naturnahe Symbolik auf dem feinen Frontcover-Artwork des neuen Albums. Jedoch: „Ich möchte diesmal nicht soviel zu unserem Artwork verraten. Interessanter fände ich es, wenn der Hörer in unserem Gesagten, als auch in den diesmal nicht gar so wirren Texten, eine eigene Botschaft entdeckt.“

Tatsächlich ist Stephan laut eigener Aussage die Band sehr ans Herz gewachsen. „Denken wir an unsere ersten Gespräche, war ich von dem Gedanken eine Band um mich herum versammeln zu müssen nicht gerade begeistert. Nun aber möchte ich sie auf keinen Fall mehr missen. Jeder von uns hat seine Aufgabe. Alles entsteht zusammen. Es entlastet mich. Gerade der Bass auf dem neuen Album ist unglaublich. Ich habe keine Linie davon geschrieben. Ebenso gestaltete es sich diesmal mit dem Schlagzeug. Martin hat für sich alle Parts auf mein Orchester komponiert. Herausgekommen ist eine CD mit unterschiedlichen Momenten, auf die sich jeder einzelne von uns eingelassen hat beziehungsweise im Vorfeld darauf reagiert hat. Dahingehend bedeutet es für mich auch im Stress produktiv sein zu können und respektvoll miteinander umzugehen. Sicherlich besteht nicht immer ein Konsens zwischen uns. Oftmals gehen die Meinungen sogar sehr weit auseinander. Der Respekt dem Musiker aber gegenüber lässt einen anders mit Vorschlägen und Ideen umgehen.“

Fjoergyn haben gerade eine Tour hinter sich und haben den Sommer und das Frühjahr 2009 über einige Festivals gespielt, so Stephan. „Nun geben wir uns erstmal jeder dem Privaten hin. Durch die erwähnten Studioaufnahmen und eine für uns relativ enorme Anzahl von Konzerten, zehrte 2009 ganz schön an uns, weshalb wir dieses Jahr voraussichtlich keine Konzerte mehr spielen werden. Nächstes Jahr allerdings wird es noch mal interessant werden. Zuviel möchte ich noch nicht verraten, aber wir haben da noch das ein oder andere vor. Wir haben bereits wieder so einige tolle Ideen zu Spezialeffekten auf der Bühne, können diese wohl aber leider nicht in jeder Lokalität nach unseren Wünschen und Vorstellungen gänzlich umsetzen.“

2010 wird ohnehin sehr spannend für diese Gruppe, wie Stephan mich mit beinahe konspirativem Stimmklang noch wissen lässt: „An Samhain werden wir dazu mehr verraten. Dieses Jahr heißt es nachfolgend nun erstmal ausspannen. Dahingehend ist es mir auch das Wichtigste, meinem Privatleben mal wieder intensiver nachzugehen. Der Rest der Band tut dem soweit ich weiß gleich. Eckbert, wie immer habe ich Dir zu danken. Wir haben das erste Fjoergyn-Interview damals zusammen gemacht und ich freute mich über jede einzelne Frage, die den Sinn hinter unserer Musik zu fassen versuchte. Nun, fast fünf Jahre später, hat sich nichts geändert. Dein Enthusiasmus der Kunst gegenüber sprüht aus Dir heraus, dass es jedem Protagonisten eine wahre Freude ist, mit Dir über Möglichkeiten der Interpretation zu sprechen. Im Weiteren danke ich unseren Fans, unseren langjährigen Freunden und den Musikern beziehungsweise Kräften um mich herum, die „Jahreszeiten“ möglich und hörbar gemacht haben. Dankeschön!“

© Eckbert, 25.10.2009

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