Interview: FESTUNG NEBELBURG
Titel: Aus dem Bauch heraus

Unter dem überdachenden Signum namens Festung Nebelburg agiert ein von riesiger Hingabe beseelter Musikant aus der niederbayerischen Region. Jüngst machte dieser Waldwanderer auch als neuer Tieftoner bei den erfolgreichen Pagan Metal-Senkrechtstarten Wolfchant von sich reden.

Bei Festung Nebelburg werkt er mit dem Künstlerpseudonym Nattulv und der Naturverbundene lässt seine größtenteils überaus dynamischen Klangstürme hier mit einer ungewöhnlichen stilistischen Vielfalt einher wehen. Prägende Einflüsse bezieht der der komponierfreudige Multiinstrumentalist und Gesangsmann hauptsächlich aus dem Pagan Metal – doch auch rockigere Gestaltungsvarianten finden Einzug in den kreativen Kosmos des Idealisten aus dem malerisch-idyllischen Gebiet des Bayerischen Waldes. Da mir sein aktuelles Debütalbum „Gabreta Hyle“ sehr zusagt, war meine Freude über Nattulv´s Bereitschaft zum Zwiegespräch entsprechend groß.

„Festung Nebelburg entstand aus einem früheren, Ende 2004 gegründeten Projekt namens „Nordfrost“, das ein Freund und ich betrieben. Früh zeigte sich aber, dass er und ich andere musikalische Vorstellungen hatten und so beschloss ich, Nordfrost alleine weiterzuführen. Die Musik Nordfrosts unterschied sich noch deutlich vom Stil der Nebelburg, war sie doch sehr Punk/Oi!-lastig. Auch vom textlichen Standpunkt her war Nordfrost wenig ausgereift, Hauptthematik war größtenteils die allseits bekannte und beliebte nordisch-germanische Mythologie. Allzu tief greifend waren die Texte in der Anfangszeit Nordfrost´s nicht, Glaube und Brauchtum unserer Vorfahren wurden eher oberflächlich betrachtet. Erst Ende 2005 mischte ich auch Metal und etwas Folk in den Nordfrost-Stil, gleichzeitig nahm ich mir die Natur in den verschiedenen Jahreszeiten als Textinspiration“, erläutert Nattulv.

In aller Expliziertheit geht es weiter:

„Einige Monate später war die Musik dann mit dem vorherigen Nordfrost-Konzept unvereinbar geworden und ich suchte nach einem neuen Namen. Da ich mittlerweile auch plante, Sagen aus meiner Heimat, dem Bayerischen Wald, zu vertonen lag die Idee nicht fern, einen Namen, einen Ort oder eine Stelle, die hier im Bayerwald liegt, als Namensgeber zu verwenden. Drei Kilometer von meinem Haus entfernt befindet sich die Burgruine Weißenstein, die, so könnte man meinen, thronend über meiner Heimatstadt Regen liegt. Fasziniert war ich von diesem ehrwürdigen Gemäuer schon seit Kindestagen und so wurde mir bald klar, dass dieses weithin sichtbare Bauwerk mich zu einem neuen Projektnamen inspirieren würde. Eines Tages dann, es war wieder einmal recht regnerisch hier im „Woid“, stieg der Nebel droben in Weißenstein auf und die Burg wurde mehr und mehr von ihm verhüllt. So kam dann der Projektname Festung Nebelburg zustande. Das ganze klingt wie aus einem Märchen entnommen, aber es entspricht der Wirklichkeit.

Seit der Umbenennung war dann auch für ihn vollends klar, in welche stilistische Richtung er künftig gehen wollte: „Musikalisch sollte es eine melodische Mischung aus Black Metal, Rock und stellenweise Folk werden. Textlich wollte ich vor allem unsere Waldsagen, unsere Natur hier im Bayerischen Wald und das Brauchtum unserer Vorfahren behandeln. Bisher haben sich meine Richtlinien bezüglich Festung Nebelburg nicht verändert und diese wird sich auch morgen oder übermorgen noch nicht verändert haben. Im Mai 2007 war dann genügend Festung Nebelburg-Material zusammen, um ein erstes Album zu veröffentlichen und so versandte ich einige selbst gebrannte Promotion-Scheiben an diverse Labels. Ich war sehr überrascht als ich ausschließlich positive Rückmeldungen erhielt und Labels mir die Zusammenarbeit anboten. Schlussendlich habe ich mich dann für Blood Fire Death-Productions entschieden, da ich die Betreiber persönlich kenne und schätze. Aus dieser Zusammenarbeit heraus resultierend wird mein Debüt-Album „Gabreta Hyle“ im Oktober 2007 auf diesem Label erscheinen.“

Obwohl die lyrischen Inhalte seiner musikalischen Kreationen alles andere als lichtreligiös sind, benutzt Nattulv den Ausdruck „heidnisch“ kaum. Wir erfahren dazu: „Das Wort kommt ja jetzt immer mehr auf, anfangen kann ich damit aber trotzdem irgendwie nichts. Auch ist das Wort durch die großen Weltreligionen negativisiert worden, weil ihnen nicht kontrollierbare Glaubens-, Verhaltens- und Denkweisen wohl zuwider waren. Ein direktes Äquivalent fällt mir momentan leider nicht ein, aber ich würde sagen, „heidnisch“ bedeutet für mich, „aus dem Bauch heraus“, ohne aufgesetzte Muster zu denken und natürlichen Wertvorstellungen zu folgen, die einem gesunden Menschen eigentlich seit Anbeginn innewohnen, insofern er seinen Geist nicht unter Wasser setzen hat lassen. Einem wahren „Heiden“ unterstelle ich also, ein mündiger Mensch zu sein – ganz anders wie die Massen in unserer Gesellschaft, die das Denken anderen überlassen. Selbiges gilt dann auch für meine Musik, sie ist ohne Zweifel Bauchmusik, die für sich allein stehen kann, ohne andauernd mit der Musik anderer Gruppen verglichen zu werden. Ich habe oft Bilder im Kopf, Bilder von der Natur, von alten Zeiten und dazu gleichzeitig Gefühle im Bauch. Meine Musik und die Texte sind einfach der bestmögliche hörbare Gefühlsausdruck, den ich geben kann. Beim Komponieren mache ich mir auch keine Gedanken über einen Art „Abgehfaktor“, den eine standardisierte Hörerschaft vielleicht erwartet. Einzig und allein mein Gefühl spielt dabei eine Rolle. Somit ist mein Antriebsmotor das, was ich empfinde, wenn ich alte Sagen lese, in der Natur bin oder in den Tag hinein träume. Ich möchte mein Inneres einfach ausdrücken. Wenn diese Ausdrücke dann noch dem einen oder anderen gefallen, ist das Ganze in meinen Augen doch eine runde Sache.“

Wie sich sein Musikstil letztlich genau heraus gebildet hat, ist für den Niederbayern schwer zu beschreiben. Er versucht es trotzdem: „Ein Faktor ist wahrscheinlich, dass ich ja den lieben langen Tag nicht nur Metal höre. Ich denke, man muss sich nur ein einziges Festung Nebelburg-Lied anhören und kann am Ende mehrere beteiligte oder abgedeckte Stilrichtungen herausfiltern. Ich habe mich immer schon schwer getan, meine Lieder – seien es die von Festung Nebelburg oder von anderen Bands, in denen ich am Kreativprozess beteiligt bin oder war – stiltreu zu halten. Das ist auch irgendwo gar nicht mein Ding, „pure“ Musik können andere besser machen als ich. Bei mir waren immer schon verschiedene Stile gleichzeitig beinhaltet. Ich komponiere ohnehin nicht bewusst, ich lasse das ganze eher fließen, sozusagen. Am Ende steht dann eben ein Lied, das ich in mir mit einer gewissen Thematik verbinden kann, einzig und allein das zählt. Somit bleibt diese Frage nach der Entstehung meines Musikstils größtenteils unbeantwortet.“

Seit es Festung Nebelburg gibt, haben sich die Ziele jedenfalls nicht verändert. „Mit Nordfrost wollte ich klingen wie Gruppen, die ich selber zu der Zeit gerne hörte. Gelungen ist mir das im Prinzip nie. Irgendwann ist mir dann eben ein Licht aufgegangen und mir wurde klar, dass nur Eigenständigkeit und ein bestimmter Wiedererkennungswert einem Projekt Leben und Relevanz einhauchen. Das Ziel wurde klar, nämlich Musik zu machen, die sich nicht einfach selbst verliert, weil viele andere Bands genauso klingen. Somit ließ ich dann mit Festung Nebelburg die Lieder musikalisch und textlich individueller werden und begann, mich immer weniger um Unkenrufe und übereifrige Kritiker meiner anfänglichen Lieder zu scheren. Auch wenn Festung Nebelburg wohl nicht die Tasse Tee von jedem ist, bin ich bisher recht zufrieden.“

Es hat sich doch eine ganze Menge getan in den letzten Jahren in der deutschen Heidenmetall-Szene, und leider geschah dies überwiegend zum Negativen hin. Ich erkundigte mich also bei Nattulv, wie er persönlich zur „Szene“ und ihren immer umfangreicher werdenden Verwässerungen steht. Dieser winkt lässig ab: „Ach, weißt du, die Zeit, in der ich irgendeiner Szene zugehörig sein wollte, liegt fünf bis sechs Jahre zurück. Jetzt bin ich 20. Alt fühle ich mich selbstverständlich nicht, aber ich bin erfahren genug, um für mich selbst zu stehen. Somit muss ich zugeben, dass mich Szenen und ihre Probleme nicht allzu stark berühren. Klar ist die Pagan-Szene theoretisch eine schöne Sache, dass sich so viele junge Leute auf ihre Wurzeln zurückbesinnen und sich wieder als Teil der Natur sehen. Doch wie gesagt, theoretisch. Praktisch sind wohl nur einige wenige wirklich von diesem Weg überzeugt, wie man beispielsweise auf Festivals sehen kann, auf denen auch viele „Heidenmetaller“ zu faul sind, ihren Abfall in den Müllsack oder in den Mülleimer zu stopfen. Für mich persönlich bleibt nur zu hoffen, dass die Theorie dieser Szene ein paar Leute innerlich prägt, die später dann bereit sind, ein wenig Vorbild zu sein für die, die nach uns kommen und vorleben, wie sich ein Mensch, der auch so genannt werden darf, zu verhalten hat. Allgemein zählt für mich die Beschaffenheit des einzelnen Menschen mehr, die sich im Gespräch und in seinen Handlungen offenbart. Da ist es mir ganz gleich, ob der dann am Ende Pagan-Metaller, Radsportler oder passionierter Taubenzüchter ist. Im Endeffekt zählt nur die Seele und der Respekt vor der Umwelt.“

Nachfolgend philosophieren wir beide auch über den noch immer anhaltenden Pagan Metal-Trend, welchen sich leider auch die vornehmlich am Zivilisationsgötzen Mammon interessierten Musikgeschäftemacher des Untergrunds massiv zu Nutzen machen. Nattulv lässt hierzu verlauten:

„Ich bin mir sicher, dass dieser Trend bald abflauen wird. Ich denke sogar, dass der Höchstpunkt bereits überschritten ist, was man daran merkt, wie unbeliebt mittlerweile Klischeebands und ihre eben noch eher unreifen, rumhopsenden Anhänger werden. Mir ist aber auch gar nicht schade drum, die Gruppen, um die sich danach kein alter Hund mehr kümmert, die waren tief drinnen im Bewusstsein der Leute wohl nie wirklich relevant. Man begeht eben doch nicht automatisch neue Pfade, nur weil man sich einen Mjöllnir um den Hals hängt und im Suff „Odin statt Jesus“ grölt. Ich schätze, in zwei bis höchstens drei Jahren wird sich der Pagan-Bereich dann selbst gereinigt haben von den Trend-Mitschwimmern – also den Bands und ihren Anhängern, die zwar die Edda ab Seite eins bis Ende auswendig kennen, die Lebenssicht, die dahinter steht, aber nie verstanden haben. Ob Festung Nebelburg in drei Jahren noch gehört wird, weiß ich nicht. Trotzdem hätte ich die Trennung von der Spreu lieber heute als morgen miterlebt, denn danach kann man die „Pagan-Szene“ auch wieder richtig ernst nehmen.“

Dass Pagan Metal mittlerweile in gewissen Konsumkreisen eine „Mode“ für die dumpfe Masse geworden ist, bedauern neben mir alle von denen, die es dabei ernst nehmen und auch meinen. Immer mehr wird die Meinung der breiten Öffentlichkeit in eine Richtung ferngesteuert, welche am Altertum interessierte Heidenmetaller und ähnliche ideell angetriebene Protagonisten als „Spinner“ abtut. Nattulv hingegen sieht das Ganze jedoch gar nicht mal als so drastisch an: „Diejenigen Menschen, die es ernst meinen mit ihrem eingeschlagenen Lebensweg, bleiben doch dabei und finden, aus innerem Antrieb heraus, neue Wege, um sich auszudrücken. Der große Negativpunkt hierbei ist nur, dass die unüberlegten Mitläufer mit ihren Aktionen die Menschen mit Idealen unbeabsichtigt in ein schlechtes Licht stellen können. Aber so ist das Leben nun einmal, es wird immer einen Gegenpol zu dir selber geben. Die Aufgabe des Individuums ist, dagegen anzugehen, sich neue Wege zu suchen und, vor allem, immer kreativ zu bleiben. Das ist Evolution, das hat alles Leben auf diesem Planeten vorangebracht. Wer ruht, der rostet und wer rostet, der zerfällt. In diesem Sinne sehe ich die neuen Situationen als Herausforderung, nicht als herben Rückschlag. Und inwieweit wären wir ernst zu nehmen, wenn wir vor dem „Establishment“ kriechen würden? Das ist doch gar nicht der Sinn der Sache. Dem Gefühl freien Lauf lassen, der Geist greift das Gefühl auf und versucht, die Situation zu ändern. Sicher sind Negativereignisse frustrierend, aber nie das Ende. Und man sollte immer bedenken, dass es auch unter den Mitläufern Menschen gibt, die etwas von der Theorie mit aufsaugen und dadurch vielleicht ins Nachdenken kommen.“

Dann befassten wir zwei uns eingehender mit der Erstellung von „Gabreta Hyle“ beziehungsweise zugrunde liegenden relevanten Einflüssen. Wichtig beim Entstehungsprozess seines Debüts waren für den Naturburschen die Sagenwelt des Bayerischen Waldes, die herbstliche und winterliche Natur von September 2006 bis April 2007. Das war die Zeit, in der der Großteil der Lieder entstand: „Hilfreich waren mir dabei auch die Vorstellungen, die ich mir vom Leben und der Brauchtumsausübung unserer Ahnen mache. Diese Zutaten sind ja alle miteinander verwoben, die ansässige Naturform prägt den Menschen, beispielsweise mit den Wetterumständen, und lässt ihn einen ureigenen Glauben entwickeln und sich beispielsweise Fabelwesen erdenken, die genau für diesen Fleck der Welt spezifisch sind.“

Die Liedertexte auf „Gabreta Hyle“ drehen sich wie erwähnt grob gesagt um die Waldsagen, die Natur im Lauf des Jahresrades und die Riten unserer Vorväter. Nattulv präzisiert da gerne Konkretisierendes: „Als Kind, das gesund im Bayerischen Wald aufwächst, ist man – insofern man Eltern hat, die einem auch mal den Fernseher ausschalten und einen nach draußen versprengen [lacht] gezwungenermaßen mit der Natur konfrontiert, da es hier ja keine großen Städte gibt. Ich wohne zwar nicht in einem kleinen Dorf wie meine Wolfchant-Bandkollegen, sondern in der größten Stadt des Bayerischen Waldes, genannt Regen, die es immerhin auf sage und schreibe 12.000 Einwohner bringt, aber ich muss trotzdem nicht länger als fünf Minuten gehen, um dann in wirklich lang gezogenen Wäldern zu stehen. Die Thüringer schätzen sich glücklich, im grünen Herz Deutschlands zu wohnen. Ich dafür bin noch glücklicher, unter dem so genannten Grünen Dach Europas leben zu dürfen. Da mich der Wald und die Berge schon als Kind sehr anzogen, war ich mit meinen Freunden oft draußen unterwegs und das hat mich sicherlich geprägt. Ich hab mich seit jeher als Teil des Ganzen gefühlt, nicht als etwas, was darüber steht. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass mich meine Eltern nie dazu gezwungen haben, in die Kirche zu gehen und so konnte ich tiefer in mich hinein horchen. Auf einer Holzbank zu knien und irgendwen anzubeten war mir als Drittklässler schon zuwider und unverständlich, glücklicherweise waren die Schulgottesdienste aber dann schon die einzigen Male, die mich in den letzten 14 Jahren in die kalten Christenhäuser brachten. Ich bin etwas vom Thema abgeschweift, aber ich denke, das erklärt, warum mich heute wie damals die Natur fasziniert und ich mich für unsere Vorfahren, die ungezwungen glaubten, interessiere. Weil ich gerade auf mich als Drittklässler zu sprechen kam: Ich erinnere mich noch, dass ich in meiner Grundschulzeit bei den Büchern meiner Mutter auch das kleine, schon recht abgenutzte Büchlein „Sagen aus dem Waldland“ fand. Ich mochte dieses Buch seitdem wirklich gerne und wenn es mir mal kurzzeitig abhanden gekommen war, suchte ich –ungelogen- panisch danach. Genau dieses Büchlein war auch die Hauptquelle für meine Lieder über unsere Waldsagen. Ich kann nicht sagen, warum das Buch mein Interesse weckte, aber der Grund ist wohl auch nicht wichtig. Nur über die Tatsache bin ich heute sehr froh!“

Privat hört Nattulv viel Verschiedenes, wie er mir bekennt. „Das fängt bei Gruppen wie Misfits oder The Bones an und führt dann beispielsweise über Forseti und :Of The Wand And The Moon: hin zu Combos wie Vreid oder Riger. Hier eine umfassendere Auflistung: Sturmpercht, Helltrain, Kampfar, Dark Tranquillity, Blood For Blood, Heidevolk, Blodsrit, Rise Against, Nebelung, Falkenbach, Flogging Molly, Månegarm, Glittertind, Myrkgrav, Corvus Corax, Ulver (die Akustiksachen), Volbeat, alte Schandmaul, Wintersun, Sonne Hagal, Dropkick Murphys und Angantyr, sowie die weiter oben genannten.“

Selbstverständlich fand auch das Christentum sowie seine Auswirkungen entsprechende Erwähnung in unserem weiteren Dialogskontext. Bevor diese perfide und resolute Machtmöglichkeit über die Menschheit mit Zwang global verbreitet wurde und beinahe sämtlichen einstigen Naturvölkern beziehungsweise -religionen mit einem gigantisch hohen Blutzoll der Garaus gemacht wurde, beteten die Menschen Mutter Natur ehrfurchtsvoll an. In der Moderne verschmutzen sie sie nach allen möglichen Kräften. Nattulv nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wie es enden wird? Leider bin ich manchmal auch Pessimist. Ich denke, die Umweltverschmutzung, treu dem Bibelmotto, sich die Natur untertan zu machen, wird noch einige Jahre fröhlich weiter betrieben. Da ja momentan Gewinnmaximierung auf Kosten von allem Lebenden ganz hoch im Kurs steht, ist eine Trendwende in naher Zukunft wohl noch nicht zu erwarten. Trotzdem denke ich, dass, sozusagen am Schicksalstag der Menschheit, ein Umdenken kommt. Ich schätze, da wird es eine Sekunde vor Zwölf sein, aber ich verbleibe im Glauben, dass es am Ende gut ausgehen wird. Persönlich würde ich rigorose Umweltschutzgesetze erlassen, ganz gleich, ob das unseren Lebensstandard etwas einschränken würde. Aber wäre es nicht auch ein großes Stück Zugewinn an Lebensstandard, in der Großstadt wieder atmen zu können und dort Leitungswasser ohne vorheriges Abkochen zu nutzen? Was ist, nüchtern betrachtet, schon Geld und eine teure Spritschleuder namens Auto wert – im Vergleich zu unser aller Lebensgrundlage?“

Ich hakte nach, ob mein Gesprächspartner TV-Programme konsumiert. Und wie zu erwarten, schaut dieser tiefsinnige Denker so gut wie nie in die Röhre. „Wenn ich den Apparat einschalte, dann nur, um mir eine Dokumentation anzuschauen oder eine DVD mit einem guten Film drauf anzusehen. Ganz gleich wann man einschaltet, zu 90% läuft ja einfach nur noch geistiger Dünnschiss in der Glotze. Und bevor ich mich ärgere, setze ich mich gar nicht erst davor. Ein Magengeschwür wegen Ärger kann man sich ja heutzutage überall holen, da brauch ich nicht auch noch das TV.“

Ich kam auf die lachhafte Kindergarten-Feier im Weltfangnetz namens „MySpace“ zu sprechen. Nattulv nutzt das Angebot dort: „Nun ja, ich habe sogar zwei Myspace-Konten, eines für Festung Nebelburg und eines für mich privat. Einen richtig großen Nutzen hat die Seite für mich zwar nicht, aber ich habe immerhin ein paar interessante Leute kennen gelernt, mit denen ich gerne über die Welt diskutiere. Außerdem mag ich die „Bulletin“-Funktion, ein schwarzes Brett sozusagen. Man bekommt von einigen Dingen Wind. Heute erst hab ich darüber gelesen, wie stark im Kommen abartiger Robbenfangtourismus in Norwegen und Kanada ist. So etwas verbreite ich gern weiter, dass auch die chronischen Wegseher mal mit solchen Dingen konfrontiert werden und damit es allgemein publik gemacht wird.“

Erfolg mit seinem Projekt Festung Nebelburg stellt für den Niederbayern dar, wenn er nach Vollendung eines Werkes – wie eben jetzt „Gabreta Hyle“ – zufrieden sagen kann, etwas seinen Gefühlen nach ausgedrückt zu haben.

„Und auch, etwas dafür getan zu haben, dass unser Kulturerbe nicht in Vergessenheit gerät. Selbstverständlich freut es mich umso mehr, wenn das auch bei anderen, geistig mündigen Menschen Anklang findet.“

Ich war neugierig, ob dieser Überzeugungstäter sich dann und wann stilvoll besäuft, wie es in diesem musikalischen Bereich durchaus üblich ist. Auch wollte ich von ihm wissen, welche Biersorten er Freunden hochwertiger Hopfenerzeugnisse empfiehlt. Zur Sache:

„Ich trinke schon öfters gerne einen über den Durst. Zur entmenschten Alkoholvergiftung ist es aber noch nie gekommen, auch gehen konnte ich immer noch. Komasaufen finde ich einfach abartig. Ich sehe das wirklich als armselig und erbärmlich an, wenn sich Leute nicht mehr rühren können, nur weil sie nicht wissen, wann sie ihre persönliche Grenze erreicht haben. Man muss wissen, wann man aufhören soll. Unter der Woche trink ich hin und wieder ein Bierchen. Am liebsten aber am Wochenende in geselliger Runde mit meinen Freunden in unserem Stammwirtshaus hier in Regen, da darf´s dann auch, nach ordentlicher Mahlzeit, schon mal mehr werden. [grinst] Mein Lieblingsbier ist, ganz lokalpatriotisch, Bier von der Privatbrauerei J.B. Falter aus Regen. Aber ich mag auch andere Sorten wie Augustiner Edelstoff. Als wir mit Wolfchant in Ostdeutschland gespielt haben, war ich ganz überrascht von diesem Sternburg. Das soll ja eher so ein Billigbier sein, dafür hat es aber ganz gut geschmeckt. Abraten kann ich vom Kitzmann-Bier, das man gern in Franken trinkt. Davon habe ich übles Kopfweh bekommen.“

Im Folgenden befassen wir uns mit „modernen“, Geist und Körper zerstörenden Drogen, welche leider immer noch mehr überhand nehmen. Meiner Ansicht nach kann man sich angesichts der immensen globalen Verbreitung solcher chemischen Rauschmittel von der naiven Vorstellung verabschieden, diese würden ausschließlich in schäbigen Hinterhof- beziehungsweise Wellblechhütten-Labors hergestellt. Nattulv sieht moderne Drogen zu Recht als schleichende Seuche.

„Drogenmissbrauch hat sich ja mittlerweile in die besten Familien eingeschlichen, man muss also sehr aufpassen, nicht an die falschen Leute zu kommen. Dreck wie Koks gehört ja bei vielen Diskogängern heute schon zum guten Ton. Mir persönlich ist das unverständlich, wie man sich damit so zuballern kann, wo doch wirklich schon jedes Kind weiß, wie schwer es ist, davon wieder loszukommen. Als wir in Spanien auf Abi-Fahrt waren, hab ich in unserem Hotel einige Engländer getroffen, die ganz offen und dabei grinsend zugaben, dass sie Speed- und Extasy-abhängig wären. Da hatte ich erstmal einen Kloß im Hals. Für mich sind Leute, die Drogen nehmen, immer ganz weit weg und umso mehr hat es mich verwundert, wie die mir nix dir nix das einfach ausplaudern. Jeder muss es selber wissen, was er sich antut. Und wer es übertreibt, den bestraft das Leben oder besser, der frühe Tod. Richtig schlimm finde ich es, dass es Leute gibt, die einem bei öffentlichen Veranstaltungen in einem unachtsamen Moment mal so ein Tablettchen ins Getränk werfen. Da kann der Betroffene noch so ein sauberer Mensch sein, so etwas kann man nicht ausschließen. Einer Bekannten aus Dänemark ist das vor kurzem passiert, glücklicherweise hatte es eine Freundin mitbekommen und das Getränk weggeschüttet. Ich für meinen Teil hab noch nicht mal „leichtere“ Drogen wie Joints probiert, warum auch? Wenn ich so was bräuchte, um lustig oder glücklich zu sein, dann wäre das Leben ohnehin nicht mehr lebenswert.“ Weise gesprochen.

Die moderne dekadente globale Wohlstandsgesellschaft lässt sich ja nur zu gerne von Außen vorschreiben, wie sie zu leben und zu denken hat. Das scheint bequem zu sein. Doch werden die Menschen dabei auch immer unglücklicher und von sich selbst entwurzelter. Doch findet bei nicht wenigen auch ein Denk-Umkehrprozess statt. Der Festung Nebelburg-Musikus spricht hierzu:

„Dass das Tatsache ist, bemerkt man ja, wie viele Menschen sich heutzutage von dieser nur oberflächlich reinen Gesellschaft abwenden. Der Staat schikaniert die Armen, seien es Obdachlose oder allein erziehende Mütter und lässt die, die ohnehin schon im Geld schwimmen, fröhlich wie die Made im Speck nagen. Wo bietet so eine Gesellschaft oder noch besser, die Kirche, halt? Traurig, aber kein Wunder, dass sich die Leute beispielsweise den Rattenfängern großer Sekten zuwenden oder sich bis aufs Hemd verschulden. Aus dem Vatikan dröhnt es immer wieder, wie schändlich Verhütung sei. Nur bezweifle ich, dass sich einer dieser Kardinäle dort einem Kind annehmen würde, das seine Mutter kaum sieht, weil sie momentan gerade noch in ihrem zweiten Nebenjob versucht, Geld zu verdienen, um das Kind und sich selbst einigermaßen über Wasser zu halten. Sicher war das jetzt ein überspitztes Beispiel, aber ich glaube, dass sich das in Deutschland oft abspielt. Wichtig wäre Solidarität unter den Leuten, abgewandt von Kirche und Staat, dann würde man wohl wieder so manche Eigenheit entdecken, die in uns vor 15 Jahrhunderten ins Bett gebracht wurde und seitdem schlummert. Diese Solidarität würde auch verdientermaßen den „Tod“ der jetzigen Gesellschaft bedeuten.“ Eine Vorstellung von nicht unerheblichem Reiz.

Selbstverständlich kann der globalen Gleichmachung aber Einhalt geboten werden, so Nattulv im Weiteren. „Eine Veränderung wurde nie in einer Masse heraufbeschworen, anfangs waren es immer einige wenige mit neuen Ideen, die anderen die Augen öffneten und ihnen vorlebten, wie man es richtig oder zumindest anders machen kann. Das gleiche gilt jetzt auch noch. Man muss den „Blinden“ das Augenlicht zurückgeben und durch das eigene Beispiel veranschaulichen, dass es auch anders geht und man nicht wie alle anderen sein muss. Es widert mich zutiefst an, wie die „Global Players“ immer mehr die Machtzügel des Globus an sich reißen. Man sieht ja, wie im Zuge der Wirtschaft, Gleichmacherei und der Gewinnmaximierung Menschen entrechtet und liegengelassen werden. Sei es der Deutsche, dem die Runen mit wackliger Begründung verboten werden. Sei es der Chinese, dessen Dorf neben hunderten anderen niedergerissen wird, weil ein neuer Staudamm her muss. Sei es in den USA, wo die heute noch lebenden Indianer in Reservaten leben müssen und sich dem Alkoholismus hingeben, weil sie sich in der Gesellschaft nicht mehr zurecht finden. Sei es in Afrika, wo sich wegen den Ölkonzernen die Menschen gegenseitig an die Gurgel gehen. Die Globalisierung und die „One World“-Politik bringen dem Planeten Schlechtes.“

Eine traurige Misere von immensem Ausmaß, vor der man sich nicht verschließen kann beziehungsweise sollte. Momente im Leben, an denen es nicht mehr weiterzugehen schien, machte der Multiinstrumentalist daher schon oft durch, wie er mir in aller Ehrlichkeit offenbart. Er spricht mir aus der Seele:

„Ja, solche Momente gab es schon oft. Gerade, wenn man sich eben nicht der Masse zugehörig fühlt, kann es passieren, dass man sich verlassen und einsam fühlt. Man meint, man würde mit seinen Idealen und seinen Hoffnungen alleine stehen und nichts verändern können. Das ändert sich aber, wenn man sich darauf besinnt, dass es, trotz allem, überall in diesem Land und auf diesem Planeten Menschen gibt, die ähnlich denken wie du, die vielleicht sogar das gleiche denken wie du. Man ist nie allein, auch wenn es manchmal so scheinen mag. Das spendet neue Kraft.“

Doch es lohnt, Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen – in diesem Punkt waren wir zwei uns absolut einig: „Ich möchte diese Frage mit einem Textauszug eines Festung Nebelburg-Liedes beantworten, das auf „Gabreta Hyle“ keinen Platz mehr gefunden hat und erst auf der nächsten Veröffentlichung erscheinen wird: „Nichts ist ewig, nichts lebt für immer, alles legt am Ende ab den Schimmer.“ Kein Zustand bleibt ewig, kein König behält für immer die Krone. Der Wandel ist das Einzige, was ewiglich ist. Überträgt man dies auf die Dinge, die uns heute stören, wissen wir, dass eine Veränderung morgen nicht unmöglich ist.“ Man hofft das Beste.

Ich bedanke mich abschließend aufs Herzlichste für das Interview und wünsche Nattulv viel Erfolg bei seinen musikalischen (Un)Taten und viel Lebensglück. Die letzten Worte überlasse ich ihm.

„Auch ich möchte mich bei dir bedanken für dieses alles andere als oberflächliche Interview, das auch mich selbst wieder zum Nachdenken angeregt hat. Vielen Dank auch für die Glückwünsche, ich kann sie nur erwidern! Ich hoffe, die Leser hören mal bei Festung Nebelburg rein und bilden sich eine ehrliche Meinung. Diese würde ich dann auch gerne mitgeteilt bekommen. Ansonsten bleibt nicht mehr viel übrig als alle zu grüßen, die mich zumindest ein bisschen verstehen und mein Denken und Fühlen nachvollziehen können! Grüße aus dem Bayerischen Wald! We All Lie In The Gutter But Some Of Us Are Looking At The Stars!“

© Eckbert, 11.07.2007

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