Interview: FALKENBACH
Titel: Herrliche Heidenhymnen

Während sein damalig in entsprechenden Kreisen großes Aufsehen erregendes 1996er Debütalbum „En Their Medh Riki Fara“ ein beherzter Angriff zu sein schien, mutete sein zwei Jahre später erschienenes Werk „Magni Blandinn Ok Megintiri“ hingegen wie ein stolz erkämpfter Triumph an. Ehrfürchtige Rede ist hier natürlich von Vratyas Vakyas, dem hinter Falkenbach stehenden Düsseldorfer Ausnahmekünstler. Dessen ausgeprägt geniale Gabe besteht darin, erhebend heroische Melodik mit majestätisch inszeniertem, wikingischen Metal ins mächtig epische Kombinat zu bringen.

Solcherlei Können hauchte auch den neuen Stücken des dritten Albums „Ok Nefna Tysvar Ty“ wieder faszinierendes Eigenleben ein. Und schienen vorherige Alben wie eine Attacke mit nachfolgendem Sieg zu sein, mutet „Ok Nefna Tysvar Ty“ nun wie das überlegene Auskosten des bisher Erreichten an. Spielte Vakyas sowohl „En Their Medh Riki Fara“ als auch „Magni Blandinn Ok Megintiri“ noch im Alleingang ein, standen dieses Mal drei musikalische Mistreiter zur Seite, welche ansonsten in der Band Vindsval agieren.

Seine persönlichen Erwartungen an dieses neue Album waren vor den Aufnahmen so hoch wie nie zuvor: „Es lagen nahezu sechs Jahre zwischen `Magni Blandinn Ok Megintiri` und dem neuen Album. Es war mir sehr wichtig, das Material diesmal möglichst optimal umzusetzen – was auf beiden vorherigen Alben leider nicht möglich gewesen ist. Zunächst traf ich daher die Entscheidung das Studio zu wechseln, und zudem mit Boltthorn einen hervorragenden Schlagzeuger in die neuen Aufnahmen einzubinden. Ein weiterer Aspekt war, dass die Vorbereitungen auf das neue Album so intensiv wie nie zuvor abliefen. Es wurde eine komplette Vorproduktion gemacht, unter anderem um sowohl Patrick Damiani von den TidalWave Studios als auch Boltthorn einen Einblick in das geben zu können, was ich mir in etwa vorstellte. Da sich im Nachhinein all diese Entscheidungen als wahre Glücksgriffe herausgestellt haben, kann man durchaus sagen dass ich mit dem Resultat sehr zufrieden bin“, weiß mir Vratyas eingangs zu berichten.

Was sein neues Werk nun nach der Fertigstellung erreicht, berührt den Meister laut eigener Aussage nur noch marginal: „Ich habe keinerlei Erwartungen, weder an den Verkauf noch an die Reaktionen der verschiedenen Magazine. Für mich war einzig und allein das Album von bedeutender Wichtigkeit – der Rest spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle für mich.“

Fünf Jahre Veröffentlichungspause sind eine lange Zeit, erst recht, wenn man als Künstler derartige Aufmerksamkeit genießt wie dies mit Falkenbach der Fall ist. Vratyas zieht eine aufklärende Rückblende:

„Es ist nicht einfach zu sagen, was ich in den vergangenen fünf Jahren gemacht habe. Sicherlich hat mein Label Skaldic Art eine bestimmende Position gehabt, und ohne Frage hat es einen nicht unerheblichen Teil meiner Zeit beansprucht. Dies allein hat aber nicht dazu geführt, dass es nahezu einen Zeitraum von sechs Jahren zwischen den Aufnahmen zum zweiten und dritten Album gab. Es gab zahlreiche Gründe, die aufzuzählen zu lange dauern würde. Sicherlich wurde mir immer und immer wieder gesagt, dass eine solch lange Zeit Falkenbach schaden könnte, da Musik nach einer Weile in Vergessenheit gerät.“

Für ihn spielte dies jedoch keine Rolle, denn noch immer gibt der unbeirrbare Vratyas musikalischer Qualität absoluten Vorrang vor jeglichen kommerziellen Aspekten. „Wenn sich an Falkenbach nur noch jene erinnern, denen diese Musik auch nach sechs Jahren etwas Besonderes gibt, dann ist mir das nur mehr als Recht. In den vergangenen Jahren hat sich ohnehin vieles explosionsartig vergrößert, und Masse steht inzwischen über Qualität. Es geht mehr als je zuvor um Verkauf und Image. Ich denke eine solche Zeit nicht mit durchschnittlichen Veröffentlichungen zu füllen um abzukassieren, sondern zu warten bis alles beginnt abzuebben war eine gute Entscheidung. Ohne Frage wäre es möglich gewesen in dieser Zeit ein oder gar zwei Alben mit Falkenbach zu veröffentlichen, aber ich schätze es gab mehr als ausreichend Bands die in dieser Art und Weise agierten.“

Seine großartige musikalische Schöpfung wurde unter dem Begriff „Skaldic Art“ bekannt, was die Faszination für die Lieder Falkenbachs nur noch zu steigern wusste. Vratyas leuchtet aus: „Persönlich beanspruche ich diese Schöpfungen nicht einmal für mich selbst. Daher gebe ich ihnen nur ungern einen Namen, aber ich denke `Skaldische Kunst` kommt der Sache recht nahe. Vertriebe und Labels möchten natürlich dem Ganzen einen Namen geben, der mehr die musikalische Seite widerspiegelt – daher kommt es nicht selten vor, dass Falkenbach als Pagan-, Heathen- oder Viking Metal beschrieben wird. Mir persönlich liegt weniger an solchen Benennungen.“

Skalden sind eine Art Dichter, Musiker und Künstler in verschiedenen Kulturen mit verschiedenen Namen, wie ich anschließend erfuhr. „Ein Skalde war immer auch ein Zauberkundiger, welcher seine Kunst in Verbindung mit den Göttern und Göttinnen setzte. Runenwurf war eine Tätigkeit mancher Skalden, und sie gingen mit den von ihnen erfahrenen Dingen in Form von Reimen und Melodien zu ihrem Volk. Die Edda ist ein gutes Beispiel für Skaldenkunst.“

Nachfolgend unterhielten wir uns über das Zustandekommen der aktuellen Musikmischung auf dem neuen Album – ursprünglich gab es laut Vratyas neun Stücke für „Ok Nefna Tysvar Ty“: „Wovon aber aus zeitlichen Gründen nur sieben ihren Weg auf das neue Album fanden. `Vanadis` ist ein sehr altes, überarbeitetes Stück, welches in seiner ursprünglichen Form nicht einmal halb so lang und wesentlich rauer war. `...As Long As Winds Will Blow...` entstand recht kurz nach dem zweiten Album, kann daher aber auch schon etwa auf vier bis fünf Jahre zurückblicken. `Farewell` ist etwa ein Jahr später entstanden. Das Stück `Donar´s Oak` ist das wohl älteste Stück auf diesem Album, und soweit ich mich erinnere habe ich es erstmals vor ca. zehn Jahren für ein Demo eingespielt. `Aduatuza` hingegen ist das neueste Stück auf diesem Album. `The Ardent Awaited Land` stellt für mich in seiner jetzigen Form ein nahezu vollkommen neues Stück dar, weshalb der Titel auch leicht abgeändert würde. Es zeigt in welcher Form Dinge sich verändern können ohne ihre Kraft, ihre Aussage und Wurzeln zu verlieren. Vielleicht stellt es sogar mehr als sein Vorgänger seine wahre Natur dar. `Homeward Shore` ist ein Stück, welches eigentlich bereits auf dem `Fireblade`-Album vertreten sein sollte. Die beiden fehlenden Stücke des neuen Albums waren zum einen ein Stück aus der Zeit, in welcher auch `...As Long As Winds Will Blow...` geschaffen wurde, zum anderen ein weiteres Stück vom `Fireblade`-Album.“ (Das zuletzt genannte „Fireblade“-Album wurde jedoch nie veröffentlicht; A.d.A.)

Im Weiteren drehte sich unser erbaulicher Dialog um die gegenüber den Albumvorgängern etwas modifizierte Stilistik des neuen Werkes – und inwiefern „Ok Nefna Tysvar Ty“ die musikalische Ausrichtung Falkenbachs für die Zukunft vorgibt. Für Vratyas ist das sehr schwierig zu sagen: „Zum einen mache ich mir sicherlich niemals Gedanken darüber, auf welche Art und Weise ein Stück zu sein hätte – auf der anderen Seite steht es auch ohnehin nie fest, ob Falkenbach weiterhin aktiv sein wird für die Öffentlichkeit oder nicht. Eine Idee entsteht mit Sicherheit nicht im Kopf desjenigen, der sie letztlich verwendet. Ich selbst empfinde mich nicht als Komponisten, sondern mehr als jemand, der maximal die bereits fertigen Melodien arrangiert und in eine passende Form bringt um sie umsetzen zu können. Daher stellt sich mir die Frage nach der Zukunft Falkenbachs nicht.“

Wie er dann bekennt, hofft mein Gesprächspartner, dass sich möglichst viele Menschen mit seinen Texten auseinandersetzen. Vratyas blickt zurück: „Die Vergangenheit hat leider gezeigt, dass dies nur sehr selten der Fall ist. Falkenbachs Texte haben verschiedene Aussagen. Zum einen jene an der Oberfläche, welche meist eine recht triviale Geschichte ergeben, die sehr auf Gefühlen und Traditionen basiert, zum anderen jene zwischen den Zeilen, wobei hier Dinge wie Zahlenmystik eine große Rolle spielen, aber auch Sinnbilder, die im Grunde den Text in ein mythologisches Licht tauchen. Ich würde mir wünschen, dass die Leute versuchen diese Inhalte zu erfassen und so zu erkennen, wofür Falkenbach steht.“

Letzteres brachte mich auf die Frage, wofür der aktuelle Albumtitel steht. Mit einem hochinteressanten Statement gibt mir Vratyas Antwort: „`Ok Nefna Tysvar Ty` ist, wie auch schon die beiden vorherigen Albumtitel, ein Zitat aus der Edda. Es bedeutet übersetzt `and call Tyr twice`, beziehungsweise `und rufe zweimal (zu) Tyr`. Der dazugehörige Vers lautet: `Siegrunen schneide, willst Sieg Du erlangen, ritze sie in des Schwertes Griff, auf die Seite und des Schwertes Klinge, und rufe zweimal zu Tyr.` Ich denke und hoffe, der Sinn dahinter erschließt sich damit auch ohne weitere Details.“ Wir gingen in diesem Kontext zu den aktuellen Songtexten über. An den grundsätzlichen Inhalten seiner Lyrik bei Falkenbach wird sich nie etwas ändern – wie Vratyas nun entschlossen offenbart. „Es geht auch diesmal um sogenannte `heidnische` Traditionen, die Kulturen und Mythologien. Falkenbach ist, wenn man es so ausdrücken möchte, auf religiöse Aspekte ausgelegt. Dabei geht es keineswegs ausschließlich, auch nicht in der Mehrheit um wikingische Themen, sondern um West- und Nordgermanisches Erbe allgemein. Die neuen Stücke handeln so beispielsweise an einigen Stellen von den Tenkterern, einem Volksstamm, welcher einst in der Gegend beheimatet war in der ich lebe.“

Das ist bekannter Weise Düsseldorf, wie man weiß. Wenig bis gar nichts weiß man jedoch über die hinter Falkenbach stehende Person Vratyas Vakyas selbst. Dem geht und ging es laut eigener Aussage auch nie darum, sich selbst in den Vordergrund zu stellen, ein sympathischer Charakterzug. Daher: „Ich denke über mich als Menschen sollte nicht viel geredet werden in Bezug zu Falkenbach. Falkenbach hat nicht den Sinn meine Persönlichkeit bekannt zu machen. Falkenbach steht für sich selbst, die Musik, die Texte und alle anderen Informationen im Booklet sagen alles aus, was notwendig ist um zu verstehen was mitgeteilt werden soll. In meinen Augen stellt sich die Frage nach der Person hinter einer Musik nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Musik als Ziel hat, Inhalte zu vermitteln, anstatt Personenkult zu betreiben, wie es meist der Fall ist. Bisher habe ich auch darauf verzichtet, Fotos von mir in Verbindung mit Falkenbach zu veröffentlichen, eben aus den genannten Gründen. Dies wird sich zwar voraussichtlich alsbald ändern. Jedoch werden auch diese Fotos dann Falkenbach und seine Aussage, seine Inhalte im Mittelpunkt haben, eine gewisse Atmosphäre beschreiben, in der ich zwar ein Teil des Ganzen sein werde, aber nicht der Grund für das Bild als solches.“

Mit dem überragend atmosphärischen Cover-Artwork erhielt „Ok Nefna Tysvar Ty“ erneut eine anspruchsvolle optische Hülle, welche bestimmt nicht nur dem Verfasser dieser Zeilen enorm zu gefallen weiß. Ich werde bestätigt: „Es war eines von drei Gemälden welche zur Auswahl standen. Ich bin damit ausgesprochen zufrieden und denke, es stellt all das dar was nötig ist. Es stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde von einem gewissen C. Morgenstern erschaffen.“

Wie sich anschließend herausstellte, beschäftigt sich Vratyas primär mit den Bands, welche er durch sein eigenes Label Skaldic Art unterstützt. Rivendell ist eine der Bands, deren neues Album er sich immer wieder anhört. „Ebenso das letzte Album von Menhir oder das Vindsval-Album. Wobei ich hier auch Teile des neuen Materials, welches noch nicht veröffentlicht, mit einschließe. Daneben gibt es trotz aller Zweifel noch eine Reihe sehr guter Bands im sogenannten Underground, welche bisher `nur` durch Eigenproduktionen aufgefallen sind – welche ich aber jederzeit dem Großteil aktueller CD-Veröffentlichungen vorziehen würde.“

Der Düsseldorfer Künstler gibt zu, dass er dem Thema Naturverbundenheit außerhalb seiner kreierten Musik „eigentlich überhaupt nicht“ frönt. Gelegentlich unternimmt er Streifzüge durch Wälder, macht manchmal Ausflüge ans Meer – aber meist fehlt Vratyas dazu leider die nötige Zeit, wie er beteuert. Was viele interessieren dürfte: Der Name Falkenbach hat weder etwas mit dem Namen eines Ortes, einer Stadt oder einer Person zu tun, wie der Düsseldorfer weiter ausführt: „Trotzdem trägt er einen Sinn in sich, der mir sehr viel bedeutet, der jedoch im Detail meiner Meinung nach niemandem näher gebracht werden sollte.“

Anschließendes Interviewthema war eine evtl. zukünftig aufgeführte Bühnenshow – zu dieser besteht laut Vratyas Hoffnung. „Es ist durchaus denkbar, dass es mittelfristig einen oder zwei kleine Auftritte geben könnte. Ein passendes Line Up bestünde jedenfalls theoretisch bereits zu einem Großteil, und die ausgewählten Leute wären dazu bereit. Allerdings wäre es meiner Meinung nach nicht angebracht, gleich eine Tour in Angriff zu nehmen, oder Festivals zu spielen. Diese ein bis zwei kleinen Auftritte würden wahrscheinlich hier in der Gegend bei mir stattfinden, in kleinen Sälen, möglichst mit geladenen Gästen, oder zumindest mit begrenzter Stückzahl, was die Gäste betrifft. Es würde jedenfalls kein großes Aufsehen darum gemacht werden hinsichtlich Bekanntmachung über Magazine etc. Sollte es soweit kommen, wird es auf www.Falkenbach.de und www.SkaldicArt.de bekannt gemacht werden.“

Zum Schluss teilte der Meister seine musikalischen Zukunftspläne mit: „Ich plane nie was als nächstes geschehen soll, wenn es um Falkenbach geht, denn das ist schlicht unmöglich. Die Dinge kommen und gehen wie es für sie bestimmt ist. Eventuell werde ich in nächster Zeit gemeinsam mit Hagalaz von der Band Vindsval einige Stücke aufnehmen, wobei es sich dabei aber nicht um ein Projekt handelt, von dem sicher wäre dass es einmal veröffentlicht wird. Ansonsten gibt es nichts Kreatives was geplant wäre.“

© Eckbert, 09.09.2003

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