Interview: ENSLAVED
Titel: Im eigenen Kreislauf

Die Anzahl von Bands aus dem extremen Metal-Metier, denen es trotz massiver stilistischer Modifikationen gelingt, ihre Fans über Jahre hinweg bei der Stange zu halten, kann wohl ein stark alkoholkranker Sägewerksgehilfe an der rechten Hand abzählen. Enslaved aber gehören zu dieser seltenen Art von musikalischen Konstanten, das steht fest.

Auch mit ihrem nagelneuen Studio-Langspieler „Vertebrae“. Und mit diesem wagen sich die Norweger Psychedelic Dark Metal-Innovatoren um Tieftoner, Front-Barde und Bartmann Grutle Kjellson in noch tiefer liegende Dimensionen ihrer ohnehin bereits ausgeuferten kreativen Route vor. Enorm detailfreudig durchdachte Progressivität dient dem erfindungsfreudigen Quintett dabei auf seiner neuen künstlerischen Expedition wiederholt als bewährter täuschungssicherer Kompass.

Warum der schöpferisch so fest miteinander verschworene Männerbund an seinem bewusst nonkonformen Mix aus obskur erklingender 70er Rock-Attitüde, Pink Floyd, Joe Satriani und Enslaved selbst nach wie vor so derart eisern festhält, das und mehr verriet mir Gitarren-Virtuose Ivar Bjørnson.

„Die neue Platte ist schlicht gesagt eine exakte Weiterführung dessen, was wir mit dem 2006er Vorgängeralbum `Ruun` begannen. Begonnen haben wir den Kompositionsprozess diesmal mit den Lyriken beziehungsweise dem textlichen Konzept, darum herum wurde dann die Musik an sich geschrieben. Zwar bewegen wir uns aktuell noch immer thematisch in der alten nordischen Mythologie, doch ließen wir für die neuen Songs mehr Persönliches denn je zuvor einfließen“, erörtert der gewohnt entspannt plaudernde Klampfer.

Und auch die psychologischen Aspekte beziehungsweise Erlebnisse und Sichtweisen der Beteiligten wurden dabei ganz bewusst nicht ausgeklammert, so Bjørnson.

„Ja, und dies verdeutlichen wir bereits mit dem Albumtitel und dem dazugehörigen Frontcover – es zeigt den Hauptknochen der menschlichen Wirbelsäule, ein Bild also von großer symbolhafter Anschaulichkeit. Hauptsächlich dreht sich unsere neue Liederkollektion ohnehin um die Sichtweise unserer Welt und deren Gesellschaft, für welche man schon einiges an `Rückgrat` braucht, um sich ihr gedanklich ehrlich zu stellen.“

Mein Gegenüber freut sich nachfolgend hörbar darüber, verkünden zu können, dass Enslaved mit „Vertebrae“ sowohl musikalisch als auch produktionstechnisch erneut einen gehörigen Schritt nach vorne machen konnten. Ivar, voller Stolz:

„Ein solch angemessen klanglich aufbereitetes Album hatten wir bis dato noch nicht in den Händen – das Ganze ist diesmal einerseits verdammt nahe an unserem dynamischen Live-Sound, auf der anderen Seite wurden die vielen stimmigen und uns sehr wichtigen Atmosphären der Scheibe entsprechend hoch gewichtet hervorgehoben. Das Ergebnis ist ein Album, welches unsere ureigenen künstlerischen Intentionen vom Anfang bis zum Ende seiner Spieldauer komplett repräsentativ vermitteln kann. Für uns persönlich ist `Vertebrae` ganz ehrlich gesagt schon jetzt ein richtiger Klassiker.“

Auf eine ganz gewisse Art und Weise steht der aktuelle Auswurf demnach für den „finalen“ Enslaved-Stil, wie der Gitarrist dazu noch mit wohltuend besonnenen Worten verlauten lässt. „Irgendwie ist es ganz schön seltsam: Je weiter man als Musiker und Visionär in seinen eigenen kreativen Kosmos vordringt, ja, je weiter man sich eben zeitlich von seinen Anfängen entfernt, desto objektiver schätzt man seine eigene Kunst ein. Trotzdem, und das ist aktuell das Seltsame dabei für mich, verstehe ich aufgrund unserer `neueren` Stilistik das viel besser, was wir mit Enslaved zu Anfang der 90er musikalisch gemacht haben. Wenn ich mir heute unser altes Zeug so anhöre, entdecke ich dabei immer wieder wirklich großartige Stimmungen und Energien, die mir bis dato verschlossen geblieben sind – was ich auf diese Art nicht wahrnehmen würde, wenn wir uns künstlerisch nicht so sehr nach vorne weiterentwickelt hätten.“

Jedes Jahr der fortschreitenden Enslaved-Historie verfestigt laut erfreuter Aussage von Ivar demnach eine für ihn und die Band toll anmutende Tatsache:

„Auf den Punkt gebracht: Unsere alte Musik beeinflusst die neue, und aufgrund der neuen erfahren wir die alte neu – immer wieder herrlich zu erleben. Ein wirklich interessanter Kreislauf – welcher mich umso mehr zum inniglichen Nachdenken anregt, wenn ich bedenke, dass Enslaved selbst als Band schon bald 18 Jahre alt wird. Damit sind wir als Gruppe älter als viele unserer Fans.“

Dieser Bereich ist merklich sehr wichtig für den stämmigen Saitenkerl, er resümiert daher hierzu nochmals:

„Als wir gegen Ende der 90er damit anfingen, unserem Sound eine neue Anmut beziehungsweise ein neues Klanggesicht zu geben, bemerkten wir erstmals so richtig die hohe Relevanz der ganzen Einflüsse aus den 70ern bei uns. Und dabei manifestierten sich auch gleich all die inspirativen Eingebungen aus der Post Metal- beziehungsweise Post Core-Ecke, welche wir nur zu gerne bei uns einfließen ließen. Alles in allem kann ich als wichtigsten neueren Einfluss für Enslaved aber die 70er Jahre nennen, in dieser Dekade brachten Rockmusiker erstmals all die progressiven und psychedelischen Elemente in ihrer Musik so richtig ausgeprägt und hart zum Tragen. Wir lieben diese Zeit einfach über alles, Vieles war damals so völlig neuartig und frisch. Heutzutage vermisst man das als ernsthafter Hörer schon sehr.“ Recht hat er.

© Eckbert, 24.08.2008

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