Interview: ELUVEITIE
Titel: Ritterschlag zur Seriosität

„Das perfekte Album…“ (…) – so bewirbt das Label der verschworenen Folk Metal-Eidgenossenhorde um Kraftsänger und Heidenidealist Chrigel das neue Werk „Everything Remains As It Never Was”. Ob das nun am Ende zu hoch gegriffen oder vollauf berechtigt ist, nun, das wird sich zeigen. Eindeutig fest steht nach ersten Hörproben jedenfalls, dass nicht nur das wirklich tolle Songmaterial an sich, sondern auch die ebenso profunde wie souveräne Studioarbeit von Produzentengröße Colin Richardson dieser Veröffentlichung zu mächtiger Größe verhilft. Denn der weltberühmte Richardson, ein echter Meister seines Fachs, welcher bereits global hochpopulären Erfolgsbands wie beispielsweise Slipknot, Machine Head, Kreator, Bullet For My Valentine und auch Behemoth zu beeindruckend professionellen Supersounds verhalf, hat glücklicherweise ganz genau verstanden was im schmissigen Klangbild der Schweizer Ungestümen alles von Relevanz ist. Im Zuge solcherlei hoher Einfühlsamkeit und zweckdienlichem Verständnis des bewährten Reglerprofis erklingen die neuen zündenden Lieder auf dem auch lyrisch enorm gehaltvollen Gewitterdiskus so immens dynamisch, wuchtig und drückend, dass ein echter Eluveitie-Fan hierbei ganz einfach meterhohe Freudensprünge machen muss. Keinerlei Zweifel also: Das über Szenegrenzen hinaus beliebte Oktett, auch aktuell mal wieder linientreu wie nur wenige in diesem Bereich und ergiebig von sich und ihrem Tun überzeugt, liefert in Form von „Everything Remains As It Never Was” zeitlos wertvolle Liederkunst ab, deren umfassende Güte keinerlei Verfallsdatum fürchten muss.

Gezielt von mir zur erwähnten Eingangsthematik befragt, ergeht sich Stimmbandberserker Chrigel erstmal in verschmitzt schmunzelndem Habitus. Der Sänger verkündet hierzu, sich selbst im Folgenden des Öfteren durch dezent-süffisante Lacher unterbrechend:

„Ich habe das bereits gelesen. Nun, diese Einschätzung stammt nicht von uns – doch unzufrieden sind wir hier natürlich nicht mit solcherlei Werbestrategie. Und, grundsätzlich freuen wir uns daneben natürlich auch allesamt sehr, dass unsere Plattenfirma dermaßen hinter uns steht und dermaßen hoch von unserer neuen Musik überzeugt ist. Ich will mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber zumindest in Sachen Produktion erachten wir `Everything Remains As It Never Was` tatsächlich als unser `perfektes Album`. Denn bislang waren wir noch niemals so sehr zufrieden mit dem Endmix und dem Mastering einer Eluveitie-Platte, so wie es nun auf der aktuellen Veröffentlichung der Fall ist.“

Und genau das liegt laut Chrigel primär deshalb daran, weil neben allen bestens hervorgehobenen spezifischen Nuancen im Sound vor allem auch die Klangtransparenz der Songs hochklassig geworden ist. Wir erfahren dazu von dem Schweizer Freidenker: „Die aktuelle Scheibe ist wirklich das allererste Eluveitie-Album, wo alle unsere Instrumente voll und ganz zur Geltung kommen. Wir waren einem solch’ hohen Grad der Klangtransparenz zwar bereits schon auf dem Akustikalbum `Evocation I – The Arcane Dominion` sehr nahe gekommen, denn bei einem reinen Akustikwerk dieser Art ist es vergleichsweise leichter als bei einem regulären Folk Metal-Album, doch erst Colin erreichte darin auf `Everything Remains As It Never Was` jetzt die von uns allen so sehnlich erwünschte Meisterhaftigkeit.“

Chrigel und seine Horde harrten der Dinge erwartungsvoll hoffend, wenn nicht sogar fiebernd entgegen von dem Moment an, als der damalige Vorschlag kam, Richardson solle den kommenden Output unter seine Fittiche nehmen, wie der Vokalist verzückt zu resümieren weiß:

„Der Mann ist eine ganz große Nummer im Geschäft, er hat bislang eine ganze Menge an Grammy-nominierten Alben produktionstechnisch veredelt. Colin war aus diversen Gründen ehrlich gesagt schon immer unser absoluter Wunschproduzent, daher sehen wir diese Entwicklung auch als absoluten Glücksfall. Ich meine, Colin ist ein in vielen (Metal)Genres überaus gefragter und seit vielen Jahren verdammt erfolgreicher und gigantisch angesehener Produzent – er hätte unsere neue Platte beileibe nicht produzieren müssen. Bekanntlich arbeitet er seit einiger Zeit nur noch mit Bands beziehungsweise Musik, auf die er wirklich Lust hat. Doch unser neues Material und die überdachende Attitüde von Eluveitie gefielen ihm zum Glück sehr – seine Antwort kam prompt und war voller Enthusiasmus über unsere Songs. Mehr noch, er war regelrecht begeistert davon, freute sich über beziehungsweise auf etwas `erfrischend Neues`, wie er meinte, sodass wir uns ebenfalls riesig über seine Zusage freuen konnten. Wir mochten beziehungsweise konnten es anfangs kaum glauben, denn ernsthaft gerechnet hatten wir damit eigentlich ja nicht. Umso größer war der Jubel! Unser Album ist jedenfalls die erste Folk Metal-Platte, der er sich angenommen hat, was schon einiges heißen will.“ Also sozusagen ein Ritterschlag von höchster Stelle für unsere schweizerischen Folk Metal-Helden.

Zudem hat die Zusammenarbeit zwischen der Band und dem Briten in seinem Studio in Wales im vereinigten Königreich gar so gut funktioniert, dass sich glatt eine Freundschaft entwickelt hat, so Chrigel. „Auch das hat mich sehr angenehm überrascht, denn Colin ist eigentlich ein sehr cooler und sachlicher Typ – bei ihm geht es um Musik und sonst um gar nichts. Das ist sein ein und alles. Ein totaler Idealist.“

Der Gesprächsinhalt ging im Weiteren über zum lyrischen Gehalt von „Everything Remains As It Never Was”, und, wie mir Chrigel zu berichten weiß, wurde den aufrichtigen Eluveitie-Prinzipien einmal mehr adäquat Rechnung getragen. Mehr noch:

„Wenn ich’s mir recht überlege, sind wir diesmal sogar noch exzessiver vorgegangen. Die Songtexte sind eine Sammlung von Geschichten aus dem antiken Gallien und somit allesamt historisch bestmöglich fundiert. Wir widmen uns Einzelschicksalen von Personen oder auch ganzen Stämmen, wie es überliefert wurde. Die Lieder erzählen diese Geschichten nach. Was uns beim Texten der Lyriken immer sehr wichtig ist, ist, primär die menschliche Seite hinter alldem auszuleuchten – was natürlich auch immer wieder sehr stark mit spekulativen Aspekten behaftet ist, dessen sind wir uns vollauf bewusst. Aber ich persönlich bin der Ansicht, wenn man sich intensiv mit Geschichte befasst, wächst man da auch rein. Historisch überliefert werden ja immer beziehungsweise zumeist nur kalte, harte und nüchterne Fakten, beispielsweise die Anfänge und Beendigungen von Konflikten, Kriegen etc. Man muss sich jedoch dabei sehr wohl bewusst sein, dass es sich stets um viele Einzelschicksale handelt, sodass es also immer auch Individuen mit allen Hochs und Tiefs waren, die dahinter standen und die letztlich die heute bekannte Geschichte schrieben. Darauf liegt unser hauptsächlicher lyrischer Fokus des neuen Albums.“

Und ganz besonders nahe ging Chrigel beim Schreiben der Inhalt des Songs „Dominion“, wie der erfreulich Auskunftsfreudige unumwunden vor mir bekennt: „Darin geht es um einen gallischen Druiden namens Diviciacus vom keltischen Stamme der Häduer, welcher während der Zeit des gallischen Krieges lebte. Dieser spielt nicht nur in der Geschichte seines Stammes, sondern auch im gesamten gallischen Krieg eine ebenso wichtige wie auch zwiespältige Rolle: Denn er wirkte in seinem Stamm nicht nur als Druide, sondern er war auch politisch aktiv. Als einer der wenigen Gallier machte er sich beispielsweise für eine pro-römische Partei stark und kooperierte im Zuge dessen bereits schon während des Krieges mit Rom. “

Warum er das tat, das ist, so der Sänger, natürlich eine gewichtige Frage, die sich letztlich nicht beantworten lässt. Chrigel expliziert: „Er wird seine persönlichen Gründe gehabt haben, welcher Natur sie auch immer waren. Möglicherweise erachtete Diviciacus dies als eine letzte Möglichkeit um seinen Stamm beziehungsweise sein Volk zu retten. Möglicherweise, es gibt zumindest gewisse Hinweise darauf, erlag er auch gewissen Machtgelüsten seiner selbst. Denn im Falle einer erfolgreichen Kooperation wurde ihm von Rom aus die Königswürde über sein Volk und andere gallische Stämme in Aussicht gestellt. Ebenso interessant wie tragisch ist bei dieser ganzen Geschichte die Tatsache, dass Diviciacus damals einen sehr starken politischen Gegenspieler hatte: Und zwar war das Dumnorix, der Stammesfürst, welcher sein eigener leiblicher Bruder war. Das muss also schon eine sehr heftige persönliche Angelegenheit für die Beteiligten gewesen sein.“

© Eckbert, 27.01.2010

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