Interview: ELUVEITIE
Titel: Fest verwurzelte Progression

In globalmedial perfide hektisierten Zeiten, in denen es erschreckender Weise schon schick geworden ist, Haustiere (gegen ihren Willen) und demnächst auch sich selbst – äh, dann mehr oder wenig freiwillig – zu „verchippen“, haben nicht nur sensible Feinseelen immer noch härtere Erfahrungen zu durchleben. Ja, in hysterischmodernen Tagen wie diesen, in denen sich bald alles nur noch um möglichst „coole styles“, immer schnelllebigere Trendidiotie, allerlei unnütze sonstige Eitelkeiten und gesamtgesellschaftliche Sexualisierung zu drehen scheint, entsagen diesem zirkusartigen Weltwahnsinn auf der anderen Seite auch immer mehr Menschen. Darunter eine zutiefst naturverbundene Schweizer Musikgruppe, die mit ihren stürmischen Historienliedern seit einigen Jahren höchst erfolgreich für frenetisch wirkende Furore im Populärsegment Folk Metal sorgt. Für den frühen Februar 2010 ist die Veröffentlichung des neuen Albums „Everything Remains As It Never Was” vorgesehen – laut selbstsicherer Aussage der achtköpfigen Eidgenossentruppe selbst das bislang härteste, variantenreichste und gleichzeitig düsterste, melancholischste und auch noch stimmigste Liedmaterial bislang. Wie mir Frontmann und Schreihals Chrigel zu berichten weiß, stellt die bald kommende Scheibe trotzdem ein typisches Eluveitie-Werk dar.

Der kehlenstarke Vokalist sitzt in seinem Lieblingsdomizil – einem alten Bauernhof, den er mit seiner Frau seit einigen Jahren bewohnt, laut seiner Aussage voller fideler Feldmäuse, aber eben urgemütlich. „Für `Everything Remains As It Never Was` haben wir eigentlich genau da weitergemacht, wo wir mit dem Vorgängeralbum `Slania` aufgehört haben. Dennoch haben wir uns weiterentwickelt, ein für jede ehrlich an ihrem Stil arbeitende Band ein nur natürlicher Vorgang – im Zuge dessen haben wir das eine oder andere Neue für diese Scheibe ausprobiert. Und das wollen wir auch in Zukunft tun – grundsätzlich wir selbst bleiben, ohne neuen Ideen gegenüber unaufgeschlossen zu sein“, weiß er mit guter Laune zu berichten.

Und für ihn selbst, wie Chrigel frohgemut lachend bekennt, hört sich die Musik von Eluveitie seit der ersten Demo-CD im Großen und Ganzen stilistisch immer gleich an, obwohl doch diverse Modifikationen stattfanden. „Unsere Fans sehen das natürlich ganz anders, wie wir immer wieder mitbekommen.“

Wir zwei gingen thematisch sogleich zum vorangegangenen Songwriting-Prozess über, welcher der neuen Veröffentlichung zugrunde liegt; Chrigel hierzu: „Das lief wie stets bisher bei uns ab – obwohl ich einige Songs bereits vor längerer Zeit zu schreiben begann, wie beispielsweise den ersten Track der CD, `Otherworld`, welcher auf unserer vorletzten US-Tour entstand. Der allergrößte Teil des Albums hingegen entstand dann aber letztlich doch in einer relativ kurzen Zeitspanne – genauer gesagt zu einem Zeitpunkt, als das Studio für die Aufnahmen schon gebucht war. Wir kennen das auch gar nicht anders – warum es nun bei uns so ist, weiß keiner aus der Gruppe so genau, aber so endet es halt irgendwie immer. [lacht] Wahrscheinlich wollen wir es genau so, denn wir haben an uns festgestellt, dass wir unter Druck immer am besten für die Songs von Eluveitie gearbeitet haben beziehungsweise so die besten Liedresultate entstanden sind.“

Um um neue furios-fetzige Heidenhymnen für sein Folk Metal-Ensemble zu kreieren, dazu braucht der Sänger zu Beginn der Kompositionsarbeiten üblicherweise keinerlei Instrumente, wie von ihm dazu auch noch zu erfahren war. Sehr eigentümlich anmutend, aber dennoch erfreulich hocheffizient: „Ich persönlich kann überall komponieren, sogar auf einem kleinen abgeschiedenen Bänkchen mitten im Wald – denn bei mir passiert das alles grundsätzlich erstmal im Kopf drin. Ich arrangiere einzelne Ideen sogar auf diese Weise – und erst, wenn ich das gesamte Muster für ein Lied komplett im Kopf zusammengefasst habe, mache ich mich daran, das Ganze mit Instrumenten zu verarbeiten und umzusetzen beziehungsweise bei mir aufzunehmen. Geige und Drehleier kann ich selbst nicht spielen, deren Einsätze nehme ich provisorisch mit Gitarrenspuren auf, aber die restliche Instrumentierung kann ich vorab im Alleingang schon grob einspielen beziehungsweise aufnehmen. Nachfolgend habe ich meine so erzielten Ergebnisse auch diesmal wieder der Band zum individuellen Ausarbeiten übergeben – das Resultat können die Hörer mittels der kommenden Veröffentlichung hören“, erläutert mir Brüllmeister Chrigel voller Enthusiasmus, der auch mit dem Drumcomputer ganz gut umzugehen weiß, wie er noch selbstsicher anfügt.

Dennoch hat Gitarrist Ivo laut Chrigel für „Everything Remains As It Never Was” mehr als je zuvor für die Kompositionen beigesteuert: „Drei Songs der Platte entstammen komplett seiner Feder, was ich sehr toll finde, weil er meiner Ansicht nach ein wirklich begnadeter Songwriter ist.“ Nicht nur eiserne Eluveitie-Anhänger können das sicherlich auch genau so bestätigen, denn Allroundkönner Ivo erlangte auch mit seiner eigenen Band Forest Of Fog bislang so einige Beliebtheit im Pagan Black Metal-Untergrund. Auch bei Chrigel: „Ich warte schon seit längerer Zeit auf ein neues Forest Of Fog-Album, doch die lassen sich ja echt Zeit damit. Aber das steigert die Vorfreude enorm.”

© Eckbert, 17.12.2009

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