Interview: ELUVEITIE
Titel: Von altmystischen Magien

Wenn eine dermaßen erfolgreiche und verbürgt hochauthentische Celtic Pagan Metal-Gesandtschaft wie die Schweizer Eluveitie sich dazu entschließt, ihren Fans Tage und Nächte auf Erden künftig mit einem reinen Folklorewerk zu verschönern, dann kann man sich wahrlich auf etwas Einzigartiges freuen. Und exakt so ist es, denn das brandneue Ausnahmewerk „Evocation I – The Arcane Dominion“ bietet 15 hochgradig althistorisch anmutende Heidenkompositionen dar, eine schier noch liebevoller als die andere kreiert. Die sehr naturnah empfindenden Eidgenossen um Brüllvokalist Christian „Chrigel“ Glanzmann legten dafür allesamt besonders ausgeprägten Wert auf möglichst große Detailtreue hinsichtlich der Notenpartituren. Aber auch den bemerkenswert originalgetreuen Klangbildern des verwendeten althistorischen Instrumentariums widmeten die erfolgreichen Eluveitie noch ein wenig mehr als „nur“ grenzenlose Hingabe. Was also den allerwenigsten der heutigen Protagonisten in diesem als „Neofolk“ mehr oder weniger etablierten Bereich gelingt, Chrigel & Co. haben es geschafft. Sie hauchten nämlich deutlich hörbar auch noch ihre aufrechten Seelen dafür aus. Wer die Traditionalistengruppe gut kennt, der weiß, dass man es hier ohnehin nicht einer Vereinigung zu tun hat, die sich zu halben Sachen herablässt – eben, und daher atmet sich „Evocation I – The Arcane Dominion“ mit jedem sanftrhythmischen Klangschnaufer bis ganz in unser aller uralte Vergangenheit und wieder zurück. Ganz gegenwärtig war jedenfalls Bardenmeister und Eluveitie-Frontmann Chrigel in gewohnt guter Laune beim erneuten Interviewgespräch.

„Diese durchaus berechtigte Erwägung geisterte ja bekanntlich schon seit längerer Zeit bei uns herum: Schließlich sind wir eine Folk Metal-Band, was also läge da näher, als auch mal ein reines Folklorealbum an sich zu machen. Wir haben uns ja lange genug damit befasst. Und schnell kristallisierte sich im Zuge dessen in zahlreichen Gruppengesprächen heraus, dass es uns beileibe nicht reichen würde, so etwas wie ein gewöhnliches Folklorewerk zu kreieren. Also eines von genau der Sorte, die man schon hinlänglich und auch zur Genüge kennt – auf diesem Sektor erscheint ja nicht gerade wenig, doch damit wollten wir uns nicht vergleichen lassen. Wir wollten nämlich das ganz Besondere, das Einzigartige“, erläutert der in seiner schweizerischen Heimat mit seiner Frau auf einem stilechten Biobauernhof lebende Heidenmann eingangs mit aller Ernsthaftigkeit, jedoch dabei auch den gewohnten Frohsinn verbreitend.

Laut seiner nachfolgend ausgesprochenen Bekundung lautete das programmatische Motto für das kollektiv geplante kreative Vorhaben nämlich größtmögliche Tiefgründigkeit, und das wirklich unter allen Umständen. Chrigel: „Und dafür haben wir uns nun aber nicht großartig mit neuen teuren Akustikinstrumenten eingedeckt, um die Leute mit aufgeplusterten Klangspielereien zu beeindrucken. Auch wollten wir auf gar keinen Fall mit irgendwelchen aufwändigen Studiotricks dafür arbeiten. So eine Band sind wir nicht. Wir wollten die Musik für das aktuelle Album lediglich und ganz ehrlich mit genau den Instrumenten erzeugen, die wir sowieso schon in Besitz haben.“

Dass all die betörend mystischen fraulichen Schwebegesänge auf „Evocation I – The Arcane Dominion“ letztlich dann letztlich doch so derart erfreulich sensitiv, anmutig und gar hypnotisch beschwörend werden würden, das entwickelte sich laut Statement von Chrigel erst im Laufe des spannenden Entstehungsprozesses zum Album: „Unsere Fiedelfrau Meri Tadic, welche auf der aktuellen Platte für die weiblichen Vokalisierungen verantwortlich zeichnet, wollte den Inhalten der aktuellen Lyriken so bedeutungsnahen Ausdruck geben wie nur irgend möglich. Darüber sind wir wirklich alle in der Band sehr froh, denn die Liedertexte sind auch überaus mystisch angelegt – und teilweise wirklich sehr düster, und das im wahrsten Sinne des Wortes.“

Ein sehr gutes Stichwort – ohne lange zu fackeln gingen wir beide jetzt impulsiv zu besagten Textinhalten über. Große Neugier stand im Raum. Schrei- und Grollmeister Chrigel berichtet dazu voller spürbarem Enthusiasmus: „Abgesehen vom rein englisch gesprochen Intro und zwei weiteren englischsprachigen Songs sind sämtliche weiteren Textzeilen auf `Evocation I – The Arcane Dominion` historische gallische Originale, welche allesamt so um die 2.000 Jahre alt sind. Sie stammen von allerlei antiken Inschriften, welche bei zahlreichen archäologischen Ausgrabungen etc. erst während der letzten 200 Jahre entdeckt wurden. Aus all denjenigen, welchen wir für die neue Platte teilhaftig werden konnten, trafen wir eine extrahierte Auswahl – und unser Ziel hierbei war es vor allem, den mystischsten und den am allermeisten von Magie geprägten unter ihnen den absoluten Vorrang einzuräumen. Viele der neuen Lieder sind im Prinzip also eigentlich magische Beschwörungen beziehungsweise Anrufungen alter dunkler Mächte, an welche die damaligen Menschen vollauf glaubten. Drei der Lieder beispielsweise drehen sich auch um uralte hasserfüllte Verfluchungen beziehungsweise Verwünschungen.“

Eines der 15 Stücke auf „Evocation I – The Arcane Dominion“ geht meinem erfreulich redseligen Gesprächspartner jedoch ganz besonders nahe, wie er mir nach spezieller Fragestellung offen bekennt: „Dabei handelt es sich um das außergewöhnliche Stück `Dessumiis Luge` – es fällt musikalisch ganz bewusst aus der Reihe, besungen wird darin eben auch einer der vorhin erst genannten Verfluchungstexte, und zwar ein ganz besonders bitterböser. Die Hintergrundgeschichte dazu ist uns allen eigentlich sehr schnell sehr tief unter die Haut gegangen – die Zeilen zu `Dessumiis Luge` sind nämlich während des gallischen Krieges entstanden. Und zwar in einem arg drangsalierten Gebiet, welches zu dieser Zeit bereits komplett von den römischen Legionen belagert worden war. Der Inhalt des Textes richtet sich ganz klar gegen römische Offiziere und ihr Tun, leider weiß man über den damaligen Verfasser rein gar nichts.“

Wirklich absolut hochinteressant. Mutmaßungen darüber kann man allerdings so einige anstellen, so der gute Chrigel: „Es gab ja genau zu der Zeit und genau dort am Fundort des Textes einen keltischen Aufstand, der die unerwünschten Römerlegionen bewältigen wollte – eventuell hat einer der keltischen Anführer selbst diese Verwünschung gemacht, die Leute damals glaubten ja fest an solche Mythen und derlei Zauber. Ebenso gut könnte es, so der Sänger ergänzend, aber auch sein, dass betreffende böse Fluchworte von einer gallischen Frau aufgetragen worden sind, deren Mann damals in diesem Krieg umgekommen ist und deren Töchter dann wie üblich als Sklavinnen bei den Römern dienen mussten. Das ist durchaus auch vorstellbar. Auf jeden Fall ist besagter Text eine bedeutungsmäßig wirklich sehr heftige und auch stark emotional geprägte Angelegenheit.“

© Eckbert, 19.02.2009

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