Interview: ELUVEITIE
Titel: Überzeugungstäter

Mittels hochklassiger Streitermusik auf der einen und immens dynamisch einhergehender Bühnenpräsenz auf der anderen Seite konnten sich diese Schweizer Schwerstarbeiter in den letzten Jahren einen sehr guten Namen im Bereich des heidnisch-episch extremen Melodic Folk Metal machen. Nun endlich katapultiert das achtköpfige Eidgenossen-Ensemble mit der gigantischen Spielfreude von Helvetien aus wieder einen mächtigen Albumbrocken rasant mitten ins internationale Genre-Geschehen hinein. „Slania“ getauft, enthält dieser endlos grimmig klingende Donnerdiskus das bisher stärkste und auch professionellste Liedmaterial der so kernig zockenden Käseroller. Aufgrund dieses oberpotenten Nachfolgers zum extrem erfolgreichen 2006er Debüt „Spirit“ und neuer leistungsstarker Plattenfirma im Rücken müsste es also schon wirklich sprichwörtlich mit dem Teufel zugehen, wenn die gigantisch ambitionierte Helden-Truppe damit ihre ohnehin große Popularität nicht glatt verdoppeln kann. Rein musikalisch zeigt sich die bekanntlich stets überaus authentisch agierende Historiker-Horde um Sänger und Instrumentalist Christian „Chrigel“ Glanzmann jedenfalls von ihrer künstlerisch allerbesten Seite. Auf meine Seite zog ich hingegen den guten Chrigel, um dem Mann so einiges Wissenswertes zum bandneuen Kriegerteller „Slania“ zu entlocken.

„Dass sich die neuen Kompositionen so sehr nach schwedischem Melodic Death Metal alter Schule anhören, hat schon auch seinen Grund – denn genau darum geht es uns ja auch. In Verbindung mit all den Folklore-Elementen entsteht so der eigentliche Eluveitie-Sound. Sollten wir uns jemals zuvor nach Pagan Black Metal angehört haben, so lag dies allein und einzig an der vergleichsweise schlechten Produktion mancher Nummern“, stellt der auskunftseifrige Kapuzenkerl eingangs erst mal in aller Deutlichkeit klar.

Schnell ergänzt er: „Die jetzige Tonqualität der neuen Platte entspricht endlich unseren exakten Vorstellungen davon, wie ein Eluveitie-Silberkreisel zu klingen hat. Wir haben alles an Mitteln, die uns zur Verfügung standen, in diese Produktion investiert, auf monetärem Sektor beläuft sich die Gesamtsumme dafür jedenfalls im fünfstelligen Bereich – alles in allem also so circa 15.000 Euro. Aufgenommen haben wir das neue Album in den Fascination Street-Studios in Schweden, genauer gesagt in Örebro. Hauptverantwortlicher ist Jens Bogren, ein sehr guter Tonmann. Bogren zimmerte auch schon für etablierte Bands wie beispielsweise Amon Amarth, Katatonia oder auch Opeth spitzenmäßig stabile Klanggerüste. Ich möchte jedoch an dieser Stelle explizit erwähnen, dass unser neues Label nichts für die Produktion von `Slania` beigesteuert hat – denn der Plattenvertrag kam ja erst zustande, als die Platte bereits voll und ganz im Kasten war.“

Wirklich eine ziemlich erstaunliche Tatsache, mit der beileibe so nicht zu rechnen war. Dieser wilde Spielleute-Haufen aus den schönen Schweizer Bergen meint seine Sache also mehr als nur ernst – denn eine solch hohe Summe wurde meines Wissens nach von einer Subkategorie-Band dieses Kalibers bislang auch noch nicht für Reglerdrehereien aufgebracht. Chrigel, erfüllt von wahrlich riesigem Enthusiasmus, konkretisiert das Ganze nachfolgend auch nur zu gerne: „Dazu muss man freilich schon auch wissen, dass die Band Eluveitie für jeden von uns allererste Priorität im Leben darstellt. Wenn, dann arbeiten wir wie die Schweine dafür und nehmen teilweise unglaubliche Entbehrungen dafür in Kauf. Einige von uns hausen gar unter unsäglichen Umständen in billigsten Quartieren beziehungsweise Wohngemeinschaften, um so das ganze Geld einzig in die Band zu stecken. Es werden da sogar gewisse Abstriche in Sachen Ernährung gemacht. Aber so sind wir nun mal – und wir wollen es eben genau so.“ […]

Man merkt recht schnell, hier sind waschechte Überzeugungstäter und inbrünstig lodernde Idealistenseelen am Werk, denen in Sachen Attitüde so schnell wohl keine vergleichbare Kapelle das heidnisch harte Wasser reichen kann. Während andere sich also einen „coolen“ Spaß draus machen, im Proberaum gleichsam alkoholisiert wie halbherzig ihre Vorbilder zu kopieren und an wenigen Wochenenden im Jahr „geile Mucke“ auf Kleinstbühnen zu spielen, bürden sich Eluveitie furchtlos und willensstark besagte Strapazen auf. Was für ein krasser Gegensatz!

Und Selbiges an unermesslichem Idealismus leben diese Schweizer Schwörherzen auch auf den rauen Brettern vor, die die (Melodic Folk Death Metal)-Welt bedeuten. Wir erfahren zu diesem Kontext vom Anführer: „Glücklicherweise gab es für uns mit der Zeit auch irgendwann mal ein wenig Geld für die ganzen Auftritte. [lacht mit herzlicher Bescheidenheit] Obwohl wir die Sache beileibe nicht für Geld machen, können wir solcherlei Honorierungen natürlich hervorragend gebrauchen. Gerade die letzten eineinhalb Jahre haben wir uns sowieso sprichwörtlich den Arsch abgespielt, nicht nur bei der vergangenen Europatournee. Wir waren wie die Verrückten dahinter her, dass das alles so gut als möglich abläuft. Denn wir spielen nun mal für unser Leben gerne live, und wollen uns daher auch stets in absoluter Bestform bei besten Umständen repräsentieren.“

Das glaubt man dem sich sehr sympathisch gebenden Vokalisten nur allzu gerne. Denn wem in seinem Leben das große Glück widerfuhr, ein Eluveitie-Konzert zu besuchen, dem bot sich ein durchgehend ekstatisch kulminierendes und ansteckend bewegungsintensives Spektakel der absoluten Sonderklasse dar.

„Und dabei ist es uns ehrlich gesagt wirklich vollkommen egal, vor wie vielen Leuten wir nun jeweils auftreten – denn live zu spielen ist für uns immer ein erhebendes Hochgefühl, welches wir sooft als nur möglich anstreben und erleben wollen.“

Solcherlei von Grund auf ehrliche Intentionen zahlen sich über kurz oder lang immer aus, der Ansicht war auch das bekannte schwäbische Musikverlagshaus Nuclear Blast:

„Verlockende Angebote in Sachen Vertragsabschluss erhielten wir für dieses zweite Album ganz ehrlich gesagt erstaunlich viele. Firmennamen möchte ich an dieser Stelle zwar keine nennen, aber es waren schon einige ziemlich große Labels darunter, was uns sehr geehrt hat. Aus Europa hatten wir praktisch von jedem großen Label ein Vertrags-Angebot vorliegen. Das letzte Album `Spirits` war aber eben auch sehr erfolgreich und erhielt dementsprechend gute Kritiken – vor allem angesichts der Tatsache, dass wir uns bislang ausschließlich im Untergrund dieses Metiers bewegt haben. Und auch unser frenetisches Gebaren auf der Bühne zog wohl die Aufmerksamkeit von so mancher Plattenfirma auf sich. Sogar aus Amerika (!) gingen diverse Offerten bei uns ein.“

Was natürlich umso erstaunlicher ist, wenn man sich realistisch vor Augen hält, wie gering da drüben bislang eigentlich das Interesse der von Trends „verseuchten“ Hörer an solcherlei Stilistik war.

Dann holt der enorm stimmstarke Grollbarde im abschließenden Resümee aus: „Als ich Eluveitie damals gegründet hatte, wollte ich damit eigentlich primär frischen Wind in die Szene bringen, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits selbst zu kopieren begann. Das störte mich von Anfang an sehr. Schließlich sollte es gerade bei historisch orientiertem und alte Werte vermittelndem Metal schon authentisch und inniglich zugehen. Also war es mein Ziel, traditionelle, authentische keltische Volksmusik auf eine ganz spezielle Weise mit modernem, vom typisch schwedischen `Götheborg-Stil` geprägtem Melodic Death Metal verquicken. Und so geschah es auch: Die urwüchsig-bullige und betont raue Kraft des skandinavischen Todesbleis verbinden Eluveitie auch heute noch mit aufbrausend verspieltem Folklore-Kolorit. Denn ich möchte mit meiner Band primär immer frisch und auch außergewöhnlich originell klingen.“ Gutes Ziel, kann man da nur sagen.

© Eckbert, 29.01.2008

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