Interview: ELUVEITIE
Titel: Intuitiv kreativ

Überall im schönen Helvetien verstreut leben die einzelnen Musikanten dieser hochkarätigen Celtic Pagan Metal-Vereinigung. Ursprünglich zunächst als reines Studioprojekt ohne feste Mitglieder gestartet, fiel dann nach der Veröffentlichung des ersten Minialbums der Entscheid, eine „richtige“ Band daraus zu machen. Die kreative und klangliche Authentizität der erquicklich hart rangehenden achtköpfigen Schweizer Spielmannstruppe ist von enormer Höhe, denn an entsprechend eingebrachten Originalinstrumenten wie beispielsweise Fideln, Zinnflöten, keltische Rahmentrommel und Akustik-Saitenäxten wird nicht gespart. Die auch anschaulich historisch gewandeten Eidgenossen um Vokalist Chrigel Glanzmann erfreuen sich derzeit an der Veröffentlichung ihres mächtig polternden und herrlich verspielten Debütalbums „Spirit“.

„Was wohl nennenswert ist, ist der doch recht kurze Zeitraum, in dem alles geschah. Unser erstes Konzert im Februar 2004 mit Skyforger und Menhir spielten wir gerade mal läppische drei Wochen, nach dem das Line Up als `richtige` Band komplett war“, berichtet mir Chrigel zu Anfang in berechtigter bester Erzähllaune.

Effektiv als Band gibt es Eluveitie also eigentlich erst seit gut zwei Jahren. „Und für diese verhältnismässig kurze Zeit konnten wir doch schon Beachtliches erreichen: Einen Plattenvertrag an Land ziehen, ein neu aufgelegtes, teilweise neu eingespieltes Minialbum und ein Vollzeit-Album veröffentlichen sowie eine treue Fangemeinde einspielen – mit drei Tourneen und diversen Konzerten im ganzen deutschsprachigen Raum und Nordeuropa. Ich finde dies für eine gerade mal zweieinhalbjährige Bandgeschichte gar nicht so schlecht.“

Ja, er, Drummer Merlin Sutter, Bassist Rafi Kirder, die beiden Gitarristen Ivo Henzi und Sime Koch sowie Fiedlerin Meri Tadic und Hurdygurdy-Spielerin Anna Murphy als auch Flötist Sevan Kirder haben derzeit wirklich allen Grund, sich über die glücklichen Geschicke ihrer Truppe zu freuen.

„Als ich das Studioprojekt Eluveitie im Winter 2002/2003 ins Leben rief, war das für mich die Verwirklichung eines Traumes, den ich eigentlich schon viele, viele Jahre im Herzen trug. Dass dann fast eineinhalb Jahre später eine richtige Band daraus wurde, das kam wohl primär daher, dass alle Beteiligten wirklich vollblütige Musikanten sind – geradezu süchtig danach, zu musizieren. Zum anderen aber bestimmt auch durch die ermutigende und bestätigende Tatsache, dass unsere damalige, selbst finanzierte Mini-CD von Presse und Fans absolut begeistert aufgenommen und eigentlich ausnahmslos hoch gerühmt wurde.“

Wie der Sänger weiter angeregt zu erzählen weiß, beinhalten die Konzertauftritte seiner fidelen Donnerhorde stets mystische, nahezu ritualartige Momente: „Beispielsweise die Opener der Gigs. Aber im Grossen und Ganzen liegt die Besonderheit eines Eluveitie-Konzertes vor allem in zwei Dingen: Erstens sind immerhin acht Leute auf der Bühne und diese kreuzen obendrein mit einem Sammelsurium von historischen Folk-Instrumenten wie verschiedenen Dudelsäcken, Flöten etc. auf. Zweitens sind wir auf der Bühne ziemlich aktiv und unsere ganze Live-Performance ist sehr von unbändigen Energien geladen – so sagen es jedenfalls die Live-Reviews. Eluveitie-Konzerte sind ausgelassene Partys, wo die Leute feiern – Moshpits und Stagediven inklusive“, lacht Chrigel.

The Haunted, Emperor oder Dark Tranquillity sind laut seiner nächsten Aussage Bands, welche die allermeisten Mitglieder des Celtic Pagan Metal-Ensembles mögen. „Aber das ist von Bandmitglied zu Bandmitglied unterschiedlich. Das Spektrum reicht von Kiss über Emperor über Lunasa, Irish Folk, bis hin zum Soundtrack von „Amélie de Montmartre“, Yann Tiersen.“

Wie der redselige Vokalist anschließend die stilistische Lage seiner Gruppe einschätzt, heben sich Eluveitie ganz bewusst von der „üblichen“ Folk Pagan Celtic Viking Metal-Masse ab. Er gibt mir zu Protokoll: „Das zum einen, weil wir wirklich mit vielen akustischen Instrumenten spielen – mir ist beispielsweise keine andere Metal-Band bekannt, welche live mit einem Dudelsack, einer Drehleier, zwei Geigen und diversen alt-irischen Flöten gleichzeitig aufwartet. Und unser `Folk-Anteil` dazu wirklich stark in die Musik eingebunden wird. Zum anderen aber auch wegen unserer Art von Metal. Viele Pagan Metal-Bands sind im Hinblick auf Metal, also beispielsweise das Riffing, eher roh und oft recht Black Metal-lastig. Unser `Metal-Anteil` gleicht jedoch eher Melodic Death Metal in moderner Göteborg-Manier und gerade die Gitarren- oder auch Schlagzeugarbeiten sind ausgefeilt und könnten ohne zu erblassen auch ohne Folk-Instrumente dastehen. Aus diesem Grund steht auf unserer Website `…new wave of Folk Metal` betreffend unseres Stiles geschrieben – unsere eigene, selbst geschaffene Bezeichnung. Ich glaube, sie trifft es nicht schlecht.“ Stimmt. Er spricht weiter: „Wir spielen unsere Musik, weil wir Freude am Musizieren haben und eben genau diese Musik lieben. Und wir freuen uns über jeden, dem es da gleich geht und mit uns mitfeiert. Wer das ist, spielt uns keine Rolle.“

Das aktuelle Album „Spirit“ wurde in verschiedenen Studios eingespielt, so Chrigel:

„Schlagzeug, Bass, E-Gitarren und Gesang nahmen wir bei Klangschmiede Studio E auf, welches von den beiden The Vision Bleak-Jungs betrieben wird. Dafür benötigten wir neun Tage, was an sich eher knapp ist. Doch wir bereiteten uns gut auf den Studio-Aufenthalt vor und übten wie die Besessenen, um pro Musiker beziehungsweise Song so wenig Takes wie möglich zu verbraten. Die Arbeit in der Klangschmiede war wahrlich ein echtes Vergnügen, was einerseits auf die beachtliche Kompetenz der Herren Stock & Schönemann, andererseits aber auch auf deren wirklich angenehme Persönlichkeiten zurückzuführen ist. Die Folk-Instrumente, die Klargesänge und Chöre wurden bei uns im heimischen Ballhorn Studio aufgenommen, mit welchem wir auf diesem Gebiet bereits für unsere letzte Veröffentlichung gute Erfahrungen machten. Das Ballhorn ist kein Metal-Studio, sondern ist vielmehr spezialisiert, auf akustische Musik wie Folk, südamerikanische Musik, teils Jazz und sogar Chansons. Hier konnten wir von Klaus Grimmers Erfahrung beispielsweise bei der Aufnahme von Geigen sehr profitieren. Auch im Ballhorn Studio lief die Arbeit gut und sehr angenehm ab, auch wenn wir teilweise etwas länger brauchten als ursprünglich geplant. Etwa zehn Tage verweilten wir im Ballhorn Studio. Einige Samples, Stimmen von Gastmusikern – konkret: Ein älterer Herr und pensionierter Schauspieler, sowie zwei kleine Kinder – oder das Bodhrán, die keltische Rahmentrommel, nahm ich sogar bei mir zuhause im kleinen Heimstudio auf. Gemischt wurde „Spirit“ wieder im Klangschmiede Studio E in Mellrichstadt, wofür wir sechs Tage benötigten. Gemastert wurde das Album in einem Tag im holländischen Mailmen Studio – welches uns von unserem Label fürs Mastering empfohlen wurde. Und wir bereuen es nicht, dort gemastert zu haben. Alles in allem war es eine wirklich strenge aber auch sehr erfüllende Zeit, auf die wir glücklich zurückblicken.“

„Eluveitie“ ist laut meinem Gesprächspartner ein Satz in Gallisch, es bedeutet schlicht „Ich bin der Helvetier“ und wurde – eingeritzt in eine Tonschale – bei archäologischen Ausgrabungen gefunden. „Unsere Vorfahren – die Helvetier – waren einer der Stämme der Gallier, also Kelten. Nun, was heisst schon `tiefere Bedeutung`? Ich denke, der Name ist bei uns Programm – das lyrische und auch das musikalische Konzept dreht sich um die Kelten, insbesondere um die Helvetier.“

Die meisten bisherigen Eluveitie-Songs stammen von ihm, wie Chrigel mir im Weiteren offenbart. „Und dabei ist es so, dass ich Lieder aus einer fixen Idee heraus schreibe. Wenn ein Song als `Grobbau` steht, übergebe ich ihn der ganzen Band, so dass alle Mitglieder für ihre eigenen Instrumente Stimmen ausarbeiten. Unsere Songs werden also aus einer Idee heraus gezielt geschrieben, aber dann kreativ und intuitiv von der ganzen Band arrangiert und ausgefeilt.“

Er nennt auf meine Bitte hin noch Einflüsse und Inspirationen für die Kompositionen seiner Band: „Zum einen natürlich die Musik, die wir selbst mögen. Ich glaube, es ist unvermeidlich, dass Musik, die man selbst liebt und hört eben auch die Musik beeinflusst, welche man selbst schreibt und spielt. In meinem Falle wäre das primär keltische Volksmusik, sowie Death und Black Metal. Aber ebenso Einfluss und Inspiration sind für mich Dinge der Natur. Der atemberaubende Anblick der Zentralschweizer Alpen beispielsweise. Wenn man – wie ein Winzling wirkend – zu diesen Bergen aufblickt, wird das Herz auf wundersame Weise still – und von Erfurcht gebietendem Staunen, gleichzeitig aber auch von einem kindlichen, zufriedenen Glück erfüllt. Solche Momente sind für mich ungeheuer inspirativ. Ebenso dient natürlich die Literatur über Kelten, zumeist wissenschaftlicher Natur, als Inspiration – gerade was die Lyrics angeht.“

Wir sprachen noch über den Stellenwert der Texte im Vergleich zur Musik. Chrigel erläutert hierzu:

„Grundsätzlich gibt es Eluveitie, weil wir diese Musik spielen wollen. Die Musik steht im Vordergrund. Das bedeutet aber nicht, dass die Texte nicht wichtig wären. Mir persönlich sind die Texte sogar sehr wichtig – wenn ich Texte schreibe, drücke ich meistens einfach aus, was mich bewegt und beschäftigt: Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Wie bereits erwähnt, drehen sich unsere Texte ausschliesslich um den keltischen Themenkreis. Hier möchten wir uns jedoch wirklich von jener Vergangenheitsglorifizierung distanzieren, welche man hier und da antrifft; rührige Kitschhymnen über wahnsinnig mutige, mit Muskeln bepackte Krieger, welche freudig in die Schlacht ziehen und mit den Gedanken schon bei den Valkyren sind – das ist weniger unser Ding“, lacht der Sänger aus vollem Hals, und knüpft an: „Vielmehr versuchen wir, Themen aus dem keltischen Alltag und Leben aufzugreifen, diese dann aber eben nicht in heroisch glorifizierender Art weiterzugeben, sondern eher auf eine natürliche Weise. So eben, als würden sie direkt von einem Gallier erzählt, der sie vor gut 2000 Jahren selbst erlebte. Kein einfaches Unterfangen natürlich, aber allemal einen Versuch wert! So kommt es denn beispielsweise, dass sich sogar ein gallisches Liebeslied auf unser neues Album verirrt hat. Der Text hierzu wurde übrigens von einem Keltologie- und Indogermanistik-Dozenten der Universität Wien verfasst.“

Und das bringt mein Gegenüber gleich noch zu einem weiteren Punkt: „Einige unserer Texte sind teils in einer rekonstruierten Form von Gallisch verfasst. Wir sind konzeptionell und lyrisch darum bemüht, wissenschaftlich fundiert und historisch korrekt zu arbeiten! „Spirit“, der Titel des neuen Albums, steht sozusagen für den `keltischen Geist`: Das naturverbundene, oft sehr stolze, vielleicht manchmal recht kindlich-naive, aber auch in druidischer Weisheit einfache und schlichte keltische Leben. Woher das alles bei uns kommt, ist schwierig zu sagen. Zum einen bestimmt von der Tatsache, dass wir in der Schweiz leben und aufwuchsen – einem Land mit keltischen Wurzeln, beziehungsweise vielen keltischen Erbschaften. Die Beschäftigung mit diesen Themen ist bei allen Bandmitgliedern verschieden – manchen bedeutet es mehr den anderen weniger. Ich persönlich beschäftige mich sehr intensiv mit keltischen Themen.“

Was Zukunftspläne anbelangt, so wollen die versierten Schweizer Musikanten laut Chrigel zum Glück so schnell nicht mit ihrem Tun aufhören. „Wir wollen weiter Spaß haben, weitere CDs veröffentlichen, viele Konzerte spielen sowie auf Tourneen gehen und so weiter. In näherer Zukunft liegt auch die Arbeit an einem Video-Clip an.“

Abschließend folgen noch freundliche Worte für den Autor: „Die Freude an dem Interview mit dir ist ganz unsererseits! Danke Dir, Eckbert, und allen Lesern für das Interesse! Unsere Hörner seien auf Euch erhoben! Und vielleicht trifft man sich ja mal an einem Konzert?“ Hoffentlich!

© Eckbert, 24.05.2006

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