Interview: BLACK MESSIAH
Titel: Ausgeprägtes Selbstwertgefühl

Die beständige Pagan Metal-Bruderschaft aus dem Ruhrpott spricht endlich in Form des neuen Albums zu Freund und Feind. Und „The Final Journey“ enttäuscht keinen Anhänger des tapferen Männerbundes aus Gelsenkirchen. Denn diese vor durchdachter Vielfalt strotzende Scheibe ist exzellent gemachter Heidenstahl von spielerisch bemerkenswert hohen Gnaden. Als diese Vereinigung von ergebenen Epikern einst 1992 gegründet wurde, konnte sich damals wohl keiner von den Beteiligten vorstellen, einmal ein derart reifes Werk wie das aktuelle Langspiel-Spektakel abzuliefern. Doch über die Jahre entwickelten Black Messiah einen absolut unverwechselbaren, weil hochgradig eigenständigen Stil. Dieser setzt sich auch aktuell aus prächtig donnernden Rhythmus- und Saiten-Stakkati inklusive vielen unterhaltsamen Tempowechseln und erhebend heroischen Gesängen zusammen. Deutlich ist in den Liedern zu spüren: Diese sechs Streiter stehen aufrecht und stark für ihre Musik ein. Und auch „The Final Journey“ verwöhnt geneigte Ohrenpaare mit wohltuend melodisch angelegten Liedern von wohl dosierter Härte. Urwüchsiges Material also, dessen oftmals sehr emotionale Partituren tief berühren können. Immer wieder vernehmen aufmerksam lauschende Ohren auf dem neuen Black Messiah-Langspieler aber auch exquisite Violin-Soli von erhabenem Anspruch.

„Erst einmal Danke sehr für die Glückwünsche zum neuen Album. Wenn ich im Nachhinein den gesamten Entstehungsprozess des neuen Albums sehe, denke ich zu allererst an eine wirklich angenehme Zeit mit meinen Bandkollegen und mit allen, die ebenfalls an diesem neuen Album mitgearbeitet haben. Das Komponieren der Songs wahr nochmals eine Runde entspannter als beim Vorgänger. Ich denke, das liegt einfach daran, dass wir ja schon einige Jährchen auf dem Buckel haben und uns nicht mehr nervös machen lassen, wenn da beispielsweise mal jemand anruft und uns drängt, dass es mal wieder Zeit wäre, ein neues Release auf die Menschheit loszulassen. Gearbeitet haben wir bei den Kompositionen eigentlich so wie schon immer. Wir machen fast alles gemeinsam und tauschen uns regelmäßig über neue, musikalische Dinge aus und erarbeiten dann die Musik. Es ist halt einfach so, dass man mit dem Alter etwas ruhiger wird. Ausserdem ist es auch in der Band irgendwie ruhiger geworden. Man merkt, dass jeder seinen Platz gefunden hat und wir ergänzen uns einfach nur noch. Das ist ein absolut entspanntes Arbeiten und macht uns unheimlich viel Spaß. Geändert im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Scheiben haben wir trotzdem etwas: Wir haben uns mit dem Sinustal-Studio in Essen einen neuen Aufnahmeraum mitsamt neuem Produzenten und Mischer zugelegt. Der Chai Devereaux hat das dieses Mal mal gemacht und das mit Sicherheit auch nicht zum letzten Mal. Ich persönlich finde, dass diese neue Black Messiah-Scheibe mehr nach Metal klingt als der Album-Vorgänger, weil auf ,The Final Journey‘ das Hauptaugenmerk doch auf den Gitarren liegt. Das Soundgewand ist verdammt gut geworden und wir alle sind damit absolut zufrieden“, lässt mich Gründungsmitglied, Sänger und Violinist Zagan eingangs wissen.

Auch die Arbeitsweise hat sich im Studio verändert, wie von dem Bärtigen in Erfahrung zu bringen ist. „Dieses Mal waren wir nach knapp drei Wochen mit den Aufnahmen fertig. Das ist für uns ein neuer Rekord. Chai hat nicht nur Ahnung von dem was er tut, er hat ausserdem den selben Humor wie wir, also haben wir eine Menge Spass während den Sessions gehabt. Naja, und wie so eine Band funktioniert weiß er ja auch zu Genüge, immerhin ist er Mastermind und Gitarrist der Gothic-Metaller von Jesus On Extasy.“

Black Messiah haben einen neuen Mitstreiter in der Horde. Die Band hatte nämlich nach dem letzten Album ,First War Of The World‘ den alten Gitarristen Zoran zu ersetzen. Gevatter Zagan berichtet:

„Wir haben uns da einen richtigen Altrocker in die Gruppe geholt. Frangus hat sich bei uns vorgestellt und er war bereits nach fünf Minuten in der Band. Ich weiß, das klingt unglaublich, es ist aber ganz genauso gewesen. Er hat uns beim Vorspielen direkt mal mit Johann Sebastian Bach überrascht und, schwupps, war er drin. Man muss aber auch sagen, dass der Kerl Gitarre spielt wie ein Derwisch. Den muss man sogar ab und zu mal bremsen, sonst vergisst der alles um sich herum. Auch vom Typ her ist Frangus ein absoluter Hauptgewinn für uns. Ich habe mich in den letzten eineinhalb Jahren so oft über ihn schlapp gelacht, das kann ich schon gar nicht mehr zählen. Er kommt aus der ehemaligen DDR und war einer der ersten Metaller da drüben. Er erzählt immer Geschichten von der Zeit vor der Wende und auf welchen abenteuerlichen Wegen er sich Shirts, Kassetten und so was alles besorgt hat. Und bei der NVA war er auch. Auch diese Geschichten sind der Brüller. Es lohnt sich wirklich, den Mann kennen zu lernen. Er sagt, dass er es bei uns ebenfalls total genießt, weil er schon immer so etwas machen wollte, aber die letzten 15 Jahre damit zugebracht hat, in einer Cover-Band zu versauern. Na ja, ein Musiker ist eben teilweise eine Hure. Manchmal muss man eben auch das tun, was Geld einbringt.“

Im Weiteren bewegte sich der Interview-Dialog dann dazu hin, welche speziellen Belange beim Komponieren und Einstudieren des neuen Materials wohl Vorrang genossen haben mögen.

„Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mir niemals großartig Gedanken über künstlerische Ziele mache, bevor ich damit anfange, an neuen Songs für Black Messiah zu arbeiten. Es ist viel eher so, dass mir beim Herumklimpern meist irgendwelche Lines einfallen, die ich dann einfach mal ausprobiere. In diesen Dingen bin ich ein Gefühlsmensch. Es ist mir auch nicht wichtig, ob ein Song einfach oder schwierig zu spielen ist. Entscheidend ist der Faktor, dass die Melodie und die Musik im Ohr hängen bleiben. Da gibt es aber auch in der Geschichte der Musik tausende von Beispielen. Jeder kennt beispielsweise ,Paranoid‘ von Black Sabbath. Ein absoluter Ohrwurm, den jeder Gitarrenschüler drauf hat, der das Glück hat über zehn Finger zu verfügen und ein Dreiviertel Jahr lang den Unterricht durchgehalten hat. Auf der anderen Seite könnte ich aber keinen Song von Dream Theater vorsummen. Musik muss nicht schwer zu spielen sein, um gut zu sein. Wichtig ist für mich eher der Abwechslungsreichtum. Ich glaube wir haben es bisher immer geschafft abwechslungsreiche Alben aufzunehmen. Ja, vielleicht ist das der künstlerische Anspruch den wir an uns haben. Abwechslungsreiche Musik mit Melodien zu kreieren, die im Ohr bleiben. Alles andere entwickelt sich aus unserem eigenen Musikgeschmack von alleine.“

Die neue Musik der Band wirkt auf mich als Black Messiah-Fan der allerersten Stunde bemerkenswert stilsicher, erstaunlich reif sowie durch und durch von innerer Überzeugung geprägt. Zagan kommentiert meine Worte:

„Nun ja, stilsicher und reif sollte man aber auch sein, wenn man wie wir seit 1998 diese stilistische Schiene befährt. Immerhin sind das knappe 14 Jahre, in denen wir Zeit genug hatten, um unseren Stil zu finden, ihn auszuarbeiten und an ihm herum zu schleifen. Ich denke, dass wir mit der Platte ,Oath Of A Warrior‘ unseren Stil eigentlich schon gefunden hatten. Sicher, wir haben ihn ausgebaut, ihn verfeinert, aber seitdem sicher nicht mehr abgeändert. Und die Reife kommt auch mit dem Alter. Wir sind alle zwischen 34 und Mitte 40. Wir sind keine Bubis mehr und wir haben so einiges im Leben und im Musikbusiness erlebt. Wir machen, jeder für sich seitdem er denken kann, aktiv Musik. Irgendwann sollte eine gewisse Reife kommen. Und über genügend Selbstwertgefühl verfügen wir auch. Wir wissen was wir können und was wir nicht können. Es macht uns Spaß, Alben zu machen und live zu spielen. Also tun wir das, weil wir die Chance dazu haben. Wir sind keine Träumer und wir wissen ungefähr wo wir stehen. Wir geniessen diese Zeit. Niemand weiß, wie lange wir das noch können.“

Der Autor merkt nachfolgend an, dass ihn das fantastisch gut gewordene Candlemass-Cover „Into The Unfathomed Tower“ glücklich macht, welches auf „The Final Journey“ geboten wird. Wir erfahren von Meister Zagan dazu:

„Ich bin ein Kind des 80er-Jahre-Metal. Candlemass gehören für mich zu den großen fünf Lieblingsbands, die ich habe. Die anderen sind Venom, Bathory, Possessed und Mercyful Fate beziehungsweise King Diamond. Ich verschlinge noch heute die ersten vier Alben von Candlemass regelmäßig. Da geht es mir also nicht anders als Dir. Auch gerade dieser Song ,Into The Unfathomed Tower‘, der ja eigentlich recht untypisch für Candlemass ist, hat es mir angetan. Schon als ich den damals zum ersten Mal hörte, hat er sich quasi in mein Gehirn gebrannt. Ein absolut todesgeiler Track. Ich hatte eigentlich vor Jahren schon mal vor, das Stück einmal zu covern, aber damals wollten dass meine Mitmusiker nicht. Weil sie meinten, wir sollten lieber ein eigenes musikalisches Stück schreiben. Nun ja, der Wunsch ist bei mir hängen geblieben und nun konnte ich es endlich umsetzen. Ja, ich finde auch, dass diese Nachspielversion uns ganz gut gelungen ist. Wir haben natürlich das gesamte Gitarrensolo auf der Geige gemacht. Halt Black-Messiah-typisch. Es war wirklich eine Herausforderung, aber es hat unglaublich viel Freude gemacht. Und jetzt wollen wir das Ding dann auch live bringen. Ich bin ja mal gespannt, ob die Szene nicht vielleicht zu jung ist um den Song überhaupt zu kennen. Ich finde es aber richtig genial, dass es Dir mit diesem Song genauso zu gehen scheint wie mir.“

Themenwechsel: Der famose Videoclip zum Opener des neuen Albums, die berauschend schöne Eis-Hymne „Windloni“, stellt meines Erachtens nach einen ebenso hochgradig seriösen wie auch berauschend ästhetischen Höhepunkt internationalen Pagan Metal-Schaffens dar. Wie sieht Zagan den Clip persönlich im globalen Vergleich, also mit Clips der „Konkurrenz“?

Der Mann holt jetzt informativ weit aus. „Wir waren damals der Meinung, dass es einfach Zeit für uns wurde auch mal einen Videoclip zu drehen. Den Song ,Windloni‘ hatten wir bereits vor über einem Jahr fertig und wir dachten uns, dass man aus der Geschichte wunderbar einen solchen Clip machen könnte. Wir haben uns dann mit unserem Freund und Regisseur Rainer ZIPP Fränzen zusammengesetzt und ein spezielles Storyboard dazu kreiert. Wir haben uns also gegenseitig Ideen um die Ohren gehauen. Und das, was die Fans jetzt sehen können, ist das Ergebnis. Für mich war eigentlich sofort klar, dass ein Black Messiah-Video auch optisch eine Geschichte erzählen muss. Ich bin kein Freund dieser typischen ,Ich-sehe-nur-die-Band-wie-sie-zockt‘-Videos. Das ist mir zu langweilig und heutzutage leider in 90% der Fälle so. Allerdings muss ich dazu auch sagen, dass das daran liegt, dass kaum eine Plattenfirma mehr gewillt ist, ein vernünftiges Budget für ein Video herauszurücken. Meist bleibt einem da gar nichts anderes übrig, als sich damit zufrieden zu geben, sich in irgendeine Landschaft oder Bluebox zu stellen und fünf Minuten auf dem Instrument rumzuhauen. Leider ist der Markt, gerade hier in Deutschland, eigentlich nicht mehr existent, wenn es um Metal-Videos geht. Weder MTV noch Viva noch sonst irgendein Musiksender hat eine vernünftige Metal-Sendung im Programm. Also ist es auch irgendwo kein Wunder, dass die Plattenfirmen streiken, wenn es um Videos geht. Bei uns war es so, dass auch wir einen erheblichen Batzen Geld selber zuschiessen mussten, um die Möglichkeit zu haben, ein solches Video mit Special-Effects in den Bergen zu drehen. Es war uns wichtig, ein gutes Produkt zu haben. Nur ein solch‘ typisches Video hätten wir auch gar nicht gemacht, dazu hatten wir keine Lust. Wir sind es eigentlich gewohnt, jeden Cent wieder in die Band zu re-investieren, damit auch etwas vernünftiges dabei rauskommt. Ich weiss, dass viele das vielleicht nicht glauben werden, aber so ist es. Ich denke schon, dass wir mit diesem Video in der Pagan Metal-Szene vorne mit dabei sind. Es gibt heute, wie schon gesagt, im Metal-Bereich kaum mehr Videos mit Tiefgang und einer vernünftigen Story, und wir haben versucht, ein solches zu machen. Was es im Endeffekt gekostet hat, war uns von Anfang an völlig egal.“

Das ungewöhnliche Unterfangen zum „Windloni“-Dreh in den österreichischen Bergen war sehr abenteuerlich; ja, geradezu gefährlich für die Recken von Black Messiah. Der Violinist und Sänger berichtet mit Tiefgang im Stimmklang resümierend darüber, was der Gelsenkirchener Heiden-Trupp dort Spannendes erlebt hat. Es folgt Einzigartiges:

„Das war schon ziemlich krass. Eigentlich wollten wir ja im Siegerland drehen. Da lag echt viel Schnee über Wochen. Aber genau drei Tage vor Beginn der Dreharbeiten war der Schnee plötzlich weg. Wir standen da also ohne Schnee, und irgendwie war uns klar, dass wir ein Video über den Eiswind schlecht auf einer Blumenwiese drehen konnten. Also hat unser Regisseur Rainer die Superidee gehabt, ins Zillertal zu fahren, weil er da einige Leute kennt, die uns sicher in die Alpen führen könnten, und Schnee hätten die ja eh genug. Wir haben also alle erst mal herzlich gelacht und Rainer belächelt. Als wir dann merkten, dass er das wirklich ernst meinte, haben wir aber dann zugestimmt und uns auf eine Reise begeben, über die unsere Enkel sicher noch ihren Enkeln erzählen werden. Wir haben uns also in einer Nacht und Nebel-Aktion über die Grenze nach Österreich geschlichen und sind dann dort ins Skigebiet vorgestoßen. Ich muss sagen, dass die Wintersportler uns schon recht schräg angeschaut haben, als wir mit unseren Kostümen über die Pisten gewackelt sind. Ich denke mal, so etwas haben die da auch noch nicht erlebt. Wir haben also dann mal zwei Tage Zeit gehabt, um das Video in den Kasten zu bekommen. Ich kann den Lesern sagen, dass es ein Abenteuer war, einen schweren Wikinger-Thron auf über 2.000 Meter Höhe auf den Gipfel eines Berges zu bekommen. Wir haben es aber mit Unterstützung unserer österreichischen Aufpasser und den Skiliften letztlich doch noch geschafft. Unser Bassist war am Ende nicht nur total fertig, sondern auch ziemlich sauer, weil wir ihm ein Kettenhemd angezogen hatten, bevor er auf den Berg geklettert ist. Ja, ich muss zugeben, dass war eine Schnapsidee! [lacht] Aber bis zum Ende des Drehs ist alles gut gegangen. Als wir dann nach getaner Arbeit müde und am Ende oben auf dem Gipfel standen, kam die Frage auf, wie wir denn jetzt wieder vom Berg runterkommen würden. Unsere österreichischen Freunde drückten uns ein paar Rennrodel-Schlitten in die Hand und sagten ,Fahrt langsam und vorsichtig einfach die Pisten runter.‘ Coole Idee eigentlich. Ich bin mir sicher dass in Österreich so etwas auch wirklich jedes fünfjährige Kind kann. Aber ein paar Ruhrpottlern einen Rennrodel zu geben, die ja Berge eigentlich nur vom Fernsehen her kennen, das war dann schon recht abenteuerlich. Genauso gut hätten sie uns in einen Düsenjet setzen können mit den Worten ,Fliegt langsam!‘ Das hätte genauso gut geklappt. Passiert ist dann folgendes: Nachdem Brööh und ich uns schon auf den Bart gelegt hatten, weil unser Rennrodel uns unterwegs einfach mal verloren hatte, kam von schräg über uns auf einmal eine Gestalt angesaust, die wir aus den Augenwinkeln als unseren Gitarristen Frangus identifiziert hatten.“

Und da der gute Frangus Mittelalterkleidung trug, die nicht unbedingt zum Rennrodeln geeignet ist, so Zagan ergänzend, klappte sich dessen Wams also erst mal aufgrund des Fahrtwindes über seinen Kopf, so dass er nicht mehr sehen konnte wo er hinfuhr.

„Frangus überholte also erst mal zwei Abfahrtsläufer, die in typischer Hocke die Piste herunterjagten. Beide schauten in diesem Moment übrigens arg irritiert drein, weil sie wohl nicht glauben konnten was sie da gerade sahen. Und Frangus machte dann plötzlich und ohne Sinn eine scharfe Kurve nach links. Dass der Berg aber links aufhörte und über 100 Meter steil nach unten abfiel, war eine Tatsache, der sich unser Frangus in diesem Moment wohl nicht bewusst wahr. Also machte es kurz ,hui‘ und Frangus flog mit wahnsinniger Geschwindigkeit den Abhang über 100 Meter in freiem Fall herab. Brööh und ich schauten uns nur kurz an und rannten sofort zur Klippe. Als wir herunterschauten, sahen wir da unten nur spitze Felsen und sonst nichts. Ich muss zugeben, dass ich in diesem Moment wirklich Angst hatte. Ich war mir sicher, dass das keiner überleben konnte. Auch Brööh war mit einem Male weiß wie der Schnee geworden, auf dem wir gerade standen. Uns zitterten wirklich die Knie und man war in diesem Moment unfähig irgendetwas zu tun. Als wir den ersten Schock verdaut hatten, fingen wir an, die Skipiste herunter zu rennen. Andere Wintersportler haben das auch mitbekommen und standen am Abhang. Doch niemand hatte Frangus gesehen. Als wir fast unten waren, trafen wir einen Skifahrer, der uns erzählt hat, dass der Mann sich unten wohl bewegt hätte und wohl leben würde. Also sind wir weiter runter. Unten angekommen kam dann auch unser Frangus und einer unserer österreichischen Helfer an, der sich wahrscheinlich in diesem Moment am liebsten selber in den Arsch gebissen hätte, weil er irgendwelchen dahergelaufenen Ruhrpott-Heinis so etwas wie einen Rennrodel in die Hand gegeben hatte. Was war also passiert? Aufgrund der Tatsache, dass Frangus einen so extremen Speed drauf hatte, als er abgesprungen war, hat er das Glück gehabt, etwa einen Meter hinter den spitzen Felsen zu landen. Da gab es nur Tiefschnee, und genau da ist er reingefallen. Er steckte dann bis zum Hals darin fest und brauchte ein paar Minuten, um sich selber daraus zu befreien. Im Nachhinein kann man echt darüber lachen, und ich glaube wir alle haben mehrere Heiterkeitstränen auf der Rückfahrt aus Österreich vergossen. Man muss ja auch sagen, die Vorstellung ist einfach zu geil: Da springt einer in Wikinger-Kleidung mit Schwert am Gürtel und Rundschild auf dem Rücken mit einem Rennrodel aus über 100 Meter vom Berg. So etwas haben die im Zillertal sicher noch nie vorher gesehen. Zum Glück waren die Götter bei unserem Frangus. Es war also noch nicht die Zeit für ihn, um an Odins Tafel Platz zu nehmen.“

Wir beide sprechen im Anschluss über die auf „The Final Journey“ enthaltene Neuvertonung von „Feld der Ehre“. Und darüber, wie diese neue Einspielung zustande kam und was Zagan auf emotionaler Ebene beim neuerlichen Arbeiten an dem Lied erlebte.

„,Feld der Ehre‘ ist ein Song, der immer wieder mal von Leuten auf Konzerten gefordert wird. Da wir uns überlegt hatten, den dann auch mal in unser Programm aufzunehmen, um den Bitten zu entsprechen, hatten wir uns gedacht, ihn direkt auch mal neu aufzunehmen, da ja die Sound-Qualität des ,Oath Of A Warrior‘-Albums schon stark an der Idealvorstellung unseres Sounds vorbei geht. Ausserdem hatten wir damals ja einen Gastsänger für diesen Song verpflichtet. Wir sind also ins Studio, um den Song erneut aufzunehmen, damit ich ihn dieses Mal singen konnte. Als die Musik im Kasten war, stellte ich mich in die Aufnahmebox und merkte eigentlich ziemlich schnell, dass meine Stimme überhaupt nicht zu diesem Song passt. Ich konnte ihn einfach nicht singen, weil die Tonlage mit meiner Stimme überhaupt nicht harmonierte. Da der Song aber ansonsten fertig war und uns auch allen gefiel, suchten wir nach einer Möglichkeit, um den Song zu ,retten‘. Da fiel uns unser Freund Frost von Adorned Brood ein. Also fragte ich ihn, ob er Lust hätte den Song auf unserem Album zu singen. Er hat sofort zugesagt, und direkt einen Tag später mit uns aufgenommen. Ich finde das Ergebnis sehr gut. Seine raue Stimme ist genau dass, was der Song gebraucht hat. Danke, Frost! Emotional ist ,Feld der Ehre‘ für mich immer noch. Ich finde, dass mir da eine schöne Melodie gelungen ist. Ich weiss, dass viele Leute den Song aber auch nicht mögen, weil er ihnen zu pathetisch oder sie ihn sogar schmalzig finden. Aber weisst Du was? Es ist mir egal. Wir haben immer das gemacht was wir wollten, und das wird auch immer so sein. Ich sage immer, es ist besser wenn 50% deine Songs lieben und 50% sie hassen, als wenn alle sagen, es sei durchschnittlich.“

Viele alte Black Messiah-Verehrer werden sich wie ich ganz bestimmt sehr freuen, dass mein Gesprächspartner noch immer vollauf zu dem Text von „Feld der Ehre“ steht. Zagan, ein echter und ewiger Überzeugungstäter also?

„Ich meine immer das, was ich singe. Wenn das nicht so wäre, würde ich ja nicht nur mich selber bescheissen. Ich denke auch nicht, dass ich meine Meinung ändern werde. Immerhin haben sich ja auch die Voraussetzungen des christlichen Glaubens, der Kirche oder der Christen an sich nicht geändert. Die Historie ist eh in Stein gemeißelt und lässt sich nicht ändern. Also steht meine Meinung mindestens genauso fest im Fels. Auch hierbei ist mir klar, dass viele Leute meine Meinung hassen oder sie blöd finden. Auch damit kann ich leben. Wer meine Ergüsse nicht hören mag, der soll halt keine Musik von Black Messiah hören. Das bleibt ja jedem selber überlassen. Fakt ist, dass ich es unheimlich mag, zu provozieren. Das mag ich sogar teilweise auf recht plumpe Art machen, aber so versteht es wenigstens auch der letzte Vollidiot. Ich habe mich mit der Deutlichkeit meiner Aussagen und Texte nie hinter dem Berg gehalten, und auch nicht mit meiner Überzeugung, was Kirche, christlichen Glauben oder Nazis angeht. All diese Gruppierungen kommen bei mir nicht gut weg. Aber das haben sie sich selber zuzuschreiben. Ich weiss, das sehr viele Pagan Metaller meine Meinung und meine Überzeugungen teilen. Andere tun dies nicht. Es ist nunmal eine persönliche Sache, wer was glaubt, tut oder sagt. Ich werde mich nicht ändern. So bin ich und so war ich immer. So werde ich auch noch sein, wenn ich meine Augen für immer schliesse.“

Das wunderschön nuancierte Violinspiel von Zagan in „Feld der Ehre“ klingt dermaßen beseelt und von gigantischer Hingabe durchtränkt, dass es mich als Gefühlsmensch tief betroffen macht. Aber auch sonst auf dem neuen Album sind diesem Überzeugungstäter viele sehnsüchtig machende Violin-Passagen geglückt. Der wuchtige Ästhet bezieht Stellung:

„Also erst einmal finde ich es schön, wenn es Dir gefällt; das hört man als Musiker natürlich gern und genau deshalb macht man das alles. Ich bin klassisch ausgebildeter Musiker. Ich spiele Geige seitdem ich drei Jahre alt bin. Ich habe niemals eine Pause eingelegt und mache Musik seit jeher exzessiv. Es sollte nach all dieser Zeit eigentlich schon so sein, dass man damit dann auch begeistern kann. Ich denke aber auch, dass ich musikalisches Talent besitze, um nicht nur selber zu spielen, sondern auch um Songs zu schreiben. Gefühlslagen sind wichtig beim Komponieren. Ein Song klingt letztendlich immer so, wie man sich zur Zeit der Komposition selber gefühlt hat. Ich würde mich schon als kreativen Musiker bezeichnen. Jedenfalls hat noch niemals jemand kritisiert, dass unsere Scheiben eintönig wären. Ganz im Gegenteil hat jetzt sogar jemand in einem Review geschrieben, die neue Black Messiah-Scheibe sei schlecht, weil sie zu abwechslungsreich ist. Wie bitte? Was ich von dieser Aussage halten soll, weiss ich selbst nicht. Vielleicht kannst Du es mir erklären. Ich denke genauso gut könnte man sagen: ,Der neue Bruce Willis-Film ist scheisse, weil der ja viel zu spannend ist.‘ Für mich ist Abwechslungsreichtum ein riesiges Kriterium in der Musik. Das ist genauso wichtig wie schöne Melodien. Ich halte die Kritik die ich angesprochen habe, also für Nonsens.“

Es scheint seit einigen Monaten ganz so, als ob der „Große Pagan Metal-Boom“ fürs Erste vorbei ist. Ich frage Zagan daher gezielt, wie eine Band wie Black Messiah diesen Wandel erlebt. Der ausgesprochene Freigeist konstatiert in aller Besonnenheit zu diesem Kontext:

„Man muss ehrlich sagen, dass es aber auch zu viel war in letzter Zeit. Als Fan wurde man ja quasi mit Konzerten und Festivals zugebombt. Man konnte im Sommer eigentlich jedes Wochenende auf drei verschiedene Festivals und fünf Einzelkonzerte gehen. So etwas geht gar nicht gut und das hat die Szene auch letztlich kaputt gemacht. Wer soll so viel Kohle haben, um so viele Live-Konzerte zu sehen? Also haben sich die Leute nur noch ihre absoluten Faves angesehen. Daraus folgte, das fast alle betreffenden Bands schließlich nur noch vor halbvollen Hallen gespielt haben. Gut ist das weder für Bands noch für Fans. Leider ist es so, dass die Geldgier der Veranstalter dafür sorgt, jede Szene erst mal kaputt zu machen. Das war bei der Thrash-, Black- und Death Metal-Welle so. Jetzt hat es den Pagan Metal erwischt. Es wird immer so weitergehen. Das tut weh. Wir haben es natürlich genauso erlebt wie viele andere Bands auch. Touren sind schlechter besucht, Konzerte auch aber Anfragen waren immer da. Wir passen selber schon auf, nicht zu oft in den einzelnen Regionen zu spielen. Ich meine, was bringt einem das, wenn man als Gruppe beispielsweise binnen drei Monaten fünf mal im Ruhrgebiet spielt und vier mal in Bayern? Das ist totaler Quatsch. Es existierte in den letzten Monaten und Jahren ein absolutes Überangebot. Na gut, das Positive daran ist, dass die Szene jetzt anfängt, sich selber zu reinigen. Es bleiben einige Bands übrig und viele verschwinden von der Bildfläche. Ich habe mich entschieden, dass wir eine der Bands sind, die bleiben werden. Immerhin gab es uns schon, da hat noch niemand über eine Pagan Metal-Szene nachgedacht. Wir haben schon Jahre vor Finntroll Humppa, Polka und solcherlei Zeug gemacht. Das weiss kaum jemand, höchstens die Leute, die unser allererstes Album kennen. Da ist der Beweis drauf. Ich finde wir haben es nicht nötig zu verschwinden. Wir machen weiter.“

Wie Black Messiah und ihre Musik von den Metal-Fans außerhalb des Pagan-, Heathen- und Viking Metal-Lagers eigentlich bislang so aufgenommen wurden, darüber drehte sich nach weitere angeregte Zwiegespräch.

„Es ist ja im allgemeinen so, dass der Pagan Metal in der gesamten Szene immer noch keinen unheimlich guten Ruf besitzt. Ich weiß nicht warum, aber so ist es leider. Wir haben allerdings keine Probleme mit Bands oder Fans ausserhalb des Genres. Sicherlich halten einige der Aussenstehenden all die Pagan Metaller für Freaks, aber auch das interessiert mich herzlich wenig. Ich selber bin ja auch wie erwähnt ein 80er Jahre-Black-Thrash-Mensch, zusätzlich Paganer der ersten Stunde und ansonsten so wie viele andere Leute hier im Ruhrgebiet. Sicher nix besonderes, aber zu sagen habe ich trotzdem ab und zu mal etwas. Ich habe es damals immer genossen, einfach nur Metaller zu sein, und das bin ich heute eben auch noch. Leider ist der Zusammenhalt in der Szene nicht mehr so wie in den guten alten 80ern. Die Lager haben sich etwas voneinander distanziert. Damals war es egal, ob dein Backpatch von Kreator, Iron Maiden, Metallica. Motörhead oder Running Wild war. Da haben alle zusammengehalten. OK, das lag auch daran, das es viel weniger Metaller gab als heute. Trotzdem vermisse ich das etwas. Irgendwann erschienen da Typen, die sich als elitär angesehen haben, was an sich schon krank und dämlich ist. Solche Heinis konnte ich nie leiden. Aber die haben damals damit angefangen, etwas zu zerstören. Ich sehe es immer noch so ... es gibt zwei Gruppen von Menschen auf der Welt: Metaller und die anderen. So war das Denken in den 80ern und auch wenn dieses Denken extrem simpel ist, so hat es doch seinen Reiz gehabt. Ich mochte das sehr.“

Wie Charaktermensch und Individualist Zagan daran anschließend offenbart, liegen ihm die Texte der Lieder seiner Truppe nach wie vor auch stets sehr am Herzen. Er spricht dazu sehr ambitioniert:

„Natürlich habe ich selber immer Freude an den Texten, welche zusammenhängende Dinge erzählen, wie jetzt hier beispielsweise die ,Naglfar‘-Saga. Das liegt halt irgendwie daran, dass man ein Gesamtwerk betrachten kann. Ansonsten, vom ersten Teil der Platte, denke ich, gefallen mir die Lyriken zu ,Lindisfarne‘ und ,Der Ring mit dem Kreuz‘ ganz gut. Ich erzähle halt gerne Geschichten. Und vor allen Dingen liebe ich es zu provozieren, aber das Thema hatten wir ja bereits vorher.“

Zu weiteren Leidenschaften neben der Musik an sich ist ihm noch zu entlocken, dass der Black Messiah-Fidelspezialist die kommende Fußball-EM mit beinahe allen Sinnen herbei sehnt. Ihm selbst ist dieser Umstand fast ein wenig peinlich, wie er mir eher scherzhaft bekennt.

„Blöd, was? Jetzt denkt jeder, da kommt was richtig Wichtiges, und dann so etwas. Ist aber wahr. Ich freue mich immer auf so etwas. Im Weiteren freue ich mich natürlich auch auf die kommende Festivalsaison. Ich mag es sehr, mit Freunden und Kumpels auf Festivals zu sitzen und mich zu amüsieren. Einfach nur so als Festivalbesucher, meine ich jetzt. Ich kann dabei wunderbar abschalten und es einfach nur geniessen. Und dann steht da natürlich noch die Frage im Raum, ob die Welt jetzt 2012 wirklich untergeht. Ich finde es echt heftig, wie viele Leute dies wirklich denken. Die wenigsten kommen auf den Gedanken, dass die Mayas vielleicht noch was anderes als die totale Apokalypse gemeint haben könnten betreffs dem Ende ihres antiken Kalenders. Ich lasse mich da also einfach mal überraschen.“

Um das ausgedehnte Gespräch noch zünftig abzurunden, erfragte ich, wann Zagan seinen letzten Vollrausch hatte, was seine Lieblings-Biersorte ist und wie ihm der Honigwein Met mundet. Wir erleben schonungslose Offenheit, mitgeteilt unter herzlichem Lachen:

„Letzten Samstag war es mal wieder soweit. Da war ich ehrlich gesagt so richtig voll. Ich hatte Abends ein paar Freunde zu mir eingeladen, weil meine Frau mit ihren Freundinnen weg war. So eine Chance nutze ich dann ganz gerne für einen Männerabend. Einige aus der Band waren auch dabei. Wir haben Fußball geschaut, laute Metal-Musik gehört und Whisky getrunken. Es war wunderbar. So etwas machen wir öfter. Meine Lieblingssorte? Nun ja, ich bin Whiskytrinker. Ich liebe es, einen guten Scotch zu geniessen. Wenn es darum geht, sich zuzuschütten, bevorzuge ich allerdings eine schmissige Bourbon-Cola-Mixtur. Ich selbst trinke ohnehin kaum Bier. Und wenn, dann am liebsten Stauder Pils oder Veltins. Met trinke ich kaum, obwohl ich es ganz gerne dann und wann genieße. Ich bekomme von Met aber einen richtig dicken Kopf. Um dem entgegenzuwirken, bleibe ich also lieber beim Whisky. Das Zeug vertrage ich nämlich am allerbesten und es schmeckt mir auch sehr gut.“

© Eckbert, 09.02.2012

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