Interview: ARKONA
Titel: Heroische Einladung an die alten Götter

Diese Russen um die außergewöhnliche Sängerin, Komponistin and Lyrikerin Masha „Scream“ Arhipova rühmen seit Anfang 2002 die alten slawischen Götter unter dem Banner großartiger Musik. Dem Zentrum ihrer lokalen heidnischen Gemeinde entstammend, sammelten Masha and Alexander „Warlock“ Korolyov ihre spirituellen Kräfte um ihre eigene Pagan Folk Metal Band zu gründen. Zunächst als Hyperborea bekannt, machte die starke Horde unter dem Namen Arkona weiter. Und mit ihrem neuen und vierten Studioalbum, dem Meisterwerk „Ot Serdca K Nebu“, übersetzt „Aus dem Herzen zum Himmel”, haben diese Großartigen wieder mein Herz im Sturm genommen. Diese neue Scheibe ist massiv angefüllt mit mächtigen Gitarrenstürmen, donnernden Trommel-Attacken, anmutigen ethnischen und folkloristischen Instrumentierungen von höchst epischer Präsentation, mitreißenden Chorarrangements und vor allem mit hypnotischen edlen Melodien! Durch das Mitwirken der Sänger des weißrussischen Folklore-Chors werden Arkona’s Songs wirklich mächtig. Wie üblich thront Masha hoch über allem mit ihrer unglaublich variablen Stimmkunst, die einige atemberaubende Hörerlebnisse garantiert. Der bekannte belgische Künstler Kris Verwimp erschuf für diese fantastische neue Platte außer den ins Auge springenden Booklet-Designs zusätzlich noch ein beeindruckendes Frontcover, das wirklich die heroische Seele und den kraftvoll magischen Heidengeist auf „Ot Serdca K Nebu“ in graphischer Form einfängt.

Daher war es mir nicht möglich auch nur eine Sekunde zu widerstehen: Ich musste mit Masha über den großartigen Silberling „Ot Serdca K Nebu“ sprechen.

„Jeder von uns ist ein aufrechter Patriot unseres Geburtslandes. Wir schätzen und schützen unser Vaterland daher, soweit es uns nur irgend möglich ist. Unglücklicherweise ist hier bei uns nicht alles so gut, wie es sein sollte, vor allem vom finanziellen und politischen Standpunkt aus gesehen – niemand kümmert sich jedoch ernsthaft um die Situation in Russland. Aber wir sind es gewöhnt in solchen Verhältnissen zu leben und so leben wir weiterhin unser gewöhnliches tägliches Leben“, eröffnet Masha mit etwas beklagendem Unterton in der Stimme den Interview-Dialog.

Jeder in der Band hat eine Arbeitsstelle, welche den größten Teil des Lebens außer Arkona in Anspruch nimmt, berichtet sie mir im Anschluss.

„Den Rest der Zeit versuchen wir mit Proben, Konzerten und allen anderen unsere Band betreffenden Dingen zu verbringen. Die anderen Jungs haben auch noch eine Band namens Rossomahaar, die auf Grund der vielen Aktivitäten mit Arkona etwas in Vergessenheit geraten ist. Aber da wir nun das aktuelle Album aufgenommen und die Tour dazu beendet haben, denke ich, dass die Jungs ihre ganze Freizeit nutzen werden um mit Rossomahaar wieder kreativ zu sein.“

Die Arbeiten am aktuellen Albumwerk waren kompliziert und hart, so die Vokalistin:

„Wir haben viel Aufwand und Zeit in dieses Album gesteckt. Als erstes habe ich ein Jahr lang Songs dafür geschrieben. Dann folgten sechs Monate Proben und schließlich haben wir das Material aufgenommen. Im Herbst 2007 ist es dann veröffentlicht worden. Wir haben ein großes Veröffentlichungskonzert in Moskau dazu gespielt. Wir haben da eine große Show veranstaltet und auch eine DVD davon produziert, welche noch geschnitten werden muss, aber in naher Zukunft veröffentlicht wird.“

Mit „Ot Serdca K Nebu“ ist nicht nur die russische Sängerin sehr zufrieden, sondern auch die gesamte Arkona-Horde, wie zu erfahren war:

„Ich denke, dass "Ot Serdsa K Nebu" unsere bisher beste Aufnahme ist. Auf dieses Ergebnis musste ich sehr lange warten. Das haben wir eine ganze Weile versucht zu erreichen. Sergey, unser Gitarrist und Produzent, machte das Unmögliche möglich, als er eine große Anzahl von Instrumenten und Stimmen zu einem fantastischen Sound mischte. Kurz gesagt, mit diesem Album wurde ein Traum wahr. Momentan bin ich auf kreativem Sektor etwas blockiert, weil ich nicht weiß, was ich als nächstes komponieren soll, um es das nächste Mal noch besser zu machen als bei diesem Album. Zur aktuellen Veröffentlichung gibt es ohnehin eine Menge verschiedene Meinungen: Viele Leute denken, dass dieses Album die beste aller Arkona-Scheiben ist. Einige mögen die Platte nicht so sehr und bevorzugen generell unsere früheren Werke, die von einfacherer Natur waren, beispielsweise unsere erste CD "Vozrozhdenie".“

Und was nun genau ihr Hauptfokus in der Musik von Arkona ist, das kann mir Masha nicht genau sagen. Es folgt Ehrliches:

„Und ich weiß übrigens gar nicht, wie man die Aufmerksamkeit fokussiert beim Erschaffen von Musik an sich. Alles muss letztlich vereint sein. Beim Schreiben der Lieder denke ich als erstes an die Melodie, danach wähle ich ein Arrangement. Eher selten nehme ich eine Gitarre und entwickle ein Riff, transferiere es zu Midi und wähle dann ein Arrangement und eine Melodie. Sondern meistens entsteht alles in meinem Kopf“, entfährt es ihr mit freudigem Lächeln.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der beliebten Russenhorde sind nicht nur im Moment perfekt, sondern sie waren es bisher auch immer, weiß Masha mir zu erzählen. „Manchmal gibt es zwar Meinungsverschiedenheiten, aber wir finden immer einen Kompromiss.“

Alle Arkona-Alben unterscheiden sich ohnehin musikalisch, atmosphärisch und generell vom Klang her, stellt die Sängerin dar. Sie präzisiert:

„Beispielsweise diese zwei Alben sind von absolut unterschiedlicher Natur – "Vo Slavu Velikim" ist mehr im Folklore-Bereich gehalten, während das neue Album hingegen eher episch und düster geworden ist. Und es gibt darauf mehr langsame Folkloresongs, eher im Black Metal-Stil. Diese neue CD ist sehr anders in ihrer Stilistik. Es gibt keine Lieder im alten Arkona-Stil wie etwa "Vijdu Ya Na Volyushku" oder "Maslenitsa", aber gleichzeitig gibt es solche Hits wie "Slavsya Rus'" und "Ot Serdca K Nebu". Es erinnert eben nur ein wenig an unser altes Material. Es gibt auf der "Vo Slavu Velikim"-CD einen Song, den ich geschrieben habe, nach dem ich den russischen Film "Rus' Iznachalnaya" gesehen habe. Er hat denselben Titel und Inhalt. Als ich "Ot Serdsa K Nebu" komponiert habe, gab es so etwas jedoch nicht, alle neuen Lieder basieren auf meiner Weltsicht und meiner Ideologie.“

Da fragte ich gezielt nach, was die Russin am meisten an der russischen Flora und Fauna inspiriert. Masha gibt zu Protokoll:

„Die russische Natur ist individuell. Sie erfüllt meine Seele mit Reinheit, die nur ihr gehört. Sie inspiriert mich für ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen. Die meisten der neuen Lieder sind zudem der Wiedergeburt vergangener Traditionen gewidmet, der Rückkehr zur Vergangenheit – aber es gibt auch Songs mit anderen Inhalten. Zum Beispiel der erste Track "Pokrovi Nebesnogo Startsa" handelt von einem sterbenden Krieger, der auf dem Schlachtfeld liegt und Veles darum bittet ihn schnell in die Welt der Toten zu holen, die wir `Nav' nennen. Es gibt auch einige Lieder wie "Kupala" und "Sva", die sich auf bestimmte Gottheiten beziehen. Die Ballade "Oj, Pechal'-Toska" ist über ein unglückliches Mädchen, die einen verheirateten Mann liebt. Sie wird schwanger und ertränkt sich am Ende.“

Was die Künstlerin über das Christentum denkt, erörterte sie mir im Anschluss.

„Meine Sichtweise und meine Einstellung bestehen aus meiner mir angestammten beziehungsweise angeborenen Religion. Das Christentum ist mir fremd. Das ist nicht unsere Religion. Sie kam von weit her und nahm unsere Erde mit brutaler Gewalt und Blut. Das ist die Doktrin anderer Menschen. Sie wirft Staub in die Augen der Menschen und unterrichtet sie im Konzept der Sklaverei. Wie aber können wir Sklaven sein? Unsere eigenen Regeln sprechen von Freiheit, die uns aber geraubt wurde. Ich selbst versuche mit aller Kraft alles wiederzuerlangen, das vor so langer Zeit verloren ging: Alle Dinge auf der Welt haben zwei Gesichter – schwarz und weiß. Der Tag ist das Gegenteil der Nacht, das Leben das Gegenteil des Sterbens. Und, sogar wenn man sich den Himmel ansieht, erkennt man, dass der Mond das Gegenteil der Sonne ist! Die Welt hält daran fest. In unserer Mythologie sind alle weltweiten Gegensätze durch die ewige Schlacht zweier Götter vereint: Belobog und Chernobog. Und solange sie kämpfen herrscht ein Gleichgewicht, sollte jedoch einer gewinnen, bedeutet dies das Ende der Welt.“

Viele Musiker aus dem Black- und Pagan Metal kreieren antichristliche Musik, gehen aber auf philosophischem Sektor leider nicht viel weiter. Lebt und atmet Masha den Geist des Pagan Metal also immer noch jeden Tag?

„Natürlich“, schießt es aus ihr heraus, „meine Sichtweise bestimmt alle anderen Positionen im Leben, darauf bin ich stolz. Heute hat die Zivilisation eine Stufe erreicht ohne die ein moderner Mensch ja leider gar nicht mehr leben kann. Autos, Fahrstühle und Computer beispielsweise sind ein notwendiger Bestandteil der Existenz geworden. Die Menschen können dadurch vom Beginn an leichter auf der Welt überleben. Hätten unsere Vorfahren Autos entwickelt – ich denke, sie hätten sie benutzt. Und wenn sie moderne Küchen gehabt hätten, hätten sie sicherlich kein Lagerfeuer zum Kochen benutzt. Das ist eben ökonomischer. Ich selbst möchte die Zerstörung unserer Gesellschaft ehrlich gesagt nicht mehr erleben. Man sollte meiner Meinung nach alles sowieso so ursprünglich belassen wie es immer war.“

Wo sieht diese ausgesprochene Idealistin die Musik von Arkona in fünf oder zehn Jahren und, welche Rolle spielt sie wohl darin? Masha:

„Schwer zu sagen, alles wird sich auf jeden Fall ganz natürlich entwickeln. Wir haben viele Wünsche, aber es gibt keine Sicherheit, dass das auch alles einmal wahr wird. Wir versuchen immer gegen den Strom zu schwimmen und die Götter werden uns helfen. Nur sie wissen was in Zukunft auf uns wartet“, so die Vokalistin.

Und sie fährt zu diesem Kontext fort: „Unsere Ideologie ist besonders individuell. Ich bin Rodnover, das ist der Name meiner "heidnischen" Ideologie. Wir benutzen das Wort "heidnisch" eigentlich nicht, weil es nicht richtig ist. "Heidnisch" ist eine Person, die eine andere Religion hat. Für Christen sind wir also Heiden und für uns sind sie Heiden. Wir aber sind Rodnoverie. Rodnoverie beinhaltet einen großen Pantheon an Göttern, bei dem es viel Zeit und Geduld bräuchte, um sie alle aufzulisten. Es gibt die Gesetze des Prav', mit denen wir leben. Sie sind die Hauptprinzipien unserer Ideologie. Wenn sich jemand für unser Leben interessiert, sollte er etwas speziellere Literatur über die alten Slawen lesen.“

Die meiste Liebe empfindet die Musikerin über ihre Kunst hinaus für ihre Familie und ihre Arbeit und so soll es ihrer anschließenden Aussage nach auch in der nahen Zukunft bleiben. Hingegen hasst sie es, wie sie mir offenbart, mit Menschen, die ihr nahe sind, zu streiten und Auseinandersetzungen zu führen über Dinge, die ihr persönlich heilig sind. Verständlich.

Welches Arkona-Konzert in der Vergangenheit nun das Erfolgreichste war, kann Masha mir nicht genau bestimmen. Denn:

„Wir haben bislang an vielen Orten in Russland gespielt und haben daneben auch schon die Ukraine, Weißrussland, die Slowakei, Tschechien und Deutschland für Bühnenauftritte besucht. Überall haben sich gute Konzerte mit nicht so guten abgewechselt. Auf Tour gibt es ja sowieso immer irgendwelche Probleme mit der Organisation, und auch manchmal mit der Gesundheit oder irgendetwas anderem. Das kann alles Einfluss auf die Auftritte haben. Aber wir versuchen immer mit aller Kraft zu arbeiten, weil die Leute, die zu unseren Shows kommen, an den Problemen ja keine Schuld tragen. Eckbert, ich wünsche dir, dass Du niemals still stehst und dich vorwärts entwickelst, egal was sonst passiert. Viel Glück! Mögen die Götter Dich retten!“

© Eckbert, 02.04.2008

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