Interview: ARATHORN
Titel: Im Sinne uralter Werte

Am Rande Berlins lebt, philosophiert und musiziert jemand mit aller Leidenschaft, dessen riesengroßes Herz glücklicher Weise auch für epischen Pagan Metal schlägt. Ein absoluter Ausnahmemensch, mit edlen Motiven, gleichfalls naturverbunden als auch altgeschichtlich überaus wissend. Besagter Protagonist agiert unter dem Pseudonym Sköll, bekannt wurde sein hochwertiges künstlerisches Schaffen erstmals so richtig mit dem unvergessenen 1997er Meisterwerk „Niemals krönender als was einst war“. Mittlerweile als Gitarrist, Bassist, Drummer, Sänger und Flötist am schöngeistigen Werk, veröffentlichte dieser so versierte Multiinstrumentalist kürzlich nach Jahren überraschend erneut eine gleichsam gehalt- wie genussvolle Liedersammlung. „Treue & Verrat“ betitelt, beinhaltet das aktuelle Album gleichfalls wie sein erquicklich famoser Vorgänger eine beeindruckende Fülle an betörend eingängigen und dabei betont einfühlsamen, ja letztlich wieder wirklich wunderschönen Kompositionen.

„Ich denke, man ist nie wirklich zufrieden mit seiner Arbeit. Irgendetwas fällt einem im Nachhinein immer ein, was man hätte besser machen können. Bis auf den Sound, der wirklich nicht optimal ist bin ich aber dennoch zufrieden mit dem Werk und auch froh, dass es endlich das Licht der Welt erblickt hat. Die Aufnahmen erstreckten sich über knapp drei Jahre und irgendwann will man ja auch mal fertig werden“, berichtet mir Sköll zu Beginn unseres ausgiebigen Zwiegesprächs. Was dann an Aussagen und Meinungen von dem Berliner folgt, zählt zweifellos zum Interessantesten, Ehrlichsten und auch Niveauvollsten, was mir über all die Jahre in diesem Genre unterkam. Bemerkenswert.

Nachdem „Niemals krönender….“ aufgenommen war, arbeiteten er und seine damalige Rotte auch schon an neuen Liedern für eine Mini-CD, wie Sköll im Anschluss dazu erklärt – doch dann kam letztlich alles ganz anders: „Nox Intempesta als „richtige“ Band war geboren und meine zwei Mitstreiter widmeten sich von nun an ausschließlich dieser Band. Dies war dann erstmal das Ende für Arathorn. Ich habe lange versucht geeignete Mitstreiter für meine Musik aus Black/Pagan Metal und mittelalterlicher Folklore – man könnte es auch Neo-Folk mit E-Gitarre nennen –, zu finden. Doch irgendwie wollte mir dies nicht gelingen, was man gar nicht glauben mag, bei so einer Großstadt wie Berlin. So beschloss ich Arathorn als Einmann-Band wieder auferstehen zu lassen. Doch irgendwie kam immer etwas dazwischen. Entweder fehlte es an finanziellen Mitteln oder andere Ereignisse machten mir das Leben schwer. Na ja, jetzt ist es ja geschafft.“

Wir kamen zum musikalischen und spirituellen Hintergrund von Arathorn zu sprechen. Sköll offenbart zu diesem Kontext: „Ich versuche mit Arathorn Gefühle und Emotionen die in mir stecken, sowie Momente, die mich bewegen musikalisch auszudrücken. Das Ergebnis sind dann jene Melodien und Klänge, die den Reiz von „Treue & Verrat“ ausmachen. Die Lieder auf dem neuen Album stellen zum einen Auszug der Thematik des großartigen Heldenepos „Nibelungenlied“ dar und zum anderen beinhaltet „Treue & Verrat“ Geschichten beziehungsweise Ereignisse aus der Edda beziehungsweise der germanischen Sagenwelt im allgemeinen.“

Im Weiteren drehte sich der ausgiebige Dialog um die Liedertexte des aktuellen Arathorn-Werkes – und Sköll expliziert hierzu: „Der Text von „Am Tage der letzten Schlacht“ handelt von den Ereignissen, die Ragnarök ankündigen. In der Edda gibt es eine Stelle, die heißt „der Seherin Gesicht“. Sie beschreibt welche Dinge geschehen bevor der Weltuntergang seinen verheerenden Verlauf nimmt. Um diese Ereignisse geht es in dem Lied. Bei „Ragnarök“ ist das Ereignis dann bereits in vollem Gange. „Siegfried von Xanten“ hingegen gewährt einen kleinen Kurzdurchlauf über das Leben des Helden, wobei hauptsächlich sein Werben um Kriemhild und seine Liebesleiden beschrieben werden. In „Hagens Verrat“ geht es um den Augenblick in dem Hagen vor Kriemhild steht und in ihr die Angst schürt, ihr Gemahl sei nicht mehr sicher. Nachdem er ihr versicherte, er könne Siegfrieds Leben nur schützen, wenn er die Stelle wüsste, an welcher dieser verwundbar sei, nähte sie ein Kreuz auf sein Gewand und bereitete so unbewusst den Weg für Hagens schändliche Tat. „Siegfrieds Tod“ behandelt dann die Szene, in welcher er aus dem Brunnen trinkt und hinterrücks ermordet wird. So viel zu den Texten.“

Sehr interessant, sage ich. Zu seiner Attitüde des heimatlichen Geschichtsbewusstseins erfragte ich Sköll daher, welcher Teil der altdeutschen Geschichte ihn am meisten fasziniert. Er konkretisiert dazu nur allzu gerne: „Ich denke das letzte Jahrtausend war im Allgemeinen recht interessant – wobei ich die Zeit bis zur Industrialisierung bevorzuge, da von da ab mir alles etwas zu schnell ging beziehungsweise geht. In der Zeit ist so viel geschehen. Was die Kunst angeht: Es gab Walther von der Vogelweide, der schon fast so etwas wie der erste Popstar war, es gab Maler wie Albrecht Dürer, dessen Bilder ich neben denen von Caspar David Friedrich sehr schätze und auch das Nibelungenlied wurde geschrieben. Doch auch Personen wie Florian Geyer, der zur Zeit der Bauernkriege eine große Rolle spielte oder auch der im Zuge des Piraten-Hypes (dank Fluch der Karibik) wieder entdeckte Klaus Störtebeker waren faszinierende Personen. Auch ist diese Zeit voller Mythen und Legenden. Das untergegangene Rungholt, der Rattenfänger von Hameln (vor allem der historische Hintergrund dieser Sage) oder aber die Märchen der Brüder Grimm. Ganz abgesehen von Meistern wie Johann Sebastian Bach und Richard Wagner, um nur einige zu nennen. Du siehst, man kann gar nicht genug aufzählen um dieser Zeit gerecht zu werden. Doch leider wissen immer weniger junge Leute darüber Bescheid und lediglich die Gymnasien nehmen sich einiger Themen an. Selbst die eher jüngere Vergangenheit ist so gut wie nicht bekannt. Die wenigsten wissen, dass Deutschland vor der Reichsgründung 1871 ein Flickenteppich voller kleiner Fürstentümer und Ländereien war. Vielleicht kann ich mit meinem aktuellen Werk ein paar Leute für dieses oder jenes begeistern. Das wäre dann musikalischer Geschichtsunterricht“, schätzt Sköll die Sache ein.

Sein Interesse dazu war schon von Anfang an da, wie er mir erzählt, vor allem, da er von seinen Großeltern immer seine Ration Grimms Märchen vorgelesen bekommen hatte, so Sköll. „Auch waren meine Großeltern sehr bewandert, was alte Sagen und Legenden anging. Auch verreisten wir in den Ferien immer innerhalb Deutschlands und meistens gab es dort irgendwelche Feste oder Ereignisse zu erleben, die sich mit der Geschichte der jeweiligen Stadt beschäftigten. Oder nehmen wir die vielen Burgen und Schlösser entlang des Rheins, um welche sich Mythen und Legenden ranken. Dies alles hat mich schon als kleinen Jungen fasziniert. Doch auch im Brandenburger Umland gibt es einiges zu entdecken. Man denke nur an den Ritter Christian-Friedrich Kahlbutz, der einfach nicht verwesen will. Früher gab es in der Schule noch das Fach „Heimatkunde“. Ich würde es wieder einführen, damit man wenigsten ein bisschen über die kulturellen Schätze seiner Heimat Bescheid weiß. Vielleicht sind die Kinder gar nicht so uninteressiert wie mancher glaubt. Man müsste ihnen nur mal etwas was anderes als den gängigen Mainstream anbieten.“ Ja, man müsste. Aber dann würden wohl viele der modernen fatalen Konsum-Mechanismen nicht mehr so effizient funktionieren. Also „erziehen“ die verantwortlichen Stellen die Menschen viel lieber zu Fachidioten und Karrieresüchtigen, die sich beliebig manipulieren lassen.

In welche Richtung sich seine Musik voraussichtlich entwickeln wird, wollte ich anschließend von Meister Sköll wissen – und dieser konkretisiert dahingehend: „Ich denke mit dieser Mixtur aus eingangs schon erwähnten Elementen wie Metal/Neofolk beziehungsweise Neoklassik habe ich das gefunden, was ich auch wirklich machen will. Da ich auch ein Freund russischer Kosaken-Chöre beziehungsweise russischer Folklore bin, kann es durchaus sein, dass auch solche Elemente meine Musik beeinflussen werden. Vielleicht mal eine Balalaika oder wieder ein Akkordeon, wer weiß? Auf jeden Fall werden diese mittelalterlichen und folkloristischen Einflüsse immer ein großer Bestandteil meiner Musik sein“, gibt der Man mir zu Protokoll.

Alle wollen zurück zur Natur, nur nicht zu Fuß – was ja ganz bestimmt nicht für Sköll gilt. Wie also lebt der talentierte Arathorn-Musikus seine Naturverbundenheit aus? Wir erfahren: „Ich liebe die Natur und die Menschheit sollte begreifen, dass sie ohne die Natur nicht leben kann, umgekehrt jedoch schon. Jedes Lebewesen hat innerhalb dieses Kreislaufs von Fressen und Gefressenwerden seinen Platz. Lass’ aber den Menschen aussterben und es würde nichts passieren. Doch zurück zu deiner Frage: Obwohl ich in Berlin lebe, habe ich immer noch die Möglichkeit durch Wälder, Wiesen und Felder zu streifen – ich wohne mehr am Rande von Berlin. Dies ermöglicht mir die Natur mit allen Sinnen zu erleben und gibt mir wieder Kraft um mich vom Stress und der Hektik dieser Großstadt zu erholen. Auch versuche ich die Gaben der Natur wie Pilze, Früchte, Kräuter etc. zu nutzen. Eine Kräuterhexe bin ich nicht – aber ich versuche so viel wie möglich darüber zu lernen. Wo der Chemie Grenzen gesetzt sind, hat Mutter Natur vielleicht doch noch ein Ass im Ärmel. Doch leider werden viele Dinge ausgerottet sein bevor man ihren Wert überhaupt erst erkennt.“

Ein mental massiv prägendes Ereignis in dem Sinne gab es für Sköll bislang nicht, wie er erzählt, dennoch: „Wenn ich an einem Sonntagmorgen in den Wald gehe und die Sonne scheint durch die Baumwipfel und fängt sich in einem kleinen Waldsee, dann eröffnen sich mir Momente, wie sie ein Maler nicht besser hätte einfangen können; vor allem im Herbst. Doch es gibt auch die andere Seite, wenn ich am Meer stehe und die Herbststürme die Wogen peitschen, entfesselt das Meer eine Kraft, mit der sich die zerstörerischsten Erfindungen der Menschheit nicht messen können. In solch’ einem Augenblick spüre ich die Kraft der Natur und merke, wie unbedeutend der Mensch im Vergleich doch ist.“

Ich sprach diesen ausgesprochenen Individualisten nachfolgend auf die gegenwärtig auffallend immer mehr zunehmende Verschmutzung der Landschaften an – er spricht dazu: „Das stört mich ganz gewaltig. Doch heute zählt nur noch der schnöde Mammon – und indem man nach Gewinnmaximierung strebt, beutet der Mensch die Erde aus und betreibt Raubbau an der Natur. Doch irgendwann ist Schluss. Die Meere sind ja jetzt schon überfischt und die Regenwälder werden abgeholzt, damit Kokosplantagen entstehen, die uns mit ihrem Öl, welches dann in Kraftwerken verbrannt wird, Öko-Strom bescheren sollen. Was auch noch von staatlicher Seite subventioniert wird. Natürlich muss das Öl mit Flugzeugen erst zu uns transportiert werden. Das nennt sich dann „Öko-Strom“; und schon wieder hat man erfolgreich das Volk hinters Licht geführt – und man kann sich in einem ruhigen Gewissen sonnen. Ich will jetzt nicht zurück in die Steinzeit. Der Metal wird schließlich auch mit E-Gitarren gemacht, die ohne Strom nicht funktionieren – aber man sollte sich im Kleinen überlegen ob denn wirklich jedes Gerät laufen muss sobald man nach Hause kommt. Da die Menschheit aber nicht auf ihre Bequemlichkeit verzichten will, sehe eigentlich keine Chance – zumal die Leute, die die Macht haben etwas zu ändern, kein Interesse daran haben dies auch zu tun. Eigentlich gibt es nur ein Mittel das zu beheben, nämlich dann, wenn die Hälfte der Menschheit dahingerafft ist. Dann kann unsere Mutter Erde vielleicht wieder aufatmen. Der Mensch hat einfach nicht gelernt seine Erfindungen, sein Wissen und „Know-How“ sinnvoll einzusetzen. Die beste Vorbeugung dagegen ist vielleicht diejenige solcher Art, wenn der Mensch erkennt, was er hat und was er zu verlieren hat. Doch woher soll er’s wissen – wenn er’s nie gelernt hat?“

In der Tat. So erkundigte ich mich aus gegebenem Anlass bei Sköll, warum seiner Meinung nach sich der Mensch wohl mit den Jahrhunderten immer weiter von der Natur entfernt hat – und warum den Kindern in der Schule das heutzutage nicht mehr entsprechend tiefgründig beigebracht wird. Jetzt wird er aufbrausend: „Da sprichst du ein wichtiges Thema an. Unsere Vorfahren haben die Natur und das was sie zu bieten hat noch mit Respekt behandelt und die Mutter Erde auch als solche angesehen. Für jeden gefällten Baum hat man wieder neue gepflanzt und man war dankbar wenn man erfolgreich bei der Jagd war. Auf jeden Fall hat man sich nicht über alle Maßen aus ihr bedient. Ich denke in einer Zeit, die immer schnelllebiger wird, ist scheinbar immer weniger Interesse an traditionellen und historischen Errungenschaften da. Viele Annehmlichkeiten, die man heute hat, nimmt man einfach als gegeben hin und denkt nicht daran, dass dies nicht immer so war. Alles muss ständig neuer, besser und teurer sein – sonst könnte diese Wegwerfgesellschaft auch gar nicht existieren. Wer geht denn heute beispielsweise noch zum Schuster, um sich die Schuhe besohlen zu lassen? In so einer Atmosphäre ist natürlich kein Platz für die Natur und Dinge, die auf den ersten Blick keinen wirtschaftlichen Nutzen haben. Wenn elfjährige Kinder nicht wissen was Tannenzapfen sind, sagt das doch alles. Mann könnte durchaus in der Schule versuchen den Kindern die Schönheit der Natur näher zu bringen und ihnen zeigen was es alles in Feld Wald und Flur zu entdecken gibt. Kinder sind da noch leichter zu begeistern, wenn man das wirklich will. Aber das ist wohl ein Anliegen für den Kultusminister.“

Erneut löblich weise gesprochen. Doch anstatt Kindergarten- und Schulkindern enorm wichtige zeitlose Natur- und Menschenwerte zu vermitteln, werden den unschuldigen blutjungen Seelen ja leider viel lieber erschreckend blutige und endlos grausame Nagelungs-Storys so früh als nur irgend möglich in die noch so formbaren Psychen gehämmert. Ich selbst erinnere mich nur allzu gut daran, als mir im Alter von circa vier (!) Jahren wirklich Angst und Bange wurde: „Der Heiland ist auch für dich so grenzenlos qualvoll am Kreuze gestorben“, hieß es da damals, mit erhobenem Zeigefinger, prätentiös dramatisierend, mit unerträglich heuchlerischer Anmaßung. Mich machte das jedoch lediglich unsagbar traurig, mir das vorstellen zu müssen, sonst gar nichts. Also, schlau geplant: Denn welches Menschlein in einem solchen Alter Solcherlei vernimmt, kommt Zeit seines Lebens nicht mehr vollends davon los. Darum geht es. Nur den Allerwenigsten gelingt die loslösende Abkehr – vorausgesetzt, man hat die nötige Zeit um sich in all die historische wie auch gegenwärtige Materie einzulesen und dadurch die trickreichen Zusammenhänge dieser beständigen Machtinstitution entsprechend zu deuten beziehungsweise zu erkennen.

Doch, schnurstracks zurück zu Arathorn’s Belangen: Ich fragte Sköll, wie die Leute in den anderen Gegenden der Erde wohl „ihre“ Natur wieder entdecken und lieben lernen könnten. Der Mann macht den Mund auf: „Dazu müsste man den Leuten einfach mal die Augen öffnen. Soweit sie das überhaupt zulassen. Wenn ich beispielsweise einen Hektar Wald habe und feststelle, wie schön und erholsam es ist, jede Woche nur eine Stunde an Baumreihen vorbei über Moose zu laufen und mich an den Früchten des Waldes zu laben, und wenn ich dann dabei erkenne, dass ich dieses Vergnügen wahrscheinlich mein halbes Leben lang haben kann. Holze ich aber diesen Hektar Wald ab und verkaufe das Holz habe ich einmal Geld und das war’s. Das ist es was ich meine, der Mensch denkt nur für den Augenblick und nicht weiter. Da schließt sich dann auch wieder der Kreis. Wer schon Früh im Kindesalter mit diesen Dingen konfrontiert wird und die Schönheit der Natur kennen und lieben gelernt hat, geht auch als Erwachsener anders damit um.“

Wie geht das seiner Meinung nach weiter, erkundigte ich mich – wird die Natur irgendwann aus dem Bewusstsein des „modernen“ Menschen verschwunden sein, mein guter Sköll? „Ich fürchte fast. Doch anderseits hoffe ich, dass immer mehr Menschen erkennen, dass dieser ganze moderne Kram auf die Dauer ins Bodenlose führt. Die moderne Technik schreitet immer mehr voran und was gestern noch angesagt war ist heute schon nicht mehr gefragt. Im Zuge dieser schnelllebigen Zeit wird deutlich wie vergänglich doch alles ist. Vielerorts wird der Mensch von dieser Entwicklung überrollt, weil er mit dem Tempo nicht mehr mithalten kann und somit auf der Strecke bleibt. In solch einer Atmosphäre wird dann die Sehnsucht nach Beständigkeit laut und man sieht alte Werte und vielleicht auch Lebensweisen aus vergangenen Zeiten in einem völlig neuen Licht – und man erkennt, dass Dinge, die heute vielleicht belächelt werden, doch nicht so schlecht waren. Nicht umsonst haben Neo-Heidentum und Mittelalter oder einige andere Alternativen zur modernen Lebensweise momentan Hochkonjunktur. Wie gesagt, ich will die Erfindungen der Neuzeit nicht missen. Ich finde es toll, dass ich eine CD in den Player schmeißen kann und mich an guter Musik erfreuen kann. Auch liebe ich es, mir mal einen guten Film anzusehen. Oder wie würde Metal wohl auf archaischen Instrumenten klingen? Es sollte alles nur etwas ausgewogener sein: Sich eben zu erfreuen an den Annehmlichkeiten der Neuzeit, aber die alten Werte schätzen und sie nicht aus den Augen verlieren.“

Apropos: Wie steht Sköll denn zur überwiegenden kulturellen Unsäglichkeit der „Moderne“? Lesenswertes entfährt dem Musiker: „Dass ich das Moderne nicht grundsätzlich ablehne, habe ich ja eben schon gesagt. Aber mit der Moderne als Kunstform kann ich nichts anfangen. Viele so genannte Künstler, die in meinen Augen nichts zustande bringen, drängen uns ihr Verständnis von Kunst auf. Siehe Joseph Beuys (der Fettstuhl), bei dem Mann hört mein Kunstverständnis auf. Oder sieh dir nur die aktuellen Musikcharts an. Das ist keine Kunst, deren Inspiration aus dem Herzen kommt. Das ist eine Marketingstrategie, die den Zeitgeist treffen will um möglichst viel Geld zumachen. Wenn so ein Schwachsinn wie „Schnuffel“ ganze 12 Wochen lang auf Platz 1 der Verkaufscharts ist, fange ich an zu zweifeln. Nicht, dass ich Probleme damit habe, wenn jemand von seiner Kunst leben will und das auch kann, ich täte das auch gern. Aber ich würde mich niemals verbiegen. Und solange ich meine eigenen Lieder noch hören kann ist alles gut. Es kommt auch mal vor, dass ich mir irgendwelchen Top 10-Kram anhöre, wenn er gerade läuft, so zur akustischen Berieselung. Aber ich sehe es als das an was es ist: Business und keine Kunstforum.“

Wo clever inszenierte gesellschaftliche Eile und rasante Lebens-Schnelligkeit mit rabiat geschwungenem Zepter vorherrschen, ist eben kein Platz mehr für zeitlose Herzenskunst. Apropos, wie hält es Sköll mit Schnellimbissen? Oder kocht er lieber selbst? Es lernen ja bedauerlicher Weise immer weniger Leute gutes Essen zu kochen, was oft mit „Stress“ und „Hektik“ begründet wird. Sköll: „Ja, aufgrund von Zeitmangel esse ich auch schon mal am Schnellimbiss. Mal kann man sich auch mal so etwas antun. Bei vielen Leuten ist das jedoch schon die Regel. Manche haben halt keine Zeit, haben einen Zwölfstundentag oder brauchen zwei bis drei Jobs, um ihr Leben bestreiten zu können. Das bringt halt diese schnelllebige Zeit mit sich. Aber viele sind nicht mal mehr in der Lage, etwas Einfaches zu kochen, selbst wenn sie die Zeit dazu hätten. Ich koche meistens selbst – und versuche dabei, wenn möglich, etwas Gescheites auf den Tisch zu bringen. Ich werde jedoch jetzt nicht aufführen, was dies alles sein kann. Wenn es sich aber um einen Sonntagsbraten handelt: Es geht doch nichts über einen guten Rehbraten mit Rotkohl und Klößen.“ So ist es!

© Eckbert, 18.05.2008

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